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Vierschanzentournee: "Das tut mir wirklich in der Seele weh" - Diese deutschen Probleme sieht Hannawald

Diese Probleme sieht Hannawald

Trotz der guten Tournee von Felix Hoffmann gibt es im deutschen Skispringen große Probleme. Im SPORT1-Interview erklärt Sven Hannawald, warum die einstigen Aushängeschilder Probleme haben und was den jungen Talenten fehlt.
Sven Hannawald sieht Probleme im deutschen Skispringen
Sven Hannawald sieht Probleme im deutschen Skispringen
© IMAGO/Ulrich Wagner
Trotz der guten Tournee von Felix Hoffmann gibt es im deutschen Skispringen große Probleme. Im SPORT1-Interview erklärt Sven Hannawald, warum die einstigen Aushängeschilder Probleme haben und was den jungen Talenten fehlt.

Speziell dank Felix Hoffmann läuft die Vierschanzentournee für das deutsche Team bisher ordentlich. Der 28-Jährige liegt aktuell auf Rang fünf und hat vor dem abschließenden Springen am Dienstag noch Chancen auf das Podest.

„Er musste sich an den Trubel erstmal gewöhnen, meistert das jetzt aber auch mit Bravour“, freute sich der ehemalige Tournee-Sieger und heutige ARD-Skisprungexperte Sven Hannawald im SPORT1-Interview.

Auch Philipp Raimund zeigt bisher eine ordentliche Tournee, rutschte zuletzt aber auf den siebten Platz ab und hat kaum noch Chancen auf das Podest.

Doch die übrigen deutschen Skispringer befinden sich aktuell alle in einer Krise. Pius Paschke sucht weiter seine Form der Vorsaison, als er im Gesamtweltcup auf Platz fünf landete, liegt aber immerhin auf dem 23. Rang der Gesamtwertung.

Düster sieht es dagegen bei den einstigen Aushängeschildern Andreas Wellinger und Karl Geiger aus, die bisher noch nicht ein einziges Mal den zweiten Durchgang erreichten.

Vierschanzentournee: Das läuft bei Wellinger und Geiger schief

Diese Entwicklung schmerzt auch Sven Hannawald, wie er im Gespräch mit SPORT1 erklärte: „Das tut mir wirklich in der Seele weh, weil sie so ein bisschen die Leidtragenden sind von dem, was jetzt passiert ist mit den Anzügen und so weiter.“

„Sie müssen ihren Sprung jetzt neu erfinden. Der hat so funktioniert mit mehr Stoff, funktioniert aber jetzt 0,0 mehr mit dem wenigen Stoff“, nennt Hannawald die Gründe für die Probleme der beiden: „Du siehst, dass beide arbeiten, dass sie versuchen, sich anzupassen und umzustellen, aber es ist eine größere Baustelle.“

Mittlerweile sei das Problem bei den einstigen deutschen Top-Athleten auch zur echten Kopfsache geworden: „Wenn ein Mensch seine Erinnerungen löschen soll, dann begibt er sich auf einen schweren Weg. Ein Springer hat eben nach wie vor immer Erinnerungen an das, was damals erfolgreich war.“

„Einem Computer kannst du eine neue Software aufspielen. Der fragt nicht danach, was vorher war. Der rennt einfach, nimmt das Neue und sagt: Okay, Attacke. Das ist der Nachteil beim Menschen, dass wir uns immer wieder an die gewohnten Bewegungsabläufe erinnern“, erklärte Hannawald weiter.

Hannawald glaubt fest an deutsche Olympia-Medaille

Trotz der Probleme habe er aber eine Resthoffnung, dass die beiden bis Olympia doch noch zu ihrer Form finden. Und selbst wenn nicht, ist der Olympiasieger von 2002 guter Dinge, dass es auch bei den anstehenden Spielen in Italien deutsche Medaillen zu bejubeln gibt.

„In diesem Fall ist es gut, dass es bei Olympia ja das Teamspringen mit vier Springern nicht mehr gibt und dafür das Mixed-Team (Anm. d. Red.: Teamspringen mit zwei Männern und zwei Frauen) und der Super-Team-Wettkampf (Anm. d. Red.: Teamspringen mit zwei Springern) stattfinden“, sagte Hannawald.

„Das Positive ist, dass wir unsere zwei Jungs haben, die mit den zwei Mädels reinpassen“, findet Hannawald und zeigte sich optimistisch: „Und das beruhigt mich erstmal, was die Medaille für Deutschland angeht.“

Allgemein sei er „froh“, dass das deutsche Team „nicht mehr so von Wellinger und Geiger abhängig“ sei. Wenn Hoffmann und Raimund in diesem Winter nicht plötzlich so stark wären, „wären wir ganz schnell in einer Krise“.

Skispringen: DSV hat Nachwuchsproblem

Trotz der starken Leistungen von Hoffmann und Raimund zeigt die aktuell laufende Vierschanzentournee aber dennoch ein klares Dilemma im deutschen Skispringen auf, es rücken keine jungen Springer nach.

Während Österreich Top-Talent Stephan Embacher (19) plötzlich auf Rang drei der Tournee-Wertung steht, hat Deutschland Glück, dass sich in dieser Saison zwei Springer endlich gesteigert haben, die schon lange im Weltcup dabei sind.

„Das ist so ein bisschen die kleine Träne in Deutschland, wo man auch sieht, dass man auch das eine oder andere Talent hat, dessen Weg dann aber aus irgendwelchen Gründen stoppt, sobald es in die erste Mannschaft kommt“, sagte Hannawald im Gespräch mit SPORT1.

In eine ähnliche Kerbe schlug auch DSV-Sportdirektor Horst Hüttel, der wegen der aktuellen Entwicklung Alarm schlug: „Das beschäftigt uns enorm, das kann uns nicht zufrieden stellen, definitiv.“

Hannawald sieht diese Entwicklung mit Sorge: „Wir haben ja auch Juniorenweltmeister gehabt, aber sobald die den nächsten Schritt machen in die erste Mannschaft, stagnieren sie.“

Hannawald kritisiert deutschen Nachwuchs

Gründe für diese fehlende Entwicklung sieht der ehemalige Tournee-Sieger bei den Springern selbst: „Da geht es dann auch nicht um die Trainer drumherum, sondern eher um die Springer als Typen an sich. Sind die dann schon zufrieden, wenn sie es in die Mannschaft geschafft haben? Oder streben sie eben nach den ganz, ganz großen Erfolgen.“

Ein Grund sei ganz sicher auch der höhere Druck. Er wisse aus eigener Erfahrung, dass im ersten Team „ein ganz anderer Wind“ wehe. „Ich war erfolgreich in der Jugend, habe dann nichts geändert und habe deshalb im Herrenbereich zunächst nichts auf die Reihe bekommen. Dann hast du natürlich auch Glaubenskrisen“, erinnert sich Hannawald.

„Damit musst du dich aber auseinandersetzen und damit klarkommen“, findet der Olympiasieger von 2002: „Am Ende willst du doch für dich selbst beweisen, dass das sicher nicht die letzte Station war. In Deutschland wird so viel getan, aber irgendwo klemmt es.“

Diese Entwicklung sei dann natürlich „zum Leidtragen von uns Deutschen“, findet Hannawald. Es brauche Veränderungen, sei es durch externe Hilfe oder eine veränderte Einstellung, damit die Springer mit „extremem Potenzial“ sich im Weltcup dann auch mehr zeigen und weiter steigern.