Es spielte sich am Freitagmittag ab, um exakt 12.09 Uhr. Totenstille herrschte im Pressezentrum von Ruhpolding, als Johannes Thingnes Bö hereinkam. Auf seinem Kopf trug er eine blaue Kappe mit der Aufschrift „Ice“. Das passte zum Dominator der vergangenen Jahre. Zu dem Mann, der den Biathlon-Sport auf ein neues Niveau gehoben hat. Sobald er die Skier angeschnallt und das Gewehr aufgesattelt hatte, wirkte der Norweger eiskalt - bis zu jenem Moment, in dem von Eis plötzlich jede Spur fehlte.
„Das brachte das Fass zum Überlaufen“

Dass Bö diesmal eine Botschaft zu verkünden hatte, die ihm alles andere als leicht von der Zunge ging, war sofort zu sehen. Der 31-Jährige zückte sein Handy, räusperte sich kurz und stockte dann. Noch bevor er den ersten Satz vorlesen konnte, begann er zu weinen. „Es ist gerade sehr hart für mich“, sagte Bö auf Norwegisch und erklärte, dass er seine aktive Biathlon-Karriere nach diesem Winter beenden werde: „Jetzt ist es an der Zeit, meine Familie in den Vordergrund zu stellen.“ Und das, obwohl der Plan schon klar schien.

Biathlon: „Im Presseraum haben so viele geweint“
Eigentlich hätte Bö noch ein weiteres Jahr Wettkämpfe bestreiten und bei den Olympischen Spielen in Antholz 2026 wieder um Goldmedaillen kämpfen sollen. Das Erstaunen über den vorzeitigen Rücktritt fiel so umso größer aus - vor allem in seiner Heimat. „Sport-Norwegen unter Schock“, titelte der NRK. Viele andere Medien taten es dem TV-Sender gleich. Bö betonte seinerseits, dass es ihn in den vergangenen Jahren „viel Kraft gekostet“ habe, „die Nummer eins zu sein“. Die Teilnahme an den Olympischen Spielen hätte ihm noch mehr abverlangt, „auch von meinem Umfeld“.
Mit seiner Ehefrau Hedda hat Bö inzwischen zwei gemeinsame Kinder, Sohn Gustav und Tochter Sofia. Wenn diese eines Tages aus dem Haus seien, werde er das zusätzliche Jahr mit ihnen keinesfalls bereuen, versicherte er. Die Sportkarriere zugunsten der Familie zurückstellen? Eine bemerkenswerte Entscheidung - findet auch Eurosport-Experte Michael Rösch. „Im Presseraum haben so viele geweint, inklusive mir, der das am Handy verfolgt hat. Für die Familie aufzuhören, das kann ich absolut nachvollziehen“, schilderte er bei SPORT1.
Bö? „Nur sein Bruder Tarjei wusste Bescheid“
Eine Biathlon-Saison dauert rund fünf Monate, von November bis März. Doch schon im Sommer werden die Grundlagen für die Strapazen des Weltcups gelegt - für Bö in Summe einfach zu viel, um Spitzensport und Privatleben weiter unter einen Hut zu bringen. „Über Weihnachten hat es bei Johannes angefangen zu rumoren. Nur sein Bruder Tarjei wusste Bescheid. Sonst niemand“, erzählte Rösch: „Ich glaube, der Einzel in Ruhpolding brachte das Fass bei ihm dann zum Überlaufen. Die Meldung sollte endlich raus. Er hat selbst gesagt: Ob ich jetzt eine Medaille mehr oder weniger gewinne - f*** it.“
„Hut ab dafür! Mit dieser Entscheidung ist er jetzt wirklich der GOAT, auch wenn er in manchen Statistiken nicht ganz oben stehen wird. Der Move macht ihn am Ende aber wieder zu einem nahbaren Menschen. Allerhöchsten Respekt“, ergänzte der gebürtige Sachse. Klar ist jedoch auch, dass die Szene einen ihrer schillerndsten Protagonisten verliert. Bö gewann insgesamt fünf olympische Goldmedaillen und wurde 20 Mal Weltmeister - so oft wie sonst nur sein Landsmann Ole Einar Björndalen. Im Weltcup feierte er 79 Einzelsiege und holte fünfmal die Gesamtwertung.
Wie wichtig und beliebt er im Biathlon-Zirkus ist, zeigten allein die Reaktionen nach der Pressekonferenz. Viele Athleten meldeten sich sofort auf Instagram zu Wort und würdigten den großen Norweger ausgiebig. „Die Rivalität auf der Strecke ist da, gar keine Frage, der Respekt aber abseits der Strecke ist eben riesengroß“, sagte Rösch. Sturla Holm Laegreid, Teamkollege und immerhin Bös ärgster Konkurrent der jüngeren Vergangenheit, brach in einem Interview mit dem NRK sogar in Tränen aus, als er später auf den Rücktritt seines Landsmannes angesprochen wurde.
Bös „großes Geschenk“
„Ich wäre nie so gut geworden, wenn ich nicht Johannes vor mir gehabt hätte, dem ich nacheifern konnte“, begründete Laegreid seinen emotionalen Auftritt. Stolze 13 Jahre war Bö im Weltcup. 13 Jahre, in denen der Mann aus der kleinen Stadt Stryn die Fans mit seiner läuferischen Überlegenheit und seinen unnachahmlichen Schnellfeuer-Einlagen am Schießstand begeisterte. Aber auch 13 Jahre, in denen die Konkurrenz bewundernd zu ihm aufschaute. Auf den Dominator, der mit einem „großen Geschenk“ gesegnet ist, wie er selbst betonte: „Ich muss fast nie trainieren, um die Nummer eins zu sein.“
Bleiben werden eine Menge besonderer Momente. Einer davon bei der WM 2023 in Oberhof, als Bö Gold im Einzel über 20 Kilometer holte. Dabei lief er seine Gegner so dermaßen in Grund und Boden, dass er als erster Biathlet die Ziellinie überquerte, obwohl er mit der Startnummer elf ins Rennen gegangen war. Oder der Sprint - dem engsten und umkämpftesten Format - von Canmore im Vorjahr, wie sich Rösch erinnerte. Mit 1:02 Minute distanzierte Bö damals den Zweitplatzierten Tommaso Giacomel. „Ich musste lange suchen. Aber das war der größte Abstand, den es je bei diesem Wettkampf gegeben hat“, so der Ex-Biathlet.
Zieht Bö an Björndalen vorbei?
Ein großes Ziel nimmt Bö jetzt noch ins Visier: die WM in Lenzerheide. Dort hat er die Möglichkeit, mit einer weiteren Goldmedaille an Björndalen vorbeizuziehen. „Während der Weihnachtstage war Johannes krank, das hat ihn etwas zurückgeworfen“, blickte Rösch auf den anstehenden Saison-Höhepunkt voraus. „Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass er eine richtig gute WM bestreiten wird. Danach hoffe ich sehr, dass er am Saisonende in Oslo den perfekten Abschied findet. Vielleicht mit einem Sieg im letzten Rennen - das wäre eine Geschichte wie aus dem Bilderbuch.“
Gleichwohl steht für Rösch fest: „Wir werden ihn vermissen!“ Bö habe den Sport nun mal „so lange geprägt und Rekorde über Rekorde gebrochen“, wie kaum einer vor ihm. Der Norweger liebte es, immer wieder Rennen zu gewinnen, seinen Gegnern die Skienden zu zeigen. Er liebte es, Biathlon in Perfektion zu betreiben. Doch am Ende ist die Liebe zu seiner Familie offenbar größer. Verständlich. „Aber: Wenn Legenden gehen, kommen neue nach“, erinnerte Rösch abschließend. Vielleicht entspringt sein Erbe ja sogar aus dem eigenen Lager. Überraschend käme das nicht.