Kaum ein deutscher Biathlet musste mehr Täler durchschreiten, ehe er in der erweiterten Weltspitze ankam, als David Zobel. Dabei galt der inzwischen 29-Jährige in der Jugend als großes Talent und sammelte Medaillen, ehe die Karriere ins Stocken geriet.
Biathlon: "Ich musste mich rausnehmen, damit ich das überlebe"
Dieser deutsche Star zeigt es nun allen
Jahrelang kämpfte Zobel um einen Platz im Weltcup, musste diesen aber häufig schnell wieder aufgeben. In dieser Saison gelang es ihm nun, seine Leistungen zu stabilisieren und in Ruhpolding löste er jüngst sogar sein Olympia-Ticket.
Im exklusiven SPORT1-Interview verrät der Starnberger, was sich geändert hat und ihn aktuell so stark macht. Zobel blickt aber auch auf schwierige Phasen seiner Karriere zurück und gewährt interessante Einblicke in den alltäglichen Kampf eines Biathleten.
SPORT1: Wir müssen nochmal kurz auf die verrückte Staffel in Oberhof zurückblicken. Als Schlussläufer im Duell mit den Topstars Giacomel, Samuelsson, Christiansen und Perrot - mehr geht wohl nicht. Auch wenn es knapp Rang 5 wurde: Ist das ein Rennen, was Sie nie vergessen werden?
David Zobel: Das ist perfekt beschrieben. Dazu die Traumbedingungen, für mich auch noch Heimweltcup - und dann übergeben meine Kollegen in so einer geilen Situation, dass ich mit den ganzen Legenden am Start stehen darf, die Crème de la Crème im Biathlon. Leider hat es nicht fürs Podium gereicht, aber ich konnte voll mithalten und für mich wird das immer in Erinnerung bleiben.
Olympia 2026: „Hätte unfassbar Bock drauf“
SPORT1: Sie haben in Ruhpolding das Olympia-Ticket gelöst: Würden Sie sich die Rolle des Schlussläufers auch dort zutrauen und sich so ein Szenario wie in Oberhof wünschen?
Zobel: Olympia ist natürlich nochmal was anderes, das ist das Großereignis. Bin ich dabei, muss ich mich dort erst für die Staffel empfehlen. Aber klar, mit der Staffel in Oberhof im Rücken würde ich es mir zutrauen. Ich wäre natürlich unfassbar aufgeregt, denn es wäre eine richtig krasse Aufgabe - aber ich hätte auch unfassbar Bock drauf. Das Ziel ist nur, dass dann nicht Platz 5 steht, sondern das Podium.
SPORT1: Vor Oberhof haben Sie in Seefeld unter anderem mit dem Schweden Martin Ponsiluoma trainiert, einem der Laufschnellsten. Kann man sich da was abschauen?
Zobel: Absolut. Es war ein Glücksfall für mich, dass er auch vor Ort trainiert hat und ich den Trainer der Schweden (Johannes Lukas, Anm. d. Red.) sehr gut kenne. So haben wir uns zusammengefunden und konnten gut trainieren. Wenn du dir anschauen kannst, wie er (Ponsiluoma) technisch an welchen Stellen läuft und dann merkst, du kommst zum Teil echt gut mit, gibt es dir einfach ein gutes Gefühl für die nächsten Weltcups.
Erst Top-Talent, dann ausgebremst
SPORT1: Dann lassen Sie uns mal auf Ihre Karriere zurückblicken. In der Jugend waren Sie recht erfolgreich, sammelten Medaillen, kamen so schnell in den A-Kader - da geriet die Karriere dann ins Stocken. Können Sie sagen, was die Ursache war?
Zobel: Es gab sehr viele Wellenbewegungen, vor allem auch viele Tiefpunkte, die ich mitgenommen habe. Gerade zu Beginn ging es schnell und steil bergauf. In dem Alter war ich aber noch nicht so weit, das große Ganze zu sehen - vor allem, was die Trainingssteuerung angeht. Da sind die jungen Athleten heute deutlich weiter als ich damals, das muss ich eingestehen. Für mich war das Problem, dass ich einfach nicht kontinuierlich trainiert habe, sondern immer diese Lehrgänge mit dem A-Team hatte, die unfassbare Spitzen für mich waren.
SPORT1: Das A-Team bestand damals unter anderem aus Simon Schempp, Arnd Peiffer und Erik Lesser, zu denen Sie so früh dazugestoßen sind?
Zobel: Genau. Davor und danach musste ich mich sehr aus dem Training rausnehmen, damit ich das überhaupt überlebe, weil ich doch sehr jung war im Vergleich zu den anderen. Das hat die kontinuierliche Entwicklung bei mir ein wenig verhindert. Deshalb ging es zwei Jahre in Folge ziemlich bergab, wo ich merkte: Okay, entweder muss ich hier grundlegend was ändern oder ich lasse es eben. Dann stand schnell für mich fest, dass ich Mark Kirchner (damaliger Bundestrainer, Anm. d. Red.) anrufe und frage, ob ich nach Oberhof wechseln kann. Dort kann ich dann kontinuierlich auf so einem hohen Niveau trainieren, weil die Gruppe extrem stark ist. Er hat Gott sei Dank ja gesagt, sonst würden wir jetzt nicht sprechen.
Zobel: „Die Tiefen sind verdammt tief“
SPORT1: In den vergangenen Jahren sind Sie oft zwischen IBU-Cup und Weltcup gependelt. Wie schwierig sind diese häufigen Wechsel mental, auch mit dem Wissen, wenn ich jetzt nicht performe, fliege ich direkt wieder raus?
Zobel: Das ist schwierig, definitiv. Der Tiefpunkt war für mich im letzten Jahr nach dem Weltcup in Kontiolahti, wo ich nach dem ersten Wochenende direkt wieder raus war. Da musst du jedes Mal dein schön aufgebautes Haus in Scherben verlassen und darfst direkt anfangen, alles wieder aufzubauen. Das ist schon sehr, sehr hart - aber das ist im Endeffekt Sport. Die Höhen sind sehr hoch, da klopfen einem alle auf die Schultern, aber dafür sind die Tiefen auch verdammt tief, kosten extrem viel Energie und sind im Vergleich zu einem „normalen“ Job noch härter zu bewältigen.
SPORT1: Wie schafft man es, dass diese Tiefen einen nicht zu sehr runterziehen?
Zobel: Da muss ich sagen, dass ich ein unfassbar starkes Umfeld um mich herumhabe. Das Motto heißt daher: Niemals aufgeben und immer weiter machen. Aber nach solch harten Entscheidungen, die zum Teil auch absolut zurecht waren, fällt es einem schon sehr, sehr schwer, wieder aufzustehen, Gas zu geben, und diszipliniert an den Zielen zu arbeiten. Aber das ist eben der Schlüssel, wenn man nicht Johannes Thingnes Bö heißt, sondern zwar einen talentierten Körper, aber nicht den Überkörper hat und in einem Team ist, wo viele auf ähnlichem Niveau sind, weshalb kleine Nuancen entscheiden.
Biathlon: DSV-Star dachte an Karriereende
SPORT1: Da Sie die tiefsten Tiefen ansprachen – denkt man da auch mal an ein frühes Karriereende und wie haben Sie die Wende geschafft?
Zobel: Absolut denkt man da auch ans Karriereende. Letztes Jahr nach Kontiolahti wollte man natürlich ad hoc einfach hinschmeißen und sagen: ‚Komm, dann mach ich lieber einen normalen Job. Da muss ich mir so etwas nicht geben.‘ Es hängt auch immer viel vom Umfeld ab und wie die Trainer es einem kommunizieren. Da muss ich sagen, dass sich das in diesem Jahr extrem zum Besseren gewendet hat. Es macht unfassbar Spaß, mit dem Team zu arbeiten, sich weiterzuentwickeln und dann sieht man seine Ziele auch wieder ziemlich klar.
SPORT1: DSV-Sportdirektor Felix Bitterling hat uns gesagt, dass Sie in früheren Jahren vielleicht ein bisschen zu sehr mit dem Kopf durch die Wand wollten. Stimmen Sie zu?
Zobel: Das würde ich gar nicht so unterschreiben, dass ich es immer forciert habe. Mir hat einfach die Kontinuität im Training gefehlt, weshalb sich läuferisch zeitweise nicht mehr viel entwickelt hat. Wo er recht hat, ist beim Schießen. Da habe ich zu wenig an mir gearbeitet, wollte einfach machen und habe zu wenig Training im Hintergrund gehabt, was Trockentraining, Schießtechnik und Mentaltraining angeht. Da kann man es so beschreiben, dass ich ein wenig mit dem Kopf durch die Wand und direkt gut schießen wollte - ohne die Grundlagen zu haben. Das war sicherlich in jüngeren Jahren problematisch.
Botn? „Ich ziehe meinen Hut“
SPORT1: Gibt es irgendetwas, was speziell von letzter zu dieser Saison Klick gemacht hat, damit es so viel besser läuft?
Zobel: Ich denke, dass vor allem die läuferische Stärke im Vergleich zum Vorjahr hilft. Wir haben im Training ein bisschen was umgestellt. Wir haben die letzten zwei Jahre auch sehr gut trainiert für mein Empfinden - aber es war insgesamt schon immer recht viel, vor allem viel Umfang. Ich habe nach diesen zwei Saisons mit Fibs (Jens Filbrich, Anm. d. Red.) gequatscht und meinte, mir fehlt ein wenig das Frischegefühl, dass ich in der Schlussrunde richtig attackieren kann. Daher haben wir gesagt, wir schauen jetzt, dass ich mich immer gut fühle und das Körpergefühl einfach wieder stimmt. Jetzt achte ich immer besonders darauf, dass ich mich auch körperlich einfach wieder frisch fühle und eben nicht auf diesen Hypetrain mit möglichst vielen Trainingsstunden aufsteige.
SPORT1: Also kein Johan-Olav Botn 2.0., der auf über 1200 Ausdauerstunden pro Jahr kommt?
Zobel: Genau. Ich ziehe meinen Hut davor, dass er das so durchzieht, aber ich habe für mich festgestellt, dass es nicht bei jedem funktioniert - und dabei habe ich noch nicht ansatzweise so viele Stunden trainiert wie er. Ich merke jetzt einfach, dass ich in der Schlussrunde noch zulegen und mitgehen kann, was für mich das Zeichen ist, dass das Training sehr gut funktioniert hat. Dann macht es auch mehr Spaß, als wenn du in der Schlussrunde immer Plätze verlierst. Das ist jetzt der Riesenunterschied zum Vorjahr.
SPORT1: Sie sind großer Fan des FC Bayern. Glauben Sie, dass der Meistertitel der Bayern früher feststeht als Ihre Saison am 22. März zu Ende ist?
Zobel: Das ist einfach zu beantworten. Wenn sie so weiterspielen, werden sie noch früher Meister sein als wir die Saison beendet haben.