Anzeige

Ein Abend, an dem es nur Verlierer gab

Ein Abend, an dem es nur Verlierer gab

Das Drama um Annika Schleu wirft kein gutes Licht auf die Sportart Moderner Fünfkampf und den Umgang des deutschen Teams mit Pferden.
Die Olympischen Spiele in Tokio haben bereits die Hälfte erreicht. Aus deutscher Sicht gab es schon einige Medaillen zu feiern, allerdings auch diverse negative Vorfälle.
Tobias Wiltschek
Tobias Wiltschek
von Tobias Wiltschek

Es waren Bilder und Töne, die so ganz selten sind bei Olympischen Spielen.

Eine Athletin sitzt auf ihrem Pferd und versucht verzweifelt, das Tier anzutreiben und es durch den Springreit-Parcours zu führen.

Allein, es gelingt ihr nicht. Was den Fall bei Annika Schleu besonders dramatisch macht, ist die Tatsache, dass ihr Olympia-Gold oder zumindest eine Medaille im Modernen Fünfkampf kaum mehr zu nehmen waren.

Eigentlich: Denn ihr zugelostes Pferd namens Saint Boy benahm sich überhaupt nicht wie ein Heiliger und ließ sich auch von der erfahrenen 31-Jährigen nicht bändigen.

Nachdem das Tier schon eine gefühlte Ewigkeit gebraucht hatte, um anzugaloppieren, übersprang es zwar die ersten Hindernisse. Dann aber ging nichts mehr. Nach der vierten Verweigerung war das Aus besiegelt und damit auch das Ende aller olympischen Gold-Träume von Schleu.

Moderner Fünfkampf gerät in die Kritik

Das Drama sagt einiges aus über eine Sportart aus, die zwar das Wort “modern” in der Bezeichnung trägt, aber alles andere als modern ist.

Dass es nach Peking-Olympiasiegerin Lena Schöneborn in Rio vor fünf Jahren schon wieder eine Deutsche trifft, die aufgrund dieser Disziplin aus den Medaillenrängen fällt, bleibt eine Randnotiz.

Was viel schwerer wiegt, sind die Bestimmungen in diesem Sport, die nicht erst seit dem Drama um Schleu in Japan stark in der Kritik stehen.

Im Gegensatz zum Dressur- oder Springreiten will es das Reglement, dass die Athleten und Athletinnen ihre Pferde zugelost bekommen. Für Dressur-Legende Iabell Werth ein Unding.

Wenn du hier klickst, siehst du Twitter-Inhalte und willigst ein, dass deine Daten zu den in der Datenschutzerklärung von Twitter dargestellten Zwecken verarbeitet werden. SPORT1 hat keinen Einfluss auf diese Datenverarbeitung. Du hast auch die Möglichkeit alle Social Widgets zu aktivieren. Hinweise zum Widerruf findest du hier.
IMMER AKZEPTIEREN
EINMAL AKZEPTIEREN

Werth: “Fünfkampf hat nichts mit Reiten zu tun”

“Fünfkampf hat nichts mit Reiten zu tun”, fand die achtmalige Olympiasiegerin beim SID drastische Worte: “Die Pferde sind ein Transportmittel, zu denen die Athleten keinerlei Bezug haben. Denen kann man genauso gut ein Fahrrad oder ein Roller geben.”

Beim Anblick der in Tränen aufgelösten Schleu auf ihrem bockenden Pferd kann man diese Einschätzung durchaus nachvollziehen.

Schleu meinte zwar, beim Anreiten habe sie sich “sehr gut verstanden” mit Saint Boy. Es habe keinen Fehler gegeben. Als es aber darauf ankam, war exakt das Gegenteil der Fall. “Warum mein Pferd so verunsichert war, weiß ich nicht.”

Für Werth ist die Sache indes klar: “Es gibt im Fünfkampf keinerlei Miteinander zwischen Reiter und Pferd.”

Dazu kommt die nicht zu unterschätzende Tatsache, dass die Pferde, die im Modernen Fünfkampf eingesetzt werden, den Trubel und das Rampenlicht einer olympischen Großveranstaltung nicht gewohnt sind. Deshalb ist es keine Seltenheit, dass sie auf der großen Bühne bocken.

Darum durfte Saint Boy nicht getauscht werden

Auch im Falle von Schleu war das Drama absehbar. Denn Saint Boy hatte nicht nur die Deutsche zur Verzweiflung gebracht, sondern zuvor auch schon deren russische Konkurrentin Gulnas Gubaidullina.

Dreimal hatte Saint Boy schon da verweigert. Doch die Regeln dieses Sports besagen, dass man ein Pferd erst dann tauschen kann, wenn es viermal verweigert. Deswegen hat Bundestrainerin Kim Raisner in der ARD auch einen Protest ausgeschlossen. “Ist leider so”, sagte sie so lapidar wie frustiert.

So blieb Schleu nichts anderes übrig, als sich in Gesprächen mit einem Veterinär und der Besitzerin des Pferdes so gut es geht auf den gemeinsamen Ritt einzustellen.

Dass dies nichts nutzte, war allerdings schon beim Anreiten zu sehen.

Wie Schleu und Bundestrainerin Raisner dann versuchten, das Schlimmste abzuwenden und das Pferd irgendwie in die Spur zu bringen, brachte dem Duo zu allem Überfluss auch noch die öffentliche Entrüstung von Tierschützern ein.

In der TV-Übertragung war zu hören, wie Raisner ihre Athletin auffordert, das offensichtlich verängstigte Pferd mit Gewalt anzutreiben. “Hau richtig drauf”, rief die Bundestrainerin, woraufhin die da schon tränenüberströmte Reiterin diese Aufforderung auch umsetzte und die Sporen in das Pferd rammte.

Schleu erhält “diverse Hassnachrichten”

Noch während des Umzugs für den abschließende Laser-Run habe sie deswegen “diverse Hassnachrichten” erreicht, sagte Schleu. (News: Trainerin wehrt sich: “Keine Quälerei”)

Sie tat danach alles, um die verzweifelten Aktionen zu erklären. Eigentlich seien die deutschen Fünfkämpfer “sehr einfühlsame Reiter”, sagte sie. “Es bricht uns das Herz, dass wir es nicht zeigen können.”

Doch da war der Skandal schon in der Welt, das Netz voller Zorn. An einem Abend, an dem es im Tokyo Stadium nur Verlierer gab.

Alles zu den Olympischen Spielen 2021 bei SPORT1:

------

mit Sport-Informationsdienst (SID)

------

MEHR DAZU