Ist die „beschämende“ Russland-Entscheidung nur der Anfang?

von SID
Ist die „beschämende“ Russland-Entscheidung nur der Anfang?

Der Gewichtheber-Weltverband hat die WM 2030 an Russland vergeben - trotz des unvermindert aggressiv geführten Krieges gegen die Ukraine. Es ist eine Zäsur, die kein Einzelfall bleiben dürfte.

Ab Samstag starten Deutschlands beste Gewichtheber bei der WM in China in ihre Olympia-Qualifikationsmission – die Titelkämpfe des Jahres 2030 sind derzeit allerdings ein deutlich größeres Thema für den internationalen Sport. Denn der Weltverband IWF hat sie an Russland vergeben und damit Fragen aufgeworfen, die weit über das Gewichtheben hinausreichen.

Am Sonntag hatte die IWF ihre Entscheidung verkündet und eine Welle der Entrüstung ausgelöst. „Inakzeptabel“, „beschämend“ und „zynisch“ sei die Vergabe, schrieb der ukrainische Sportminister Matvii Bidnyi in den Sozialen Netzwerken. Man plane „offizielle Appelle an den Internationalen Gewichtheberverband und das Internationale Olympische Komitee bezüglich dieser skandalösen Entscheidung“.

Gewichtheber-WM 2030 trotz Ukrainekrieg in Russland

Seit Februar 2022 haben in Russland keine Weltmeisterschaften in einer olympischen Sportart mehr stattgefunden, nun aber bereitet sich das Land wieder auf eine Ausrichtung vor.

Es ist eine Zäsur und ein weiterer großer Schritt hin zur Rehabilitation des Sportsytems eines Landes, das seit viereinhalb Jahren und unvermindert einen Angriffskrieg in der Ukraine führt. Und der Unternehmer Alexander Winokurow (nicht zu verwechseln mit dem früheren Radprofi), der den russischen Gewichtheberverband führt, steht auch auf der EU-Sanktionsliste, weil seine Investmentgruppe Marathon den Krieg mitfinanziert.

Spätestens seit dem 7. Juli, als das IOC die Beschränkungen für russische Athleten lockerte und ihnen den Weg ebnete, an Qualifikationswettkämpfen für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles teilzunehmen, drängt Russland mehr und mehr zurück auf die Sportbühne. Was die Frage aufwirft, ob ähnliche Szenarien künftig auch an anderer Stelle folgen.

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Diverse Sportarten lockern die Regeln

Der Blick auf den Umgang verschiedener Sportarten mit der Russland-Thematik offenbart große Unterschiede: Der Leichtathletik-Weltverband etwa hält trotz der IOC-Entscheidung an seinem Komplett-Ausschluss russischer und belarussischer Athleten fest – trotz einer Klage des russischen Nationalverbandes. Es gehe dabei um „die Integrität des Wettbewerbs“, betonte World-Athletics-Präsident Sebastian Coe, der mit seiner Haltung inzwischen aber mehr und mehr wie ein Aussätziger wirkt.

Bei der derzeit laufenden Ringer-WM im kasachischen Astana müssen die russischen Sportler, die schon länger wieder zugelassen sind, nicht einmal mehr unter neutraler Flagge starten. Das Gleiche gilt auch für die Schwimmer – bei der WM in Budapest im kommenden Jahr dürfen im Stadion auch wieder die russische Hymne erklingen und die russische Flagge wehen. Und die große FIFA? Auch beim Fußball-Weltverband stehen die Zeichen auf „Normalisierung“: Bei der neu eingeführten U15-WM sind russische Jugendliche am Start, FIFA-Präsident Gianni Infantino wünscht sich Vergleichbares auch für künftige internationale Turniere.

Zwar wurden russischen Sportlern zuletzt auf behördlichem Wege mitunter Einreisevisa und somit eine Teilnahme an internationalen Wettkämpfen verwehrt – vonseiten vieler Verbände wurden jegliche Restriktionen gegen das Land aber aufgehoben. Und so kann sich Russland nun auch wieder um die Austragung von Großereignissen bewerben. Ob die jeweiligen Weltverbände mit einer Vergabe an das Land Boykottdrohungen anderer Länder auslösen würden, bleibt abzuwarten.

Deutscher Verband reagiert zurückhalten

Aus Sicht der deutschen Gewichtheber steht zumindest das bislang (noch) nicht im Raum. Der deutsche Verband (BVDG) reagierte auf Anfrage der Nachrichtenagentur SID zunächst zurückhaltend auf die Vergabe der WM 2030.

Es handle sich um eine „hochkomplexe Thematik, die eine sorgfältige Prüfung und Abwägung erfordert“. Man erbitte ein wenig Zeit, um „die politischen, sportethischen und internationalen Auswirkungen der Vergabe umfassend bewerten“ zu können, „gerade weil es sich um einen Präzedenzfall seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine handelt“, hieß es in dem Verbandsstatement.

Der Fokus liegt beim BVDG vorerst auf dem Sportlichen. Die Frage nach dem Umgang mit der Russland-Zäsur aber wird bleiben.