Biathlon>

"Die schlimmste Situation, die man sich vorstellen kann"

Ihr Olympia-Trauma will nicht enden

Das persönliche Olympia-Drama von Franziska Preuß setzt sich fort. Nach der Frauen-Staffel verschwindet die Biathletin wortlos, während Weggefährten mit ihr leiden.
Franziska Preuß verpasst auch in der Verfolgung eine Medaille. Bis zum letzten Schießen sah es nach einer starken Leistung und guten Chancen aus, doch am Ende versagten ihr die Nerven.
Das persönliche Olympia-Drama von Franziska Preuß setzt sich fort. Nach der Frauen-Staffel verschwindet die Biathletin wortlos, während Weggefährten mit ihr leiden.

Die Olympischen Winterspiele in Mailand/Cortina und Franziska Preuß – es scheint einfach nicht zusammenzupassen. Nach einer weiteren Enttäuschung im Staffelrennen, das für die deutschen Frauen mit Rang vier endete, verschwand die Biathletin im Beisein von Teamarzt Dr. Sebastian Torka wortlos in Richtung Hotel.

„Ich habe sie ganz kurz gesprochen. Sie war nicht in der Verfassung, etwas sagen zu können und zu wollen. Mehr weiß ich gerade auch nicht”, erklärte DSV-Sportdirektor Felix Bitterling auf SPORT1-Nachfrage in der Mixed Zone. Eine Verletzung oder Vergleichbares schloss er aber aus: „Das ist gerade mehr eine mentale Geschichte, als dass es ihr (körperlich, Anm. d. Red.) schlecht geht.“

Mit ihrer Strafrunde im Stehendanschlag hatte die bis dahin in Führung liegende Preuß das historische deutsche Biathlon-Debakel eingeleitet: Erstmals überhaupt blieb sowohl die Männer- als auch die Frauen-Staffel ohne Olympia-Medaille.

Olympia: Taktischer Kniff um Preuß geht zunächst auf

Dabei wollte der DSV genau das verhindern – und setzte, um Druck von der zuletzt im Stehendschießen schwächelnden Preuß zu nehmen, auf einen taktischen Kniff. Statt als Schlussläuferin ging die 31-Jährige bereits auf Position zwei ins Rennen.

Zunächst schien der Plan aufzugehen: Julia Tannheimer übergab als Zweite mit fünf Sekunden Rückstand auf Schweden an Preuß. Die Bayerin übernahm nach einer fehlerfreien Liegendserie die Führung. Doch im Stehendanschlag lief erneut alles aus dem Ruder: Wie schon im Mixed – das für Preuß und Co. dennoch mit Bronze endete – musste die Gesamtweltcupsiegerin in die Strafrunde, das Podium geriet außer Reichweite.

„Sie hat es nicht ausblenden können, was ihr hier schon widerfahren ist“, meinte ZDF-Kommentator Volker Grube. „Und dieses Stehendschießen, was in der vergangenen Saison noch so super geklappt hat, wird hier schon wieder zum Problem für sie.“ Bereits im Einzel und in der Verfolgung hatte Preuß ihre Medaillenchancen jeweils beim letzten Schießen zunichte gemacht.

„Keiner hat aufgegeben, auch Franzi nicht“

„Man hat leider schon auf der Strecke gesehen, dass sie nicht ganz so locker und entspannt ist“, erklärte Damen-Bundestrainer Kristian Mehringer. „Ich möchte ihr aber nicht die Schuld zuschieben. Sie hat ihr Bestes gegeben und versucht, dran zu bleiben. Keiner hat aufgegeben, auch Franzi nicht.“

Denise Herrmann-Wick fühlte ebenfalls mit Preuß. „Sie ist eine der besten Schützinnen im Feld, aber man muss sich vorstellen, dass eine Situation, die nicht von Erfolg gekrönt ist, immer wieder auftritt, dann kann man das unter normalen Umständen abschütteln, aber in der Wettkampfsituation ist es sehr schwierig, da herrscht so viel Druck“, schilderte die Einzel-Olympiasiegerin von 2022 im ZDF.

Es gehe nicht nur um mentale Stärke, „sondern wenn die Physis dazukommt und du merkst, dass der Körper nicht mehr das macht, was du gewohnt bist, um eine Nullserie zu schießen, dann schwimmen dir die Felle weg. Du merkst das und du bist wie handlungsunfähig. Das ist wirklich die schlimmste Situation, die man sich vorstellen kann“, ergänzte Herrmann-Wick.

Bitterling nimmt Preuß in Schutz

Bitterling nahm Preuß ebenfalls in Schutz: „Es ist natürlich bitter, wenn die vermeintlich erfolgreichste und beste Athletin heute nicht das abrufen kann, was sie kann. Sie hat uns aber auch schon etliche Staffeln gewonnen. Heute war es andersherum.“

Bei ihrem letzten Olympia-Rennen hofft Preuß nun auf eine erneute Wende – diesmal im positiven Sinne. Der Massenstart am Samstag (14.15 Uhr im LIVETICKER) ist die finale Chance zur Erfüllung ihres Traums von einer olympischen Einzelmedaille.

„Sie hat sich schon ein paar Mal aus einem Loch gegraben und ich hoffe, das gelingt ihr auch vor dem Massenstart“, sagte Bitterling.

Herrmann-Wick glaubt an eine positive Wende

Mehringer betonte, wie wichtig es sei, nun den „Resetknopf“ zu drücken. Den Massenstart müsse Preuß „vielleicht ein bisschen ohne große Erwartungshaltung angehen und mehr genießen“.

Herrmann-Wick ist derweil überzeugt, dass ihre ehemalige Teamkollegin das Olympia-Trauma beenden kann: „Wenn es eine schaffen kann, dann ist es die Franzi. Der Massenstart liegt ihr. Sie wollte heute das Duell beim Stehendschießen haben, aber sie war alleine. Das wird im Massenstart nicht so sein und dann hoffe ich, dass die Automatismen wiederkommen.“

-----

Mit Sport-Informations-Dienst (SID)