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Experten reagieren auf Worte von Vanessa Voigt: "Aus ihrem Herzen gesprochen"

Experten reagieren auf Voigt-Statement

Das leidige Thema Hassnachrichten im Netz hat bei Olympia wieder für Schlagzeilen gesorgt. SPORT1 hat mit zwei führenden Medienwissenschaftlern über die umschweifende Kritik von Biathletin Vanessa Voigt gesprochen.
Vanessa Voigt verpasst im Biathlon-Einzel erneut nur hauchdünn eine Medaille. Wie bei den Olympischen Winterspielen in Peking reicht es am Ende für Platz vier.
Das leidige Thema Hassnachrichten im Netz hat bei Olympia wieder für Schlagzeilen gesorgt. SPORT1 hat mit zwei führenden Medienwissenschaftlern über die umschweifende Kritik von Biathletin Vanessa Voigt gesprochen.

Hassnachrichten in den sozialen Medien waren bei den Olympischen Winterspielen 2026 im Lager der deutschen Biathleten bei den Wettkämpfen in Antholz in diesem Jahr Dauerthema.

Allen voran Vanessa Voigt machte immer wieder auf das Problem aufmerksam. „Ich war die letzten Tage wirklich die glücklichste Person. Dieses Instagram, das braucht einfach kein Mensch“ und „Am liebsten hätte ich so eine Karriere wie der Arnd (Peiffer, Anm. d. Red.) gehabt ohne dieses Social Media“, sagte sie beispielsweise. Auch nach dem Abschluss der Spiele ließ sie mit einem ausführlichen Statement auf Instagram aufhorchen.

SPORT1 hat mit den Medienwissenschaftlern Prof. Dr. Dirk Jungels und Jun.-Prof. Dr. Daniel Nölleke, der an der Deutschen Sporthochschule in Köln an einem Forschungsprojekt zu „Online-Hass im Leistungssport“ arbeitet, über das ausführliche Voigt-Statement, die Kritik von Ole-Einar Björndalen sowie die richtige Prävention und den richtigen Umgang mit Hasskommentaren im Netz gesprochen.

Olympia: Erfolgsverwöhntes Biathlon-Deutschland

„Vielleicht brauchen wir weniger Kritik – und mehr Respekt“, forderte Voigt unter anderem in ihrem Post. Besonders die folgenden Floskeln stießen der 28-Jährigen sauer auf: „Kein Goldregen für Deutschland. „Nur“ Platz 5 im Medaillenspiegel. Zu wenig olympischer Geist hier, zu wenig Leistung da.“

Dirk Jungels sieht die Ursache der Kritik auch in der Entwicklung des Biathlon-Sports: „Biathlon hat sich durch Veränderungen der Darstellung der Wettkämpfe in den letzten Jahren vermehrt medientauglich gemacht. Durch die deutschen Erfolge gehen im Anschluss auch Erwartungen einher.“ Dies rechtfertige aber keine Beleidigungen oder diffamierende Aussagen, betonte der Wissenschaftler.

Auch Daniel Nölleke stellt eine steigende Erwartungshaltung fest: „Ich finde es anmaßend, dass Athletinnen und Athleten, die vierte Plätze holen oder einfach mal einen schlechten Tag erwischen, da so fundamental kritisiert werden.“

Allgemeine und sachliche Kritik am sportlichen Abschneiden – da sind sich beide Experten einig – dürfe natürlich erlaubt sein. Jungels betont: „Die Medien und der Sport sitzen in einem Boot. Hohe Reichweiten sind gut für beide Seiten.“ Er fordert: „Die Athletinnen und Athleten haben meiner Ansicht nach schon das Verständnis, dass die Medien Teil des Geschäfts sind. Davon müssen wir diese Hasskommentare trennen.“

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Biathlon: Kritik an Experte Björndalen

Ein besonderer Fokus liegt auf dem angemessenen Umgang mit Hassnachrichten. „Der Umgang mit Hass und Kritik ist immer individuell. Es gibt auch Athletinnen und Athleten, die aus Kritik explizit Stärke ziehen. Es gibt aber auch Sportlerinnen und Sportler, die sich immunisieren, also sagen: ‚Ich schaue da gar nicht drauf und versuche, dass es mich nicht belastet.‘“, erklärt Nölleke und betont: „Auch das kann ein professioneller Umgang sein.“

Die Meinung von Ole Einar Björndalen, dass sich Deutschlands Biathletin von negativer Kritik zu sehr beeinflussen ließe, was er als sehr amateurhaft empfindet, sieht Nölleke wiederum problematisch: „Athletinnen und Athleten sind Menschen. Wenn sie auf mitunter diffamierende Art und Weise angegriffen werden, dann wäre es roboterhaft, unsensibel und erstaunlich, wenn es nichts mit ihnen machen würde.“

Dies wirke sich selbstredend auch auf die sportliche Leistung aus, da „ein Baustein für sportlichen Erfolg natürlich auch die mentale Gesundheit ist“, so der Wissenschaftler. Er ergänzt: „Ich finde es eher amateurhaft, wenn man diese potenzielle Wirkung nicht auch berücksichtigt.“

Auch Jungels übt in diesem Zusammenhang Kritik: „Dass eine Athletin das zugibt, zeugt zunächst einmal von Offenheit und somit von Stärke. Natürlich hat jeder seine eigene Herangehensweise und seinen eigenen Umgang mit solchen Kommentaren. Die Aussage von Ole Einar Björndalen beschreibt vielleicht seinen eigenen Umgang mit dem Phänomen.“

Unter Hassnachrichten leidet die Leistung

„Mit unsachlicher und diffamierender Kritik erzeugen die Verfasser das Gegenteil des Gewollten“, betont Nölleke. Denn aus der Forschung wisse man, dass Social Media im Sportbereich ein Stressor sei und Einfluss auf die mentale Gesundheit und den Erfolg habe. Unter der Vielzahl an Hassnachrichten leidet folglich auch die sportliche Leistung.

Der DOSB versuchte, diesem Thema mit Hilfe von KI Herr zu werden, und setzte wie bei den Sommerspielen 2024 auch bei den Winterspielen auf einen Hate-Speech-Filter, um die Athletinnen und Athleten zu schützen.

„Unsere Befürchtungen, dass sich dieses Thema weiter verschärfen wird, sind leider wahr geworden“, bilanzierte Leistungssport-Vorstand Olaf Tabor. Er berichtete von Tausenden Hasskommentaren, die von der KI herausgefiltert wurden. Einige davon werden zudem von der Staatsanwaltschaft untersucht.

Social-Media-Verzicht nicht möglich

Nölleke bezeichnet dieses reaktive Vorgehen zwar als richtig, plädiert aber dennoch für noch mehr proaktive Maßnahmen: „Es gibt noch Potenzial, dass Sportler neben dem grundsätzlichen Medien-Wirbel bei sportlichen Großereignissen grundsätzlich akribischer auf Hasskommentare vorbereitet werden.“

Einen kompletten Verzicht auf Social Media, den Voigt während der Wettkämpfe eingelegt und im Anschluss an die Spiele aufgrund von Sponsoring und finanziellem Hintergrund ausgeschlossen hatte, halten auch die Experten für keine dauerhafte Lösung.

Jungels erklärt: „Spitzenathletinnen wie Frau Voigt haben natürlich das Potenzial, sich dort zu vermarkten. Deswegen sind die sozialen Medien unabdingbar für Athletinnen, Athleten und Teams in der heutigen Zeit.“ Pragmatischer sind die Worte von Nölleke, der urteilt: „Wenn man nicht präsent ist, findet man nicht statt.“

Zudem dürfe man die Generation der Sportlerinnen und Sportler nicht vergessen, da „sie oftmals auch junge Menschen sind, die mit Social-Media aufgewachsen sind und für die es zum normalen Information- und Kommunikationsverhalten dazu gehört, Social-Media-Accounts zu pflegen.“

„Starkes Statement“ mit Offenheit und Verletzlichkeit

Der Wissenschaftler hält die Art und Weise der Voigt-Kritik – mit Blick auf die Tonalität und die Wahl der Social-Media-Plattform – „für die Sensibilisierung der Fans, die mit ihrer Kritik über das Ziel hinausgeschossen sind“ – für richtig: „Durch das Einräumen der eigenen Verletzlichkeit bringt man diese Fans gegebenenfalls auch zum Nachdenken.“

Auch Jungels fand lobende Worte für das Statement der deutschen Biathletin, die in der Mixed-Staffel zum Auftakt der Winterspiele Bronze geholt hatte: „Sie hat aus ihrem Herzen gesprochen, und wenn man ihre Worte liest, ist das ein starkes Statement. Diese Offenheit im Umgang ist gut, um eine Diskussion in Gang zu bringen. Das kann nur hilfreich sein.“

Und vielleicht entsteht dann auch eine Diskussion mit weniger Kritik – und mehr Respekt.