„Die hässlichste Mannschaft der Premier-League“ oder der „FC Eckball“ – das sind nur einige der Begriffe, die dem FC Arsenal auf dem Weg zur englischen Meisterschaft an den Kopf geworfen werden. In der Champions League wartet auf Bayer Leverkusen ein Grenzgänger-Gegner mit einer Zauberformel und viel Geduld.
Warum niemand dem FC Arsenal den Premier-League-Titel gönnt
Darum gönnt niemand Arsenal den Titel
Es lief die 66. Spielminute im Londoner Derby zwischen dem FC Arsenal und dem FC Chelsea, als sich die Mannen von Trainer Mikel Arteta mal wieder in geschlossener Mannschaftsstärke in Richtung des Sechzehners der Blues aufmachten. Schließlich gab es mal wieder einen Eckball für die Gunners.
Arsenal: Auf Rice folgt Zerren und Stoßen
Was folgte, war nicht nur eine Kopie des ersten Treffers an diesem Abend, sondern auch eine der 21 (!) erfolgreichen Situationen dieser Saison zuvor.
Die meist von Declan Rice scharf getretene Eckballflanke segelte in den von insgesamt 15 (!) Spielern besetzten Fünfmeterraum, in dem an jeder Stelle gezogen und gehalten wird. Am Rande zu erwähnen sei, dass sich zudem alle Chelsea-Akteure zu diesem Zeitpunkt im eigenen Strafraum befanden.
Die Folge: Chelsea-Keeper Robert Sánchez irrte, blockiert durch seinen Hoheitsbereich, umher, was Jurrien Timber zu nutzen wusste und per Kopf den 2:1-Siegtreffer des Premier-League-Spitzenreiters markierte.
Das Tor des Niederländers war der 22. Treffer nach einem Eckball in dieser Saison und schraubte auch den Anteil der Arsenal-Tore nach Ecken auf eine unglaubliche Quote von über 37 Prozent aller in dieser Premier-League-Spielzeit geschossenen Tore in die Höhe.
Premier League: Der Zauberlehrling und seine Geschosse
Doch damit nicht genug. Denn nicht nur die Arteta-Truppe scheint den Wert von ruhenden Bällen in der fortschreitenden Entwicklung des Spiels zu erkennen. Mit 138 Treffern nach Eckbällen in der Premier League wurde der Wert der vergangenen Spielzeit mit 135 Toren bereits jetzt übertroffen.
Beeindruckende Zahlen, die nicht nur in England für großes Unbehagen sorgen. In einem Kommentar der Daily Mail findet Jeff Powell polemische Worte: „Das ist die deprimierende Wahrheit: Die Premier League wird von der hässlichsten Mannschaft des Landes gewonnen.“
Er führt aus: „Der manische Mikel (Mikael Arteta; Anm. d. Red.), der Zauberlehrling, hat diese Ecken auf den Entwurf gezeichnet. Dann hat er das gesamte Design mit der grausamen Strategie überlagert, den Gegner in seinem eigenen Strafraum zu schlagen, zu stoßen, zu treten und zu schikanieren, um diese Geschosse von der Eckball-Fahne in Tore zu verwandeln.“
Premier League: Druide des Erfolgs ist in Berlin geboren
Was der britische Journalist unterschlägt: Das Genie aus Sicht des FC Arsenal oder der hinterlistige Druide aus Sicht der Kritiker hat in diesem Fall einen anderen Namen. Nicolas Jover.
Der 44-jährige Franzose, der in Berlin geboren wurde, ist seit der Saison 2021/22 Standardtrainer bei Arsenal. Nach seinem Wechsel vom Ligakonkurrenten Manchester City zu den Gunners werden unter seiner Regie die diskutablen, aber äußerst erfolgreichen ruhenden Bälle getreten.
Die Geheimformel für den erfolgreichen Zaubertrank zur Produktion von Eckballtreffern am Fließband wird aber weiterhin unter Verschluss gehalten.
Wie das Portal Arsenalinsider berichtet, belegten die Verantwortlichen Jover mit einem Interviewverbot, um ihre Geheimwaffe unter Verschluss der Öffentlichkeit zu halten.
Slot: „Hier kannst du dem Torwart fast ins Gesicht schlagen“
Andere Akteure aus dem europäischen Spitzenfußball wiederum sprachen gerne über die Taktik des „FC Eckball“.
Für Liverpool-Trainer Arne Slot spielt vor allem das Behindern des gegnerischen Schlussmanns eine entscheidende Rolle: „Mir bereiten die meisten Spiele in der Premier League keine Freude. In der Eredivisie sehe ich, dass Tore aberkannt und Fouls an Torhütern gepfiffen werden. Hier allerdings kannst du dem Torwart fast ins Gesicht schlagen.“
Auch BVB-Keeper Gregor Kobel schlug in die gleiche Kerbe: „Ich finde, die Blocks, die man im Moment stellen kann, sind aus Torwartsicht krass. Das juckt natürlich niemand, weil die Torwart-Community klein ist, aber das ist brutal.“
Mikel Arteta, der Vater des Erfolgs, entgegnete der Kritik mit Unverständnis, allerdings nicht gegenüber seinen Kritikern. Er sei vielmehr „verärgert, dass Arsenal nicht mehr Tore aus Standardsituationen erzielt habe“.
Der Spanier erläutert: „Wir wollen in jeder Hinsicht das beste und dominierende Team sein. Das ist das Ziel dieses Teams. Als Verein wollen wir dasselbe erreichen, also werden wir uns darum bemühen. Es gibt Phasen, in denen ein Team die Möglichkeit hat, bestimmte Dinge zu tun. Das Spiel entwickelt sich weiter und wird immer schwieriger.“
Auch Hürzeler schießt scharf
Jegliche Möglichkeiten in bestimmten Spielphasen zu nutzen, reizt die Arteta-Truppe auch bis zum letzten Grad aus. Das bekam zuletzt auch Fabian Hürzeler mit Brighton & Hove Albion zu spüren.
Der deutsche Übungsleiter polterte auf der anschließenden Pressekonferenz, nachdem sich die Londoner sehr viel Zeit für die Ausführung von Standardsituationen gelassen hatten: „Es gibt keine klaren Regeln mehr – wie viel Zeit man für eine Ecke aufwenden darf, wie viel Zeit man für die Vorbereitung eines Einwurfs aufwenden darf. Wenn Arsenal einen Eckball hat und in Führung liegt, brauchen sie manchmal über eine Minute, um einen Eckball auszuführen.“
Über zwei Stunden Wartezeit auf Arsenal-Ecken
Die Kritik des deutschen Trainers der Seagulls ist auch statistisch nachweisbar. So benötigen die Gunners laut Opta pro Partie vier Minuten und 18 Sekunden für die Ausführung von Eckbällen. In der gesamten Saison liegt die Wartezeit der Konkurrenz mittlerweile bei über zwei Stunden.
Da bekommt der weltberühmte Kommentar „Corner taken quickly - Origi“ bei den Gunners eine ganz neue Bedeutung. Vielmehr heißt es nun wohl eher: „Corner taken slowly - the Gunners score again.“
In Nordlondon wird diese Zeit allerdings kaum als verlorene Zeit wahrgenommen. Im Gegenteil: Für Arteta und sein Team ist sie Teil einer minutiös einstudierten Dramaturgie.
So ist aus dem Spottnamen „FC Eckball“ ein Markenzeichen geworden.