Das Skispringen kommt auch knapp ein Jahr nach dem Anzugs-Skandal im Rahmen der nordischen Ski-WM in Trondheim nicht zur Ruhe. Sorgten bei der Vierschanzentournee unter anderem die Disqualifikationen von Timi Zajc für Unruhe, hat nun ein Langlauf-Star ausgepackt - und Vorwürfe erhoben, die es in sich haben.
Diese Abrechnung eines Skisprung-Kenners hat es in sich
Diese Vorwürfe haben es in sich
Der Österreicher Mika Vermeulen, der als früherer Kombinierer mit dem Skispringen Erfahrung gemacht hat, ließ im Podcast Skirious Problems kein gutes Haar an den beiden nordischen Sportarten.
Vermeulen mit scharfen Anschuldigungen an Ex-Kollegen
„Die Leute haben ständig betrogen. Sie stopften tonnenweise Plastilin in ihre Unterwäsche, um einen größeren Schritt zu erzielen“, packte der 26-Jährige aus. Auf diese Weise sollen sie fünf Zentimeter an Schrittlänge herausgeholt haben. Ein ganz klarer Vorteil im Flug, da auf diese Weise mehr Fläche zum Tragen kommt.
Vermeulen gab im Podcast sogar an, von anderen Springern selbst zum Betrug aufgefordert worden zu sein. „Als ich das erste Mal Messungen vornehmen sollte, kamen die älteren und erfahreneren Springer zu mir und sagten: ‚Es ist sehr wichtig, dass du deinen Penis mit Klebeband festklebst, denn so wird dein Schrittmaß ein oder zwei Zentimeter niedriger‘“, so die unglaublich klingenden Aussagen von Vermeulen.
Passend dazu: Im Rahmen der Tournee sorgte ein kurioser Bild-Bericht für Aufsehen, wonach getuschelt werde, dass Springer durch Injektion von Hyaluronsäure ihren Penis vorübergehend vergrößern könnten, um bei der Messung des Schrittmaßes Vorteile zu erzielen.
Vermeulen kritisiert zu lasche Strafen: „Gefährliche Kultur“
Im weiteren Verlauf des Gesprächs gab er jedoch zu verstehen, dass keiner der Athleten, die ihm dazu aufgefordert hatten, heute im Weltcup aktiv sind.
Dass Disqualifikationen auch versehentlich vorkommen können, schließt der beste Langläufer Österreichs außerdem aus.
„Ich kann das mit hundertprozentiger Sicherheit sagen: Alle, die beim Skispringen und in der Nordischen Kombination disqualifiziert werden, betrügen absichtlich. Und sie rechtfertigen das einfach damit, dass sie sagen: ‚Ja, ja, aber alle anderen machen das auch.‘" Am vergangenen Wochenende wurde auch Deutschlands Top-Kombiniererin Nathalie Armbruster wegen eines irregulären Anzugs disqualifiziert.
In diesem Zusammenhang kritisierte Vermeulen auch die teilweise laschen Kontrollen und die fehlenden oder zu geringen Konsequenzen, wenn das Limit überschritten wurde.
„Ich sage nicht, dass alle betrügen. Ich sage nur, dass man eine schlechte Kultur schafft, wenn Betrug nicht streng bestraft wird. Und das ist eine gefährliche Kultur. Man schafft eine Kultur, in der es in Ordnung ist, nach Schlupflöchern zu suchen“, gab er auch im Gespräch mit dem norwegischen Sender NRK zu verstehen.
Neue Regeln immer noch zu lasch?
Nach dem Skandal im norwegischen Skispringen bei der WM und zahlreichen gegenseitigen Trickserei-Vorwürfen im gesamten Winter 2024/25, hat die FIS reagiert und die Regeln verschärft. Der neue Verantwortliche für die Materialkontrolle, Matthias Hafele, zog auch Springer - wie Timi Zajc - aus dem Rennen, wenn das Limit nur um Millimeter übertroffen wurde. Zudem wurde die erlaubte Schrittlänge des Anzugs reduziert und ein System mit gelben und roten Karten eingeführt.
Vermeulen ist die Form der Bestrafung aber zu milde. „Wenn man beim Betrügen erwischt wird, sollte man für einen längeren Zeitraum gesperrt werden. Es sollte keine Karten geben. Man hat betrogen“, verdeutlichte er seinen Standpunkt. Aktuell werden Springer nach dem zweiten Vergehen für zwei Springen gesperrt.
Vermeulen vergleicht Tricksereien mit Doping
Vermeulen vergleicht die Anzugs-Tricksereien beim Skispringen mit dem Doping im Skilanglauf. Dabei sieht er jedoch einen eklatanten Unterschied.
„Im Skilanglauf halten wir uns zu 100 Prozent an die Vorgaben, was die WADA-Dopinglisten und alles angeht. Aber im Skispringen geht man lieber bewusst ein Risiko ein oder bewegt sich ganz am Rande der Grenze und denkt, dass es irgendwann sicher schiefgehen wird, aber dass das trotzdem völlig in Ordnung ist“, führte er aus.
Spricht aus Vermeulen ein frustrierter, gescheiterter Kombinierer? Verbitterung dürfte den dreimaligen Junioren-Weltmeister eigentlich eher nicht umtreiben - zumal er als Langläufer zuletzt große Erfolge feiern konnte: Im vergangenen Winter beendete er die Tour de Ski auf dem zweiten Platz, nachdem er 2023/24 Platz sieben im Gesamtweltcup belegt hatte. Im Februar wird er bei den Olympischen Spielen im Idealfall um Medaillen kämpfen.
Moan übt Kritik: „Eine große Fackel in seinem Wespennest“
Dennoch erntete Vermeulen auch Gegenwind für seine scharfen Aussagen. „Ich bin mir nicht sicher, ob er weiß, was er damit anrichtet, wenn er darüber spricht. Das ist wie eine große Fackel in seinem eigenen Wespennest“, bemängelte der ehemalige Weltklasse-Kombinierer Magnus Moan im Gespräch mit NRK.
Zudem sei es „völlig falsch“, Doping und Material-Vergehen miteinander zu vergleichen. Moan stimmte Vermeulen aber in dem Punkt zu, dass die Strafe nach einer roten Karte zu milde sei. „Stellen Sie sich vor, eine rote Karte würde zu einer Sperre für eine ganze Saison führen. Dann würde man von Konsequenzen sprechen“. Es gehe darum, „eine Kultur im Sport zu etablieren und Menschen zur Verantwortung zu ziehen, wenn sie gegen Regeln verstoßen“.
Der ÖSV-Zuständige im Bereich Kommunikation, Nils Vettori, bemühte sich auf Nachfrage von NRK darum, ein wenig Schärfe aus den Vermeulen-Aussagen zu nehmen. Der Athlet beziehe sich „auf Einzelpersonen“ und spreche „keine allgemeine Verurteilung“ aus. Zudem wolle er lediglich betonen, „dass es im Skispringen klare Regeln gibt, die befolgt werden müssen“.