Im Ziel senkte Federica Brignone vor Erschöpfung und Erleichterung ihren Kopf und stützte sich auf den Stöcken ab. Dann brüllte sie ihre gesamte Freude in die Kamera und ballte die Fäuste. Wenig später stand nach einer überragenden Fahrt fest, dass die 35-Jährige die Goldmedaille im Super-G gewonnen hat. Es ist das bisher größte Märchen für die Italiener bei den Olympischen Spielen im eigenen Land.
Ihre Olympia-Teilnahme schien undenkbar - nun hat sie Gold!
Olympia-Märchen nach „Totalschaden“
Denn: Die langjährige Dominatorin hatte sich am 3. April 2025 eine doppelte Fraktur des Schien- und Wadenbeins im linken Unterschenkel zugezogen. Hinzu kamen Schäden am Außenband des linken Knies und ein angerissenes Kreuzband. Die Aussicht auf die Olympischen Spiele zu Hause trieb sie in der Reha-Phase aber derart an, dass der Traum auf den letzten Metern doch noch wahr wurde.
Brignone gelang der Wettlauf gegen die Zeit, sie kehrte beim Riesenslalom am Kronplatz Ende Januar zurück und feierte bei ihrem spektakulären Weltcup-Comeback Platz sechs.
Zu den Favoritinnen gehörte sie dennoch nicht. Vielmehr standen andere Stars wie Deutschlands Medaillenhamster Emma Aicher im Fokus. Doch viele Konkurrentinnen wie Aicher patzten oder schieden aus. Brignone blieb hingegen ganz cool.
Kommentator emotional: „Hollywood“
ZDF-Kommentator Julius Hilfenhaus befand emotional: „Ich kann es gar nicht fassen. Das ist eine Wahnsinnsgeschichte, wenn die Gold gewinnt. Eine der Größten der vergangenen Jahre. Zweimal Gesamtweltcupsiegerin, dann dieser schreckliche Sturz. Ein Comeback, was eigentlich medizinisch unmöglich ist.“
Der Journalist fügte an: „Und heute dann Gold, es wäre ihre erste, trotz dieser Riesen-Karriere, bei Olympia bisher nur zweimal Bronze und einmal Silber, was heißt schon ‚nur‘. Aber zuhause dieses Comeback - es ist Hollywood.“
Auch Experte Marco Büchel begleitete den ganz besonderen Moment am Mikrofon: „Das war eine Willensleistung! Sie hat so dafür gekämpft, hier dabei zu sein. Sie hatte ja einen Totalschaden im Knie. Die Ärzte haben ihr gesagt, sie soll es gut sein lassen. Aber sie hat gekämpft. Jetzt hat sie beide Hände an der Goldmedaille und wenn sie das macht, dann wow, wow, wow.“
Die italienische Presse überschlug sich vor Glückseligkeit. Die Gazzetta dello Sport titelte: „Die großartige Federica.“ Auch der Corriere della Serra jubelte: „Was für ein Traum, Brignone!“
Italien feiert Olympia-Heldin
Am emotionalsten beschrieb La Stampa die Szenerie „Brignones Meisterleistung! Einfach großartig! Man muss auf dieser Super-G-Piste in Cortina Ski fahren können. Man muss die Piste lesen und beherrschen können und ihr mit Streicheleinheiten entgegnen. Mit anderen Worten: Man muss Federica Brignone sein.“
Die Zeitung fügte an: „Großartig, unerreicht, unglaublich. Zehn Monate nach ihrer Kniebandverletzung gewinnt Federica olympisches Gold und steigt nach einer Silber- und zwei Bronzemedaillen in die Elite des italienischen und weltweiten Sports auf.“
Für die Siegerin war der Erfolg nicht einmal zehn Monate nach der Horror-Verletzung surreal. „Es ist unglaublich, ich bin immer noch aufgeregt, das Adrenalin fließt noch immer durch meine Adern“, erklärte sie im italienischen TV-Sender RAI.
Der Erfolg ließ zudem ihre Mutter Maria Rosa Quario mit den Gefühlen ringen. Auch die ehemalige Weltklasse-Skiläuferin reagierte bei RAI auf das Rennen. „Es ist fantastisch, ich weiß nicht, was ich sagen soll – ich habe geglaubt, dass sie zurückkommen würde, aber Gold im Super-G zu gewinnen, ist unglaublich.
Auch sie vergaß im Moment des Erfolgs nicht die dunklen Zeiten: „Vielen Dank an alle, die uns in dieser Zeit zur Seite gestanden haben. Ich hoffe, sie sind heute genauso glücklich wie wir.“
Ganz Italien feierte am Donnerstagmittag mit ihrer Heldin und zelebrierte das besondere Märchen.