Felix Hoffmann und Philipp Raimund springen bei der Vierschanzentournee in der Weltklasse mit - dahinter ist die Lücke bei den deutschen Skispringern aber extrem groß. Aktuell gibt es keine Nachrücker. Dem DSV könnte in Zukunft eine echte Krise drohen.
Vierschanzentournee: Dieser deutsche Erfolg ist ein Feigenblatt!
Deutscher Erfolg nur Feigenblatt
Einzig Hoffmann kann aktuell so richtig befreit aufspringen. Schon Platz fünf wäre für ihn ein Riesenerfolg. Und damit würde er dem Deutschen Skiverband die Tournee retten: Denn abseits von Hoffmann und dem bislang unter Wert geschlagenen Philipp Raimund (7.) ist es wenig, was von den DSV-Adlern bei dieser „Vielsorgentournee“ kommt.
Besorgniserregend wenig. Hoffmanns Erfolg ist ein Feigenblatt. Angesichts der Nachwuchskrise bei den deutschen Skispringern schlägt Sportdirektor Horst Hüttel Alarm.
„Das beschäftigt uns enorm, das kann uns nicht zufrieden stellen, definitiv“, sagte Hüttel nach dem dritten Springen der Vierschanzentournee am Sonntag in Innsbruck.
Vierschanzentournee: Ergebnisse sollen Konsequenzen haben
Die schwachen Ergebnisse sollen Konsequenzen haben. „Deswegen ist es auch so, dass da ein paar Dinge auch bei uns intern hinterfragt werden müssen“, sagte Hüttel.
„Was ist da passiert? Warum ist es uns nicht gelungen, in den letzten Jahren jüngere Leute so in eine Ausgangsposition zu bringen wie den Felix im Moment“, erklärte der Sportdirektor und kündigt Veränderungen an: „Da müssen wir mit Nachdruck intensiv analysieren und schauen, dass wir so schnell wie möglich hier in den nächsten Jahren die Situation verbessern.“
Hinter dem Spitzenduo verdiente sich nur Pius Paschke (35) noch die Note ausreichend. Die kaum konkurrenzfähigen Karl Geiger (32) und Andreas Wellinger (30) durften nur weiter mit dem Tournee-Tross reisen, weil von hinten niemand nach(d)rückt - dass es bei Olympia in einem Monat keinen Team-Wettbewerb (vier Springer), sondern nur ein „Super-Team“ (zwei) gibt, ist ein Segen.
Das machte auch der ehemalige Tournee-Sieger und ARD-Skisprungexperte Sven Hannawald im SPORT1-Interview deutlich: „Das beruhigt mich erstmal, was die Medaille für Deutschland angeht. Ich bin allgemein froh, dass wir nicht mehr so von Wellinger und Geiger abhängig sind. Sonst wären wir ganz schnell in einer Krise. Zum Glück gibt es die beiden anderen mit Raimund und Hoffmann, die ja auch schon länger dabei sind, die jetzt die Fahne hochhalten.“
DSV blickt neidisch nach Österreich
Hätte es keine Änderungen im Olympia-Kalender gegeben, hätte es für Deutschland im Kampf um Edelmetall in einem klassischen Teamspringen mit vier Athleten schwer werden können.
Den jüngsten Rücktritt diverser Asse wie Markus Eisenbichler jedenfalls hat der dünne Talente-Pool nicht ansatzweise aufgefangen.
Gerade der Tournee-Besuch in Österreich ließ Hüttel bedrückt zurück. „Hier in Österreich ist das besonders schmerzhaft, wenn man sieht, wen die Österreicher alles nachschieben können und was die die letzten Jahre alles hochgezogen haben“, sagte Hüttel auch mit Blick auf den drittplatzierten Stephan Embacher (19).
Der Vergleich der zweiten und dritten Reihe schmerzt noch mehr: Im Continental Cup liegen acht Austria-Springer vor dem besten Deutschen, im drittklassigen FIS-Cup 13.
„Das ist beneidenswert und da waren wir auch schon mal in einer deutlich besseren Situation. Und es gilt sehr kritisch, auch intern, sehr kritisch zu analysieren, warum das uns in den letzten zwei, drei Jahren nicht gelungen ist“, ergänzte Hüttel.
Kann der DSV sein Nachwuchsproblem lösen?
Der Nachfolger des scheidenden Bundestrainers Stefan Horngacher, wer auch immer dies sein wird, muss zunächst den Mangel verwalten und hoffen, dass im Nachwuchsbereich die Verantwortlichen um Hüttel, Werner Schuster oder Martin Schmitt Lösungen finden. Und zwar „so schnell wie möglich“, wie Hüttel insistiert.
Horngacher wird in Bischofshofen sein letztes Tourneespringen als deutscher Chefcoach erleben. Ohne Wehmut. „Für mich ist das nebensächlich“, sagt der Österreicher.
Auch unter ihm ist es nichts mit dem ersten deutschen Tourneesieg seit Sven Hannawald 2001/02 geworden. Auf dem Weg nach Bischofshofen fuhr die große Sorge mit, dass sich daran sehr lange nichts ändern wird.
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Mit Sport-Informations-Dienst (SID)