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Irre Forderung von Ex-Sportler: Bundesliga-Vereine sollen Sport finanziell fördern

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Irre Forderung von Ex-Sportler: Bundesliga-Vereine sollen Sport finanziell fördern

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Ex-Sportler rechnet mit Sportsystem ab

Das historisch schwache Abschneiden der deutschen Mannschaft bei der Leichtathletik-WM entfacht neue Diskussionen. Der Ex-Leichtathlet und Bob-Anschieber Andreas Bredau präsentiert im SPORT1-Interview seine Ideen und rechnet mit der Politik und den Verbänden ab.
Alica Schmidt macht bei den Deutschen Meisterschaften sportlich auf sich aufmerksam. Währenddessen ist das Thema Doping aktuell wieder en vogue in der Leichtathletik, zum Leidwesen von Schmidt.
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Es brodelt derzeit im deutschen Sportsystem. Die Kritik an den aktuellen Strukturen ist nicht zuletzt durch das historisch schwache Abschneiden der deutschen Leichtathletik-Mannschaft bei der WM enorm.

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In der Folge haben sich mehrere ehemaligen Athleten gemeldet und teils massive Kritik geäußert. Während sich Ex-Zehnkämpfer Rico Freimuth vor allem den Verband zur Brust nahm, holte Robert Harting zur Generalkritik am System aus.

Viel Frust hat sich auch beim ehemaligen Leichtathleten und Bobsportler Andreas Bredau angestaut. Im SPORT1-Interview schlägt er in dieselbe Kerbe wie sein Freund Harting.

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Bredau fordert mehr mediale Aufmerksamkeit für den Sport

Bredau nennt die größten Kritikpunkte im System, rechnet mit der Politik ab und nennt seine Ideen, um den deutschen Sport wieder auf Top-Niveau zu führen. Dabei will er auch die großen Fußball-Vereine in die Pflicht nehmen.

SPORT1: Herr Bredau, keine einzige deutsche Medaille bei der Leichtathletik WM - wie sehen Sie das erfolglose Abschneiden als ehemaliger Weltklasse-Athlet?

Andreas Bredau: Es ist traurig, sehr traurig, dass es jetzt so weit gekommen ist. Aber man muss ganz ehrlich sein: Das war abzusehen. Die Entwicklung in den vergangenen Jahren hat gezeigt, dass mehr oder weniger genau das passieren wird.

SPORT1: Ihr Freund Robert Harting kritisiert Bürokratie und fehlende Förderung, nennt Deutschland „fett, unkreativ und alt“. Wo sehen Sie die größten Probleme im Spitzensport?

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Bredau: Wir haben ein grundsätzliches Problem im deutschen Sport, in unterschiedlichen Bereichen. Zum einen ist da die Berichterstattung: Egal wo - es wird zu wenig gezeigt. Wie will man Aufmerksamkeit erzielen, wenn nichts stattfindet in den Medien? Wann hat man das letzte Mal einen Judoka, einen Ringer oder andere kleinere Sportarten gesehen, die nicht so medienwirksam sind? Nur bei Olympia ist das der Fall. Bei einem Olympiasieger oder einer Olympiasiegerin wird ganz groß berichtet und dann ist es ganz schnell wieder verpufft. Es wird sich immer nur dann mit dem Sport gebrüstet, wenn er erfolgreich ist.

Ex-Sportler kritisiert geringe Wertschätzung der Trainer

SPORT1: Was wünschen Sie sich?

Bredau: Wir müssen mehr Aufmerksamkeit schaffen, damit unsere Kinder, die mit Sport beginnen, ein Ziel vor Augen haben. Die wissen nicht, was möglich ist. Was gibt es denn für Sportarten außer Fußball? Wenn Deutschland diskutiert, ob für Harry Kane 100 oder 90 Millionen bezahlt werden sollen, dann ist das der falsche Ansatz. Das kann ja nicht alles sein und wir dürfen auch nicht alles auf den Fußball beschränken, auch wenn er am meisten Geld macht. Wenn der Fußball durch die Medien so gepusht wird, dann soll er auch für die anderen Sportarten Geld abgeben.

SPORT1: Wo fehlt das Geld?

Bredau: Unsere Trainer bekommen keinerlei Aufmerksamkeit. Was verdienen die schon? Miserabel. Da muss man sich schämen. Die reißen sich - auf Deutsch gesagt - den Arsch auf für uns Sportler. Sie waren immer für uns da, sind für unsere Kinder da. Rund um die Uhr. Aber da fehlt es an allen Enden. Unsere Trainer wandern mittlerweile ins Ausland ab, arbeiten dort für bessere Bezahlung und bekommen die Anerkennung. Da stimmt was nicht. Es gibt Trainer, die einfach abgespeist werden mit tausend Euro. Wer will dann noch Trainer machen? Es kommt immer wieder auf das Geld an. Wir müssen mehr Geld generieren und das können wir mit Sicherheit auch. Und dann müssen wir es einfach besser verteilen.

SPORT1: Was läuft bei der Bezahlung falsch?

Bredau: Es scheint, als mache man es den Menschen möglichst schwer, Sport zu treiben. Die Sporthilfe zum Beispiel muss noch versteuert werden! Dabei sagt der Begriff selbst doch schon, worum es eigentlich geht: Das ist eine Hilfe für den Sport, nicht zum reinen Geldverdienen. Sporthilfe gibt es erst, wenn du sportlichen Erfolg hattest. Es sollte sie aber auch vorher geben, damit du eben sportlichen Erfolg haben kannst.

Ex-Leichtathlet fordert eigenes Sportministerium

SPORT1: Wo ist der Unterschied zum Bob-Sport, der große Erfolge feiert?

Bredau: Der Bobverband hat den Riesenvorteil, dass er fertig ausgebildete Athleten bekommt. Sie kommen meist aus der Leichtathletik, hin und wieder sind ein paar andere Sportarten dabei. Diese Athleten sind fertig, die wissen, wie es läuft. Die haben sich umorientiert und wollen jetzt eine andere Sportart machen, wollen dort Erfolg haben. Im Bob-Sport ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass man irgendwann eine Medaille gewinnt. Da hast du eine Lobby. Warum? Weil Francesco Friedrich immer wieder in den Nachrichten ist. Das ist enorm fruchtbar.

SPORT1: Was läuft auf politischer Ebene falsch?

Bredau: Warum haben wir kein eigenes Sportministerium? Wenn Sport an das Innenministerium angegliedert ist, dann wird das Innenministerium das Geld in erster Linie für innere Angelegenheiten nehmen. Da fällt für mich der Sport komplett hinten runter. Wenn man ein eigenes Ministerium hat, dann kann man auch die Gelder für Sport ausgeben und weniger umschichten. Und warum haben wir im Sportministerium nicht Leute sitzen, die auch Sport gemacht haben, die sich damit auskennen, die aus diesem Metier kommen, die wissen, wie es läuft?

SPORT1: Werden ehemalige Spitzensportler zu selten eingebunden?

Bredau: Ja. Warum schafft man keinen Sportausschuss, in dem Vertreter aus verschiedenen Sportarten sitzen? Warum ist jemand wie Robert Harting kein Sportminister? Er denkt an andere, ist überhaupt kein egoistischer Mensch und hat schon in den vergangenen Jahren viel für den Sport gemacht. Robert hat ganz unten angefangen, ist aus ganz kleinen Verhältnissen gekommen - und trotzdem hat er immer gekämpft für alle. Er weiß, wie es läuft. Und ich bin auch der Meinung, dass ich weiß, wie es läuft und wie man es besser machen kann. Da könnte man mal drüber nachdenken.

„Größter Schwachsinn!“ Heftige Kritik an Reform der Bundesjugendspiele

SPORT1: Aktuell polarisiert die Reform der Bundesjugendspiele, die den Wettbewerbscharakter abschaffen. Wie sehen Sie das?

Bredau: Das geht gar nicht. Was soll das? Wir müssen davon wegkommen, zu sagen, dass wir alle gleich sind. Wir sind nicht alle gleich. Wir müssen wieder eine Leistungsgesellschaft werden! Ob das jetzt im Sport ist oder im normalen Leben. Der eine ist hier besser, der andere kann das besser. Was ist denn daran falsch zu sagen, dass jemand besser ist? Wie soll ich mein Kind für den Sport motivieren, wenn es nach Hause geht und sich fragt: Warum habe ich das gemacht? Wenn ein Kind aber eine Medaille oder Urkunde in der Hand hat, ist es das Allergrößte. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.

Wir müssen eine Leistungsgesellschaft sein, wo ganz klar abgegrenzt wird, wer besser ist. Warum soll sich ein Kind dann noch anstrengen? Da muss man sagen: Das ist der größte Schwachsinn. Kinder müssen auch lernen, dass sie besser werden können, wenn sie sich anstrengen. Und wenn sie sich nicht anstrengen, fallen sie eben hinten runter. Der eine oder andere macht das mit Talent wett, aber im Erwachsenenbereich reicht das alleine nicht mehr aus. Man muss bei Kindern ab dem Schulalter festlegen, wer der Bessere ist.

Man muss lernen, sich durchzusetzen. Sportler werden auch mit Kusshand genommen im Berufsleben. Warum? Weil die robust sind. Die können was ab. Die können nach acht Stunden immer noch Leistung bringen. Ein Sportler diskutiert nicht, der macht einfach.

Wie in den USA? Ex-Sportler will Sport-Hochburgen schaffen

SPORT1: Was muss sich im deutschen Sport ändern?

Bredau: Wenn wir bei den Olympischen Spielen 2036, die vielleicht in Berlin stattfinden, etwas gewinnen wollen, muss sich jetzt was ändern. Aber das könnte man als Aufhänger nehmen und den Menschen vermitteln, dass man wieder sportlichen Erfolg haben will. Das geht nicht, indem ich einfach Leute absäge, die da nicht hingehören. Das ist ein langwieriger Prozess. Der braucht Entwicklungszeit. Wir werden nicht von heute auf morgen wieder sportliche Erfolge haben. Das muss man sich auch in der Bundesregierung bewusst machen.

SPORT1: Welche konkreten Maßnahmen schlagen Sie vor?

Bredau: Robert und ich sind der Meinung, dass der Sport mehr zusammengeführt werden muss. An große Standorte, ähnlich wie in Amerika. Da hat man einen riesigen Campus, an dem dann alle Sportarten vertreten sind, wo man am Wochenende zum Arzt oder zur Physio gehen kann, wo es Betreuung gibt, Einkaufsmöglichkeiten, Internate für Kinder … Wie eine eigene Stadt.

Außerdem müssen wir uns im Nachwuchs wieder breiter aufstellen. Wie eine Pyramide: Zum Beispiel beginnen 100 Kinder mit Sport und davon schafft es eins. Wir müssen uns davon verabschieden, dass es alle Kinder schaffen. Nicht alle werden diesen hohen sportlichen Erfolg haben, sondern von 100 vielleicht eines. Aber wir müssen erst einmal diese 100 Kinder zusammenkriegen. Die haben wir nicht. Wir brauchen eine breitere Basis, es müssen mehr Kinder zum Sport geholt werden. Dazu muss Kindersport grundsätzlich frei von Geld sein. Damit die Eltern keine Sorgen haben und ihre Kinder wieder mehr dahin bringen. Schulen und Internate müssten kostenlos sein.

Und dann müssen noch die Medien mitspielen und das in der Art vermarkten wie im Fußball, dass die Kinder wieder aufmerksam werden, auf die ganzen vielfältigen Sportarten. Es gibt moderne Sportarten, wofür man die Kinder begeistern kann. Die müssen nicht Playstation oder Switch spielen, die können andere Sachen machen. Dann schaffe ich es auch irgendwann wieder, dass es sportlichen Erfolg gibt.

Andreas Bredau war einer der Anschieber von Manuel Machata (vorne)
Andreas Bredau war einer der Anschieber von Manuel Machata

Man muss auch die Anerkennung für Sportler hochschrauben. Der ist zum Beispiel in den USA viel höher. Ich weiß auch, wie es ist, wenn man ganz normal acht Stunden arbeitet und danach fertig ist. Als Sportler ist man nicht einfach nach acht Stunden fertig. Vor allem in der Wintersportzeit, da warst du zum Beispiel fünf Wochen nonstop in Amerika und dann denken alle, der hat schön Urlaub gemacht. Da wird aber nur trainiert.

Es braucht auch mehr finanzielle Unterstützung für Eltern. Wenn Kinder Sport treiben, muss das doch unterstützt werden von jedermann. Aber wenn das Geld fehlt, haben Kinder gar keine Chance. Man könnte zum Beispiel als Staat Vereinsmitgliedsbeiträge für die Kinder steuerlich absetzbar machen. Oder Sportkleidung. Das hat das Finanzamt bisher nicht anerkannt, weil sie sagen, das könne ich auch privat tragen. Aber gerade in der Leichtathletik, mit den ganzen Spezial-Spikes, was ein Zehnkämpfer an Ausrüstung hat. Das ist absoluter Wahnsinn. Warum macht man das nicht absetzbar?

Ex-Sportler fordert Geld vom FC Bayern, RB Leipzig und Co.

SPORT1: Wie könnte mehr Gelder generiert werden?

Bredau: Medien haben großen Einfluss, weil viele Sportler von Sponsoren leben, die aber sichtbar sein müssen. Ich bin auch der Meinung, dass man andere mit in die Pflicht nehmen muss. Fußballvereine zum Beispiel. Wenn für einen Harry Kane über 100 Millionen Euro ausgegeben werden, dann kann ein FC Bayern München auch eine Million an einen größeren Sportverein abgeben. Oder RB Leipzig: Der Verein ist eine Institution, hat Geld, der kann doch eine Million abdrücken, oder nicht? Die Fußballvereine haben so viel Geld und so viel Macht und das soll man doch bitte auch nutzen. Ich kann aber auch Lotto Toto nehmen. Da gehen Milliarden rein. Da ist genug Geld zur Verfügung. Wenn Lotto Toto ein, zwei Prozent abgibt, das würde ja schon reichen.

SPORT1: Und wie verteilt man dieses Geld besser?

Bredau: Wenn man alles zentralisiert und die Gelder zusammenfügt, jedes Bundesland eine große Sportschule oder einen Campus hat, dann habe ich Geld zur Verfügung, dann habe ich ein Netzwerk und Kinder im Pyramidensystem. Dann kann alles Stück für Stück aufgebaut werden.

2028 wieder in den Top 5? Ex-Sportler kritisiert DLV

SPORT1: Trotz schwacher Leistungen kommen vom DLV große Ankündigungen, bei Olympia in Los Angeles will man wieder zu den Top-5-Nationen gehören. Was sagen Sie dazu?

Bredau: Keine Chance. Was will ich denn in fünf Jahren reißen? Ich werde nicht innerhalb von fünf Jahren die Sportler aus dem Boden stampfen, die das hinbekommen. Es ist utopisch, zu sagen, ich ändere in fünf Jahren ein ganzes System. Komplett unrealistisch. Wenn wir 2028 schlecht da stehen, werden die Leute sagen: „Jetzt haben sie eine große Klappe gehabt und was ist dabei rausgekommen?“ Das wirkt alles unglaubwürdig.

SPORT1: Welche Lösung schlagen Sie vor?

Bredau: Es reicht nicht aus, den vorhandenen Sportlern mehr Geld zur Verfügung zu stellen. Wir müssen die ganze Infrastruktur für den Sport besser aufstellen. Ich muss jetzt auf die Kinder setzen. Die Kinder von heute sind die Athleten von morgen.

Ich würde – und da sind Robert und ich uns einig – auf die Olympischen Spiele 2036 hinarbeiten. Dann können wir auch Gelder generieren. Olympia 2036 in Deutschland würde helfen. Wenn man dann abräumt, dann hat man alles richtig gemacht. Die Engländer haben es 2012 in London vorgemacht, die haben alles darauf ausgerichtet. Ich war zu der Zeit in England und habe mir das angeschaut: Die haben alles richtig gemacht.