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Biathlon-WM: “Eine unmenschliche Schlussrunde" des Superstars

“Eine unmenschliche Schlussrunde“

Die Norweger fliegen in der Single-Mixed-Staffel trotz 15 Nachladern zu Silber. Möglich macht dies vor allem Superstar Johannes Thingnes Bö - die Konkurrenz staunt.
Johannes Thingnes Bö erkämpfte noch Silber für Norwegen
Johannes Thingnes Bö erkämpfte noch Silber für Norwegen
© IMAGO/NTB
Die Norweger fliegen in der Single-Mixed-Staffel trotz 15 Nachladern zu Silber. Möglich macht dies vor allem Superstar Johannes Thingnes Bö - die Konkurrenz staunt.

Es war so knapp. Der vorne liegende Quentin Fillon Maillet aus Frankreich schoss den zweiten Schuss auf den Rand, sein deutscher Verfolger Justus Strelow verzog die dritte Patrone. Für einen winzigen Moment hatte Johannes Thingnes Bö die Goldmedaille in der Single-Mixed-Staffel tatsächlich wieder im Visier - doch dann passierte, was dem großen Überflieger aus Norwegen in solchen entscheidenden Sekunden eigentlich nie passiert: Auch er patzte.

Nach drei anfänglichen Treffern beim finalen Stehendanschlag schoss er die letzten beiden Schüsse nicht ins Schwarze. Und selbst einer seiner Nachlader verfehlte das Ziel, der Traum von Gold und Silber schien zu diesem Zeitpunkt ausgeträumt, die Aufholjagd der zuvor schwächelnden Norweger jäh gestoppt. Fillon Maillet hatte seinen Fehler längst korrigiert und das Stadion mehr als 20 Sekunden früher verlassen, Strelow folgte wenige Augenblicke später. Den Blick musste Bö eher nach hinten richten, denn dort eilten die ebenfalls laufstarken Sebastian Samuelsson und Niklas Hartweg heran.

Aber Bö? Der dachte gar nicht daran, in die Defensive zu gehen. Lieber nahm der 31-Jährige die Beine in die Hand, suchte die Flucht nach vorne und baute auf der Strecke maximalen Druck auf - mit Erfolg. Samuelsson und Hartweg verschwanden in einem nicht für möglich gehaltenen Tempo aus dem Rückspiegel, dafür sah er Strelow an der Zwischenzeit plötzlich wieder vor sich und zog danach auch vorbei. Eine atemberaubende Leistung. Fillon Maillet, mit Julia Simon späterer Sieger, knüpfte er 15 Sekunden ab, Strelow gar 21 Sekunden - und das auf einer nur 1,5 Kilometer kurzen Laufrunde.

Bö? „Seinen Killerinstinkt ausgepackt“

Entsprechende Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. „Eine Monster-Finalrunde“, kommentierte der norwegische Experte Ola Lunde auf NRK. Die Tageszeitung Dagbladet schrieb von „einer unmenschlichen Schlussrunde“. Am Ende gab es für Bö und seine Partnerin Ragnhild Femsteinevik Silber statt Bronze, selbst Gold war nur noch 5,7 Sekunden entfernt. Angesichts von 15 Nachladern, die zweitmeisten aller ins Ziel gekommenen Staffeln, fast nicht glauben. Zum Vergleich: Das drittplatzierte deutsche Duo schoss lediglich viermal daneben, Frankreich siebenmal.

Auch Strelows Teamkollegin Franziska Preuß geriet wegen Bös gezündeten Turbo noch einmal ins Schwitzen. „Ich war in der letzten Runde von Justus sehr nervös, weil man selbst nichts machen kann. Dass Justus ein guter Schütze ist, wusste ich. Aber ich habe mir mehr Sorgen gemacht, was Johannes Thingnes Bö hinter ihm veranstaltet“, sagte Preuß zu SPORT1. „Er ist so ein starker Läufer und hat heute wieder seinen Killerinstinkt ausgepackt. Es waren 20 Sekunden Vorsprung, aber wenn er einmal ein Ziel vor Augen hat, kann er laufen, bis er umfallen.“

Tarjei Bö, Bruder des norwegischen Superstars, glaubte derweil, dass das schwache letzte Schießen seinen Weggefährten zusätzlich angestachelt habe. „Ich denke, er war einfach sehr sauer, weil er so viele Nachlader benötigt hat“, erklärte Tarjei bei NRK. Acht der insgesamt 15 Zusatzpatronen gingen auf das Konto von Femsteinevik, immerhin sieben auf das von Bö. Zu viel für die hohen Ansprüche des Perfektionisten. Über Silber lachten Femsteinevik und Bö dennoch, schließlich war es die erst dritte Medaille der sonst so dominanten Norweger bei der Biathlon-WM.

„Unser Wachs-Team hat einen fantastischen Job gemacht“

Hinzu kam die Tatsache, dass im Lager der Skandinavier echte Katerstimmung noch am Vortrag herrschte herrschte. Mit Endre Strömsheim landete der bestplatzierte Norweger im Herren-Einzel nur auf Platz neun, Bö selbst musste sich mit dem 20. Rang zufriedengeben. Eine Horror-Bilanz aus Sicht des erfolgsverwöhnten Teams. Das schlechte Material war schnell als Schuldiger auserkoren. „Wenn die Skier nicht so gut sind, musst du mehr Energie auf der Strecke aufbringen“, so Bö, „das bringst du dann an den Schießstand mit.“ Am Donnerstag sah die Welt aber nun schon wieder ganz anders aus.

Die Skier seien heute „sehr, sehr schnell gewesen, völlig anders als gestern“, erzählte Bö nach dem Silber-Gewinn. Seiner Meinung nach hätten die Norweger sogar das beste Material gehabt. „Unser Wachs-Team hat über Nacht hart gearbeitet und einen fantastischen Job gemacht, ich war beeindruckt.“ Auch wenn es nicht für die oberste Stufe des Podests reichte, schien Bö zufrieden - nicht zuletzt wegen seiner Laufleistung. Mit schnellen Brettern und einer gehörigen Portion Wut im Bauch auf die letzte Runde. Eine tolle Kombination, wie die Single-Mixed-Staffel zeigte.