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Nick Woltemade: Ist das wirklich eine gute Idee?

Woltemades nächster Umweg

Nick Woltemade bricht sein Abenteuer in der Premier League schon nach einem Jahr ab und versucht sein Glück in Italien bei Juventus Turin. Ob das ein guter Plan ist?
Nick Woltemade hat sich am Deadline Day auf Leihbasis Juventus Turin angeschlossen. Nur ein Jahr nach seinem vielbeachteten Wechsel zu Newcastle United braucht der Nationalspieler einen Neustart.
Nick Woltemade bricht sein Abenteuer in der Premier League schon nach einem Jahr ab und versucht sein Glück in Italien bei Juventus Turin. Ob das ein guter Plan ist?

Dietmar Hamann hielt sich, wie so oft, nicht lange mit diplomatischen Formulierungen auf. Bei Sky machte der ehemalige Nationalspieler keinen Hehl daraus, dass ihm der Wechsel „nicht wirklich“ gefalle. Und auch die englische Presse sparte wenig später nicht mit Kritik. In gewohnt zugespitzter Manier war von einem „Panik-Kauf“ die Rede, der Telegraph sprach gar von einem „64-Millionen-Pfund-Fehlgriff“.

Gemeint ist Nick Woltemade. Der Angreifer war im vergangenen Sommer kurz vor dem Ende der Transferfrist vom VfB Stuttgart zu Newcastle United gewechselt – für bis zu 90 Millionen Euro, wie es damals hieß. Ein Sensationsdeal. Schließlich hatte Woltemade zu diesem Zeitpunkt gerade einmal eine starke Rückrunde in der Bundesliga gespielt, dazu mit einer überzeugenden U21-Europameisterschaft auf sich aufmerksam gemacht. 

Zwölf Monate später steht der deutsche Nationalspieler nun vor dem nächsten Neustart. Diesmal in Italien. Juventus Turin leiht Woltemade für eine Saison aus, eine Kaufoption gibt es nicht. Der Schritt ist damit vor allem eines: der Ausweg aus einer Situation, die für Woltemade immer unbefriedigender geworden wäre.

Ob das gutgehen kann? Oder sind die scharfen Urteile aus England und Hamanns Zweifel doch berechtigt? Risikofrei ist dieser Wechsel zweifellos nicht. Andererseits spricht einiges dafür, dass ihm kaum eine andere Wahl blieb.

Als Matthäus und Hoeneß sogar wegen Woltemade stritten 

Vor einem Jahr gehörte Woltemade noch zu den begehrtesten Spielern auf dem Transfermarkt. Schnell sorgte der Fall für unzählige Diskussionen. Lothar Matthäus und Uli Hoeneß lieferten sich öffentlich einen Streit über die angemessene Ablösesumme. Karl-Heinz Rummenigge gratulierte Stuttgart damals mit spitzer Zunge.

Mit Newcastle habe man einen „Idioten“ gefunden, der eine solche Summe bezahle. Dabei schien die Rechnung zunächst aufzugehen. Woltemade legte in der Premier League vielversprechend los und ließ sein Potenzial immer wieder aufblitzen.

Doch je länger die Saison dauerte, desto mehr verlor der Stürmer an Bedeutung. Seine Einsatzzeiten wurden weniger, teilweise musste er sich mit ungewohnten, deutlich tieferen Positionen begnügen. Auch seine Torquote brach ein. Seit dem 20. Dezember traf Woltemade nur noch zweimal.

Woltemade keiner für Jaissles System?

Nach dem Abschied von Trainer Eddie Howe übernahm Matthias Jaissle. Viel mehr Vertrauen als sein Vorgänger schenkte auch er Woltemade zunächst nicht. Zudem soll der Ex-Stuttgarter nicht ideal in Jaissles System gepasst haben. Und dann war da noch dieser Preis, über den in England ständig diskutiert wurde. 

Wer für rund 75 Millionen Euro verpflichtet wird, übernimmt die Erwartungen, die mit einer solchen Investition verbunden sind.

Woltemade wurde nicht daran gemessen, ob er Zeit benötigte, um sich an ein neues Land, ein neues Umfeld und ein höheres Niveau zu gewöhnen. Sondern daran, ob er die Ablöse rechtfertigen konnte. Jeder verpasste Startelfeinsatz, jede torlose Partie und jede schwächere Vorstellung wurden vor diesem Hintergrund bewertet.

So wandelte sich die Wahrnehmung bemerkenswert schnell. Die Leihe zu Juventus bietet nun die Gelegenheit, dieser Debatte zu entkommen.

Woltemade trifft in Turin auf ein anderes Sorgenkind

Es wäre nicht das erste Mal, dass Woltemade einen erfolgreichen Umweg nimmt. Ausgebildet bei Werder Bremen, gelang ihm der Durchbruch im Profifußball erst fern der Heimat. Eine Leihe zur SV Elversberg, die damals in der 3. Liga spielte, wurde zum Startpunkt seiner Karriere, die anschließend steil nach oben führte.

Mit gesammelter Spielzeit und neuem Selbstvertrauen ging es Schlag auf Schlag: VfB Stuttgart, Pokalsieg, U21-Vizeeuropameister, Nationalmannschaft. Die Leihe wurde zum Karrierebeschleuniger. Allerdings mit dem Unterschied: Niemand hatte so große Erwartungen.

Woltemade soll nun in Italien wieder der werden, der er vor Newcastle war. Juventus bemühte sich dem Vernehmen nach schon seit Wochen um den Angreifer. Wenn ein Wechsel, dann nach Turin, hieß es aus seinem Umfeld.

Kolo Muani auch bei Juve gelandet

Dort trifft er mit Randal Kolo Muani auf einen Spieler, der die Schattenseiten großer Transfers ebenfalls kennengelernt hat. Der ehemalige Frankfurter verließ die Bundesliga einst für eine Ablösesumme von über 90 Millionen Euro und kämpft seitdem auch darum, an frühere Leistungen anzuknüpfen.

Immerhin: Die Voraussetzungen für Woltemade wirken günstiger, als sein schwieriges Jahr in der Premier League vermuten lässt. Denn bei Juventus wurde mit der Leihe von Jonathan David Platz geschaffen. Der Deutsche galt laut mehreren Berichten als Wunschlösung, sogar vor Joshua Zirkzee.

Trainer Luciano Spalletti sieht in ihm offenbar nicht bloß einen großen Zielspieler für Flanken. Vielmehr zeichnet ihn aus, dass er sich fallen lässt, Räume zwischen den Linien besetzt, Bälle behauptet und Angriffe selbst vorbereitet. Genau diese Rolle könnte ihm liegen.

Woltemade muss auch Klopp überzeugen

Das Gute ist: In Turin muss Woltemade nicht die komplette Last alleine tragen. Dazu spricht bei Juventus zumindest einiges dafür, dass sein Profil endlich wieder gefragt ist. Die Italiener verpflichten Woltemade lediglich auf Leihbasis, wodurch das Risiko für beide Seiten überschaubar bleibt.

Gleichzeitig erhält Trainer Spalletti einen Angreifer, dessen Fähigkeiten sich von denen vieler anderer Offensivspieler im Kader unterscheiden. Die Herausforderung wird die Anpassung an die Serie A sein. Woltemade muss lernen, mit einer anderen Art der Verteidigung umzugehen.

Der Wechsel wird für Woltemade deshalb zu einer echten Bewährungsprobe. Der Torjäger will beweisen, dass seine starke Zeit in Stuttgart keine Ausnahme war. Er möchte Tore schießen, Spiele prägen und Verantwortung übernehmen. In Newcastle konnte er das mangels Einsatzminuten nicht mehr zeigen.

Umso genauer wird man in Turin auf ihn schauen. Sicherlich auch der neue Bundestrainer Jürgen Klopp, um herauszufinden, ob er auf Woltemade in der DFB-Auswahl setzen soll.