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"Stümperhaft": Olympiasieger legt deutsches Biathlon-Problem schonungslos offen

Deutsches Biathlon „stümperhaft“

Die olympischen Biathlon-Wettkämpfe waren für den Deutschen Skiverband (DSV) ein sportliches Debakel. Entsprechend deutlich ist die Kritik im Nachgang.
Im olympischen Massenstart geht Franziska Preuß zum letzten Mal in ihrer Karriere bei einem Biathlon-Rennen an den Start. Nach dem Zieleinlauf wird es emotional, weil auch eine weitere Biathlon-Legende Abschied nimmt.
Die olympischen Biathlon-Wettkämpfe waren für den Deutschen Skiverband (DSV) ein sportliches Debakel. Entsprechend deutlich ist die Kritik im Nachgang.

Der ehemalige Olympiasieger Sven Fischer hat angesichts der enttäuschenden Ergebnisse der deutschen Biathleten bei den Olympischen Spielen Kritik geübt.

„Einerseits ist die Konkurrenz deutlich größer als in der Vergangenheit. Andererseits hätte in der Vorbereitung auf die Spiele das eine oder andere besser laufen können“, meinte Fischer bei der WAZ, als er nach Gründen für die fehlenden Medaillen gefragt wurde.

Der DSV nimmt von den Olympischen Spielen lediglich eine Bronzemedaille in der Mixed-Staffel mit. Erwartet hatten die Fans und der Verband deutlich mehr. Fischer bemängelte die Trainingssteuerung im Saisonverlauf: „Nicht jeder war zum Saisonhöhepunkt in Topform.“

Nach Olympia: Harte Kritik an deutschem Biathlon

Da Deutschland im Weltcup derzeit nicht zu den dominierenden Nationen gehöre, habe Fischer von Anfang an keine allzu hohen Erwartungen gehabt. „Im Prinzip bestätigten sich bei den Olympischen Spielen nur die Ergebnisse vom Weltcup: Gute Leistungen ja, Podium nur selten“, fasste er die Ergebnisse zusammen.

Natürlich sei es schade, dass man nicht ganz vorne mitkämpfen könne, aber: „Enttäuscht kann man nur werden, wenn man ganz viel erwartet. Das war bei mir nicht der Fall“, sagte der 54-Jährige.

Die deutschen Biathletinnen und Biathleten landeten in beiden Staffeln jeweils auf Platz vier. Auch in den Einzelrennen mussten sich Vanessa Voigt und Philipp Horn mit dem undankbaren vierten Platz zufriedengeben.

Die Medaillenhoffnungen mit Franziska Preuß, Selina Grotian und Philipp Nawrath konnten über die zwei Wochen nur punktuell Akzente setzen.

Deutschland? „Fast schon stümperhaft“

Während Deutschland hinterherläuft, setzen andere Nationen Maßstäbe - allen voran Frankreich. Fischer nannte Gründe für deren starkes Abschneiden: „Frankreich hat keineswegs mehr Nachwuchs als wir. Doch sie sind effektiver, was die Qualität anbelangt. Ihnen gelingt der Übergang vom Junioren- in den Seniorenbereich viel besser.“

Dass Deutschland auf dem Papier locker mithalten könnte, macht das historisch schlechte Abschneiden nur noch ärgerlicher. „Bei uns gibt es auch viele Junioren-Weltmeister, viele gute junge Athleten. Stellt sich nur die Frage: Warum kommen die nicht oben an?“

Für ihn zähle vor allem die Kombination aus Sportförderung und Konstanz: „Die Gesamtstruktur muss passen: von der Wertigkeit des Sports im Kindergarten und des Sportunterrichts in der Schule bis hin zur Nachwuchsförderung. Die muss konstant sein – nicht mal top und dann mal wieder gar nicht, sondern dauerhaft gut. Bei uns wird der Nachwuchs fast schon stümperhaft behandelt.“

Mit Fehlerkultur richtig umgehen

Mit dem Blick Richtung Zukunft ermahnte Fischer die Verantwortlichen zu mehr Ruhe und weniger Druck: „Erst an der Schwelle zum Weltcup darf es ein knallhartes Auswählen geben.“ Außerdem riet er dazu, den Nachwuchsbereich klar vom Spitzensport abzugrenzen, um so mehr Offenheit und neue Konzepte zu etablieren.

„Das Schöne am Biathlon ist ja: Wir werden am Schießstand mit Fehlern groß. Und mit dieser Fehlerkultur müssen wir richtig umgehen“, betonte der mehrmalige Olympia-Medaillengewinner. Nach dem Rücktritt von Franziska Preuß entsteht vor allem im Frauenteam eine große Lücke. Wie gut der DSV diese Lücke mit jungen Athletinnen schließen kann, wird sich in den nächsten Monaten zeigen.