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“Fehlen die Worte”: Rehm kritisiert CAS

“Fehlen die Worte”: Rehm kritisiert CAS

Markus Rehm startet bei den Paralympics als Topfavorit auf Gold. Im Interview mit SPORT1 verrät er, warum er in Japan als Held gefeiert wird und warum ihn sein Olympia-Ausschluss so ärgert.
Markus Rehm greift bei den Paralympics nach der Goldmedaille
Markus Rehm greift bei den Paralympics nach der Goldmedaille
© Imago
Stefan Schnürle
Stefan Schnürle
von Stefan Schnürle

Markus Rehm gilt als bester deutscher Weitspringer - und dies nicht nur im paralympischen Bereich. (SERVICE: So laufen die Paralympics)

Erst im Juni hatte er seinen eigenen Weltrekord auf 8,62 m verbessert und damit die nationale Olympia-Norm (8,22) deutlich geknackt. Der Prothesenspringer hoffte daraufhin auf einen Doppelstart bei Olympia (außer Wertung) und bei den Paralympics (24. August bis 5. September).

Doch sein Traum zerschlug sich: Erst lehnten die World Athletics und das Internationale Olympische Komitee (IOC) einen Start ab - dann scheiterte eine Klage vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS). (BERICHT: Rehm hadert mit Paralympics-Ausschluss)

Der 33 Jahre alte Para-Weitspringer will in Tokio trotzdem für Furore sorgen - und bei den Paraylympics zu Gold springen. Im Interview mit SPORT1 spricht er im Vorfeld über seinen Olympia-Ausschluss, seine Heldenrolle in Japan und verrät, was hinter seinem Spitznamen steckt. (PARALYMPICS: Das sind die deutschen Fahnenträger)

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Rehm über Paralympics-Blase: “Überrascht, wie gut es läuft”

SPORT1: Nachdem man bei Olympia verschiedene Berichte von Sportlern gehört hat: Wie ist ihre Unterkunft in Tokio, wie lebt es sich in der Blase vor Ort?

Markus Rehm: Es lebt sich sehr gut. Ich bin überrascht, wie gut es läuft, wie gut man aufeinander achtet. Die Masken werden überall getragen, egal wo man sich befindet, und sie werden nur zum Essen abgenommen. Und sollte das jemand aus den Augen verlieren, die Maske vielleicht nur über dem Mund tragen, dann wird er oder sie von einer anderen Nation darauf hingewiesen. Das wird dann aber auch akzeptiert.

SPORT1: Wenn wir kurz auf die Olympischen Spiele zurückblicken: Wie haben sie die verfolgt, wie war ihr Eindruck?

Rehm: Ich fand es grundsätzlich schön, wieder Sport zu sehen, meinen Sport zu sehen. Aber auch viele andere Sportarten. Wobei die Bilder natürlich schon anders waren. (BERICHT: Paralympics ohne vier Südsee-Staaten)

Rehm über Ziele: Gold und paralympischer Rekord

SPORT1: Und wenn wir speziell auf den Weitsprung blicken: Der Olympiasieger ist mit 8,41 Meter kürzer gesprungen als Sie bei ihrem Weltrekord. Wie haben Sie den Wettbewerb verfolgt?

Rehm: Ich habe geschlafen, bin morgens aufgewacht und habe dann gleich die Ergebnisse gecheckt. Ich wollte eigentlich nur wissen, wie weit sie springen.

SPORT1: Das erste Ziel für Sie ist natürlich Gold und darauf liegt sicherlich auch Ihr großer Fokus - zudem sind Sie haushoher Favorit. Haben sie denn die Olympische Goldweite von 8,41 Meter im Kopf? Ist das die Marke, die sie gerne knacken wollen?

Rehm: Absolut, das hat man immer im Hinterkopf. Erstmal will ich natürlich Gold gewinnen. Mein zweites Ziel sind natürlich die 8,21 Meter, die wären paralympischer Rekord – und gleichbedeutend mit Platz drei bei den Olympischen Spielen. Aber ich bin ehrlich: Wenn es Richtung 8,40 Meter geht, dann gerne die 8,42 Meter.

Olympia-Ausbootung war “klarer Rückschlag”

SPORT1: Wie schlimm war es für Sie, als klar war, dass sie bei Olympia nicht starten dürfen? Und sind Sie deshalb eventuell nochmal zusätzlich motiviert?

Rehm: Es war ehrlicherweise für mich ein klarer Rückschlag. Ich hatte schon Hoffnungen auf Olympia, denn ich habe keine richtige Begründung gesehen, mich nicht starten zu lassen. Wir haben alles erfüllt, was im Regelwerk von World Athletics steht. Der CAS hat das offenbar anders gesehen. Eine richtige Begründung konnten sie aber nicht liefern, darauf warte ich bis heute, dabei wurde sie mir bis zum 5. August versprochen. Es scheint also doch nicht so einfach gewesen zu sein, eine Entscheidung zu treffen. Ich bin traurig und mir fehlen die Worte, warum das so viel länger dauert als angekündigt. Ich freue mich aber trotzdem auf die Paralympischen Wettkämpfe und bin hochmotiviert – wenn die Woche nach dem Nein zu Olympia auch nicht so war, wie sie sonst gewesen wäre.

Markus Rehm darf nicht bei den Olympischen Spielen starten
Markus Rehm darf nicht bei den Olympischen Spielen starten

SPORT1: In Japan gelten sie als Held, in Deutschland ist sicher von allen Leuten großer Respekt für Ihre Leistungen da, aber es wird doch weniger ins Rampenlicht gerückt. Wie bewerten Sie das bzw. warum ist das in Japan so anders?

Rehm: Ich glaube, die Gesellschaft in Japan ist anders. Die deutsche Mentalität ist anders. Sie hat hier und da Vorteile, manchmal vielleicht aber auch nicht. Ich sehe es aber ja bei mir selbst. Ich bin auch Deutscher und kann mich nicht ausschließen bei der Tatsache, dass man vieles sehr kritisch sieht. In anderen Nationen wird der Paralympische Sport anders gelebt, hier in Japan wird er gefeiert. Ich war schon einige Male da und es ist unfassbar, wie die Menschen im Stadion ausflippen. So etwas habe ich in Deutschland nie erlebt. 2018 bin ich in Japan Weltrekord gesprungen – 8,47 Meter – und alle sind ausgerastet, komplett durchgedreht. Jeder wollte mir die Hand schütteln. Sie haben Geschenke für Deutschland von der Tribüne geworfen, ich musste sogar den Absprungbalken signieren. Obwohl sie an sich ähnlich reserviert sind wie die Deutschen, sind die Japaner in Sachen Begeisterungsfähigkeit weiter vorne.

Rehm erklärt seinen Spitznamen

SPORT1: Sie tragen den Spitznamen “Bladejumper”. Wie kam es dazu?

Rehm: Ich finde den Spitznamen ganz cool, auch rein sportpolitisch. Es ist vor allem bei Olympischen Wettkämpfen häufig ein großes Problem, gegen einen Behinderten, einen Para-Sportler, einen Amputierten zu verlieren. Aber gegen einen “Bladejumper” zu verlieren, macht das Ganze erträglicher. Daher mag ich den Spitznamen. Er baut die mentale Hürde, dass man gegen einen Schwächeren nicht verlieren darf, ab.

SPORT1: Die Athleten aus Afghanistan können aus bekannten Gründen nicht teilnehmen - stattdessen wurde bei der Eröffnungsfeier ihre Flagge geschwenkt. Drückt diese traurige Situation etwas auf die Stimmung?

Rehm: Man bekommt es nicht wirklich mit, ich habe ehrlich gesagt nur bei der Eröffnungsfeier etwas davon mitbekommen. Die Situation ist super traurig und mir fehlen die Worte dafür. Die Symbolik ist großartig. Ich habe auch schon darüber nachgedacht, ob es nicht noch eine andere Möglichkeit gibt.

Paralympics: “Das macht Laune und ist spannend”

SPORT1: Abseits ihres Wettkampfs: Gibt es einen Athleten, dessen Geschichte sie besonders berührt oder dessen Wettkampf sie unbedingt verfolgen wollen? (BERICHT: Erste Coronafälle bei Paralympics)

Rehm: Es gibt einige. Über die Jahre hinweg kennt man viele Athleten, die man gerne mag und gerne sieht. Auf der Pressekonferenz war ich mit der italienischen Fechterin Beatrice “Bebe” Vio zusammen. Sie ist eine sehr fröhliche, durchgeknallte Person, die einen direkt in den Arm nimmt. Solche Menschen verfolgt man gerne. Man verfolgt natürlich auch die Athleten aus dem eigenen Land, aus den Kategorien der eigenen Sportart. Ich schaue sehr gerne Weitsprung, weil ich fast alle Athleten kenne. Dann trifft man sich in der Mensa, macht Fotos. Man trifft einfach generell so viele Athleten, das macht Laune und ist spannend. Wenn ich die Art eines Sportlers mag, dann schaue ich vielleicht auch seinen Wettkampf an. Es ist einfach etwas anderes, wenn man vor Ort ist.

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SPORT1: Sie sind in der Szene extrem bekannt. Sind sie auch im paralympischen Dorf ein beliebtes Foto-Objekt?

Rehm: Ja, und ich muss ehrlich sagen, das ehrt mich natürlich und macht mir Spaß. Es ist immer toll, wenn Leute einen mit Lob überschütten und gerne ein Foto machen wollen – und das manchmal schon beim Frühstück.

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