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Schumacher-Testfahrt “ein Weltwunder”

Schumacher-Testfahrt “ein Weltwunder”

Michael Schumacher gibt vor 30 Jahren überraschend sein Debüt in der Formel 1. Sein damaliger Teamchef Eddie Jordan blickt im SPORT1-Interview auf das schicksalhafte Wochenende zurück.
Als mehrfacher Formel1-Weltmeister hat er die Herzen der Fans im Sturm erobert: SPORT1 History blickt zurück auf eine bewegende Karriere.
Bianca Garloff
Ralf Bach
von Ralf Bach, Bianca Garloff
25.08.2021 | 16:57 Uhr

Vor genau 30 Jahren, am 25. August 1991, feierte Michael Schumacher im Jordan sein Formel-1-Debüt in Spa.

Sein damaliger Teamchef Eddie Jordan erinnert sich im SPORT1-Interview an das Wochenende zurück, an dem der Stern des Rekord-Weltmeisters zu leuchten begann. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Formel 1)

SPORT1: Herr Jordan, können Sie sich an das Spa-Wochenende 1991 erinnern?

Eddie Jordan: Und wie! Unglaublich, dass der erfolgreichste Pilot aller Zeiten bei mir angefangen hat. Dabei hätte es fast nicht geklappt ... (DATEN: Die Teamwertung der Formel 1)

SPORT1: Wie meinen Sie das?

Jordan: Mein belgischer Pilot Bertrand Gachot saß in London im Gefängnis (nach einer Attacke mit Reizgas auf einen Taxifahrer; Anm. d. Red.). Also hatte ich zuvor eine Art Vorvertrag mit einem anderen belgischen Fahrer gemacht. Doch dann kam plötzlich Mercedes-Rennleiter Jochen Neerpasch mit der Idee, seinen Junior Michael Schumacher bis Ende der Saison fahren zu lassen. Ich verlangte Geld dafür, circa 150 000 Pfund. Jetzt kam also Michael nach Spa, und der Belgier ließ per Gerichtsbeschluss das Team pfänden. Zum Glück sprang Bernie Ecclestone ein und gab mir das Geld.

SPORT1: Sie ließen einen deutschen Sportwagenfahrer Ihr Auto fahren, ohne ihn zu kennen?

Jordan: Nicht ganz. Die Testfahrt davor war ein Weltwunder.

SPORT1: Wie bitte?

Jordan: Ja. Ich hatte eine solche Präsenz eines jungen Typen, ein solches Talent, einen so unglaublichen Speed, ein solches Selbstbewusstsein vorher nur einmal erlebt: bei Ayrton Senna. Mit beiden war es, als hätte man in einer dunklen Kammer plötzlich das Licht angeknipst. Michael fuhr mit einem alten Overall von John Watson (Ex-Rennfahrer; d. Red.) auf Anhieb unglaubliche Zeiten.

Benetton-Ford's team manager Flavio Briatore (R) hugs German driver Michael Schumacher after his victory in the Monaco Formula One Grand Prix on May 15, 1994. (Photo by Christophe SIMON / AFP)        (Photo credit should read CHRISTOPHE SIMON/AFP via Getty Images)
1991 feiert Schumi auf dem Circuit de Spa-Francorchamps sein Formel-1-Debüt im Jordan-Ford. Es sollte der Beginn einer einzigartigen Karriere werden
Die Unterbringung ist 1991 wenig luxoriös. Schumacher: "Die Geschichte, dass wir in einer Jugendherberge wohnten, ist bekannt. Ich habe mich auch etwas gewundert. Ich dachte, wir sind jetzt in der Formel 1, und das ist die Königsklasse. Willi (Weber, d. Red.) hat schon ein bisschen das Gesicht verzogen, als er die Zimmer sah"
Des einen Freud, des anderen Leid: Schumi verdankt seinen Einsatz der Tatsache, dass Stammpilot Bertrand Gachot im Gefängnis sitzt, weil er einen englischen Taxifahrer nach einem Streit um die Höhe der Rechnung mit Reizgas besprüht. Auf der Strecke haben die Fans ihren Protest gegen die Inhaftierung des Brasilianers niedergeschrieben
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SPORT1: Genauer bitte!

Jordan: Wir haben Michael bei seinem ersten Test in Silverstone viele Runden gegeben, weil wir Angst hatten, dass er es nicht packen würde. Sein Renningenieur rief mich dann an und sagte: “Eddie, hier stimmt was nicht. Entweder die haben den Kurs verkürzt, oder dieser Junge ist unglaublich schnell.” (DATEN: Der Rennkalender der Formel 1)

SPORT1: Und wie verlief das Spa-Wochenende?

Jordan: Sensationell. Aber erst einmal hat er mich angelogen. Ich hatte ihn gefragt, ob er schon mal in Spa gewesen ist. Ich meinte natürlich, ob er da schon mal gefahren ist. Er sagte einfach “Ja”. Okay, er hat damit nicht geschwindelt, aber Rennen gefahren war er da noch nie. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich ihn nicht fahren lassen. Denn die schwerste Strecke überhaupt und noch ein neues Auto an einem Wochenende kennenzulernen, war meiner Meinung nach unmöglich. Sein siebter Startplatz war deshalb außergewöhnlich.

Sein erfahrener Teamkollege de Cesaris, der nicht gerade als langsam in der Szene galt, hatte nicht den Hauch einer Chance. Platz sieben war für uns wie die Pole-Position. Leider hat Michaels Rennen nur 500 Meter gedauert. Dann war die Kupplung verbrannt. Mein Fehler. Ich hatte damals am falschen Platz gespart. Bei seinem 300. Grand Prix 20 Jahre später übergab ich ihm eine neue, symbolisch. Michael nahm mich in den Arm und sagte: “Eddie, das hätte damals doch keiner gedacht, dass wir immer noch da sind. Mir standen die Tränen in den Augen.”

Canadian driver Alex Tagliani (bottom) passes Michael Anedretti of the US (top) to temporarily gain first place in the race on lap 155. Tagliani hit the wall, and left the race five laps later while Andretti finished second during the Michigan 500 on 23, July, 2000 at Michigan Speedway in Brooklyn, MI. (ELECTRONIC IMAGE) AFP PHOTO/David MAXWELL (Photo by DAVID MAXWELL / AFP)        (Photo credit should read DAVID MAXWELL/AFP via Getty Images)
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SPORT1: Warum ist er nur ein Rennen für Sie gefahren?

Jordan: Nach dem Rennen in Belgien hatte sich Bernie (Ecclestone; d. Red.) in ihn verliebt. Und auch Neerpasch war der Meinung, Jordan wäre nicht das richtige Team für das Wunderkind. Er führte mich richtig vor. Er änderte nachträglich den Vertrag, indem er ein Wort austauschte. Ich hasste ihn damals, aber heute muss ich sagen: Ohne ihn und Mercedes hätte es einen Schumacher in der Formel 1 niemals gegeben. Jedenfalls wehrte ich mich vor dem Italien GP mit Händen und Füßen. Doch Bernie hatte mich in der Hand, weil er mir ja in Belgien 14 Tage zuvor das Geld gegeben hatte. Er sagte: “Eddie, ich brauche einen starken Deutschen, unbedingt, und mit Schumacher habe ich ihn. Er wird ab sofort Benetton fahren. Ich finde eine Lösung.”

SPORT1: Und die war?

Jordan: Geld natürlich. Finanziell ging es uns nicht gut. Benetton oder hinten rum vielleicht sogar Mercedes kaufte Michael frei. Wenn man so will, hat Michael damit unsere Zukunft gesichert. Trotzdem ärgere ich mich. Weil nicht alles so war, wie behauptet wurde. (DATEN: Die Fahrerwertung der Formel 1)

SPORT1: Nämlich?

Jordan: Flavio Briatore ließ sich jahrelang als Schumacher-Förderer feiern. Der wollte ihn doch gar nicht, sondern lieber den Briten Martin Brundle ins Auto setzen. Nur auf Druck von Bernie hat er ihn genommen.