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Der brisante Kontext der Djokovic-Saga

Der brisante Kontext der Djokovic-Saga

Novak Djokovic ist auch wegen seiner esoterischen Ansichten in den Eklat von Australien geschlittert. Ein Experte erklärt, warum dahinter mehr steckt als schlichte Wunderlichkeit.
Novak Djokovic bei einem Besuch der "bosnischen Pyramiden" im Sommer 2021
Novak Djokovic bei einem Besuch der "bosnischen Pyramiden" im Sommer 2021
© Imago
Martin Hoffmann
Martin Hoffmann
Stefan Junold
Stefan Junold
von Martin Hoffmann, Stefan Junold

Für die einen ist er ein Schurke, der die Quittung für seine fragwürdigen Ansichten bekommt. Für die anderen ein Held, der mit Entschlossenheit um sein gutes Recht kämpft.

Die noch immer ungelöste Saga um Tennis-Superstar Novak Djokovic bewegt die Welt, der Kampf des ungeimpften Weltranglisten-Ersten um eine legale Einreise und Teilnahme an den Australian Open wird dabei aber je nach politischer Sicht sehr unterschiedlich wahrgenommen.

Während viele den serbischen Grand-Slam-Rekordgewinner kritisch sehen, scheint er in der Heimat nicht trotz, sondern gerade auch wegen seiner Corona-Haltung großflächige Unterstützung zu erfahren.

Stimmt der Eindruck, den die wohlgesonnenen Schlagzeilen aus Serbien nahelegen? Worauf gründen die auch politischen Sympathien für den als wunderlich verschrienen Djokovic - und ist das, was in seinem Land passiert, auch eine Erklärung für sein oft rätselhaftes Verhalten?

SPORT1 hat nachgefragt bei einem Kenner der Region - der einige neue Perspektiven auf den Fall Djokovic eröffnet.

Novak Djokovic: Impf-Ablehnung in der Heimat weit verbreitet

Daniel Majic, als kritischer Journalist und Podcaster (Neues vom Ballaballa-Balkan) bekannt, weist darauf hin, dass Djokovic mit seiner Impf-Ablehnung keine Minderheitenmeinung vertritt.

Novak Djokovic darf sich nach einem Urteil nun frei in Australien bewegen. Seine Teilnahme an den Australian Open in Melbourne ist damit aber keineswegs gesichert.
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Nach Djokovic-Krimi: "Das Image ist nachhaltig geschädigt!"

Aktuell ist weniger als die Hälfte der Bevölkerung in Serbien vollständig geimpft, obwohl das Land schon im vergangenen Winter für seine schnell angelaufene und effizient organisierte Impfkampagne auch international Beachtung fand.

Majic ist nicht überrascht - er verweist auf einen Zusammenhang, der auch mit dem Thema Djokovic eng verknüpft ist: „Wenn man sich die Entwicklungen der letzten drei Jahrzehnte im gesamten ehemaligen Jugoslawien ansieht, verwundert das alles nicht, weil Esoterik dort im großen Rahmen Fuß gefasst hat. Es gibt auch hochangesehene Geistliche, die Verschwörungstheorien verbreiten und die Leute davon abhalten, sich impfen zu lassen. Insofern ist Djokovic alles andere als außergewöhnlich in seinem Verhalten.“

Verbreitete Sicht: „Bestraft, weil er Serbe ist“

Wie Majic schon kürzlich im Gespräch mit SPORT1 betont hatte, heißt das nicht, dass das ganze Land geschlossen hinter Djokovic steht (“Es gibt nicht wenige Personen, die ihn bei Twitter als Idioten bezeichnen und fordern, er solle sich endlich impfen lassen und aufhören, so eine Show abzuziehen“).

Djokovic habe aber eben auch viele mächtige Befürworter in Politik und Medien: „Man muss wissen, dass Serbien von einer alternden Gesellschaft geprägt ist, die in ihrer öffentlichen Wahrnehmung vor allem von klassischen Boulevardmedien beeinflusst wird. Dort wird Djokovic vorwiegend gefeiert, anstatt dass er kritisch dargestellt wird.“

Aktuell würden deshalb erst recht viele einem „Opfer-Narrativ“ folgen, es werde das Gefühl transportiert: „Djokovic wird dafür bestraft, dass er ein erfolgreicher Serbe ist.“

Vater Srdjan Djokovic - im heimischen Kontext „Mainstream“

Novaks Vater Srdjan Djokovic, der auch international immer wieder mit kruden Wortmeldungen auffällt, vertritt die Sicht einer westlichen Verschwörung gegen seinen Sohn - nicht erst seit den aktuellen Wirren - besonders engagiert.

Srdjan und Dijana Djokovic sind die Eltern von Novak Djokovic
Srdjan und Dijana Djokovic sind die Eltern von Novak Djokovic

Majic betont aber, dass der Djokovic-Papa im serbischen Kontext schlicht für den „Mainstream“ stehe: „Djokovics Vater ist in seinem Auftreten nicht besonders aggressiv, er vertritt damit die politische Meinung von vielen in Serbien. Er ist ein Wirrkopf, weil er historischen Quatsch redet, aber er ist damit bei weitem nicht allein.“

Srdjan Djokovic vertrete „Erzählungen, die in den Neunzigern während des Zerfalls Jugoslawiens aufgebaut wurden“. Letztlich gebe es in der Region kaum einen Lebensbereich, der nicht davon geprägt und politisiert sei.

Nationalismus, Widerstand gegen „den Westen“, Esoterik und Aberglaube, unwissenschaftliche Corona- und Impf-Ansichten: Die Ideologien gehen Hand in Hand, nähren sich gegenseitig.

Novak Djokovic hängt zum Teil auch selbst dem Nationalismus an

Vor diesem Hintergrund warnt Majic davor, Novak Djokovic zu unkritisch zu sehen, als Star, der halt ein paar skurrile Ansichten und Macken habe.

Seltsame Aktionen wie seine Bosnien-Reise, „um sich dort bei den nicht existierenden Pyramiden positiv mit Ionen aufzuladen“, seien „in der aktuellen Gesamtbetrachtung nicht mehr so harmlos“, wie sie auf den ersten Blick erschienen.

Novak Djokovic bei seinem Besuch in den "bosnischen Pyramiden"
Novak Djokovic bei seinem Besuch in den "bosnischen Pyramiden"

Vor allem eines kommt Majic oft zu kurz: Djokovic schwebt in dem brisanten politischen Umfeld nicht über den Dingen, vertritt etwa eine offen nationalistische Position im anhalten Konflikt um die Unabhängigkeit des Kosovo (wo Vater Srdjan geboren ist) von Serbien, über die er sich über Jahre hinweg ablehnend geäußert hat - und damit willkommener Werbeträger für interessierte Kreise ist.

„Der Kosovo ist Serbien“ kommentierte Novak die Unabhängigkeitserklärung 2008 in einem Video und bekräftigte seine Sicht seitdem immer wieder. Als Provokation wurde in dieser Hinsicht auch aufgefasst, dass Djokovic und seine Teamkollegen nach dem Gewinn des ATP-Cup 2020 ein altes Volkslied mit der Zeile „Niemand kann den Kosovo meiner Seele entreißen“ anstimmten. Keine böse Absicht, behauptete Vater Srdjan damals, Novak liebe halt seine Heimat - während kosovarische Politiker erbost waren.

Rätselhafte Begegnung mit Srebrenica-Kommandeur

Majic verweist auch auf den Wirbel um Djokovics Begegnung mit Milan Jolovic, im Balkankrieg Kommandeur einer paramilitärischen Einheit, die am Massaker von Srebrenica beteiligt war, in dem 1995 8000 Bosniaken von serbischen Einheiten ermordet worden waren. Ein Foto, wie die beiden bei einem Bankett gemeinsam bei Tisch saßen, sorgte im vergangenen Jahr in Djokovics Heimatregion für Aufsehen. Djokovic ließ schließlich ausrichten, dass ihm die Identität von Jolovic nicht bekannt gewesen sei.

Zu beachten ist: Djokovic, als Kind selbst geprägt vom Zerfall des früheren Jugoslawien und dem Bürgerkrieg in den Neunzigern, ist kein völliger Reaktionär, zeigte sich in anderen ethnischen Fragen als Versöhner.

Er pflegt ein gutes Verhältnis mit Spielern und Stars aus anderen Balkan-Nationen - inklusive seines kroatischen Star-Coachs Goran Ivanisevic. Dass Djokovic während der WM 2018 bekannte, mit Kroatien zu fiebern, brachte ihm auch Verärgerung nationalistischer Politiker ein.

Balance-Akt zwischen den Welten

Anders als Vater Srdjan ist Sohn Novak zudem auch aus offensichtlichen Gründen um sein Bild in der westlichen Welt bemüht, wo er wegen seines sportlichen Ruhms zig Millionen Fans und viele Geschäfts- und Werbepartner hat.

Es ist die naheliegende Erklärung dafür, dass er seine Ablehnung einer Corona-Impfung bis zuletzt nicht offen aussprach, sondern sie zu seiner „Privatsache“ erklärte, die keinem was angehe. Den Imageschaden, hätte er Farbe bekannt, muss er erahnt haben,

Die Konfrontation mit der rigiden australischen Einwanderungspolitik hat diesen widersprüchlichen Balance-Akt zum Kollaps gebracht - mit Folgen, die in ihrer Summe noch kaum zu kalkulieren sind.