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Vierschanzentournee: "Respektlos und dumm!": Hannawald teilt aus

„Respektlos“: Hannawald teilt aus

Sven Hannawald ärgert sich im SPORT1-Interview maßlos über die Springer, die weiter betrügen. Lobende Worte findet er für ein deutsches Duo und Überflieger Domen Prevc.
Sven Hannawald ärgert sich weiter über die Disqualifikationen im Skispringen
Sven Hannawald ärgert sich weiter über die Disqualifikationen im Skispringen
© IMAGO/Sportfoto Rudel
Sven Hannawald ärgert sich im SPORT1-Interview maßlos über die Springer, die weiter betrügen. Lobende Worte findet er für ein deutsches Duo und Überflieger Domen Prevc.

Auch während der laufenden Vierschanzentournee gibt es kaum einen Skisprung-Wettbewerb, der ohne eine Disqualifikation auskommt. Mal sind es skurrile Gründe wie falsch gewachste Skier, mal die typischen Versuche am Anzug zu tricksen.

Beim ehemaligen Sieger der Vierschanzentournee und heutigen ARD-Skisprungexperten Sven Hannawald sorgen die vielen Schummel-Versuche weiter für Unverständnis. Im SPORT1-Interview geht er mit den Übeltätern erneut hart ins Gericht, zeigt sich dafür aber begeistert von einem deutschen Duo und Überflieger Domen Prevc.

SPORT1: Herr Hannawald, Felix Hoffmann und Philipp Raimund haben bei der bisherigen Tour ihren Status als deutsches Top-Duo untermauert. Wie beurteilen Sie die bisherigen Leistungen?

Sven Hannawald: Ich bin erst mal froh, dass sie sich so wacker schlagen. Es ist schon ein großer Unterschied zu den Weltcupspringen, speziell was das Publikum angeht. Bei der Tournee ist Vollalarm. Da sind plötzlich 25.000 Leute an der Schanze. Das ist eine andere Erwartungshaltung, was die Springer auch spüren. Raimund lebt dafür. Klar hat er auch Erwartungen an sich und den höheren Druck gespürt, aber vom Typ her ist er einfach fröhlich und es sprudelt aus ihm heraus, auch bei den Gesprächen mit uns nach seinen Sprüngen. Bei Felix Hoffmann hatte ich manchmal schon das Gefühl, dass ich ihm am liebsten keine Frage stellen würde und ihn einfach gehen lassen will. Er musste sich an den Trubel erstmal gewöhnen, meistert das jetzt aber auch mit Bravour. Über die Stationen Oberstdorf und Garmisch siehst du bei Felix Hoffmann, wie er sich warmgesprungen hat und mit jedem Sprung mehr Vertrauen aufgebaut hat. Er kriegt das jetzt auch mit dem ganzen Trubel rund um seine Person sehr gut hin.

SPORT1: Ein Podestplatz in der Gesamtwertung scheint für beide DSV-Stars noch möglich zu sein. Wie schätzen Sie die Chancen ein?

Hannawald: Die Chancen sind da. Ich darf über den Tellerrand hinausgucken, die beiden müssen bei sich bleiben. Sobald die Akteure selber gucken, was rechts und links passiert, gehen sie weg von ihren eigenen Themen und verlieren sie sich. Ich sehe es aber so, dass sie durchaus mit Jan Hörl, Stephan Embacher, bei dem es in Garmisch plötzlich super funktioniert hat, und Ryoyu Kobayashi, der zwischen Oberstdorf und Garmisch sein Material umgestellt hat, um das Podium kämpfen können. In diesem Jahr ist die Konkurrenz extrem eng beieinander. Sie müssen intern vielleicht noch die eine oder andere Sache finden, um sich noch ein Stück zu verbessern. Für beide ist, ganz ohne Stress und ohne Druck, auf jeden Fall die Möglichkeit da, dass sie mit auf dem Podest stehen. Ich würde mich natürlich freuen, wenn es im Optimalfall beiden gelingt. Ich schätze aber, dass es vielleicht nur einer schafft.

Hannawald schwärmt von Tournee-Dominator Prevc

SPORT1:Domen Prevc ist der Überspringer der Tournee. Hätten Sie gedacht, dass er so dominiert, und trauen Sie ihm zu, als 4. Springer jemals alle vier Springen zu gewinnen?

Hannawald: Dass er der Überspringer in diesem Jahr ist, hat sich ja schon angekündigt. Klar haben nicht alle gedacht, dass er sich wirklich so souverän durchsetzt. Mir war klar, dass Domen Prevc das schaffen kann. Den erschüttert, auch wegen seines Charakters, nichts. Das ist keiner, der Nervenflattern bekommt. Deswegen war es für mich auch der klare Favorit. Jetzt ist er sogar auf dem Weg zum Grand Slam. Ich schätze, dass er sich in unseren Club mit Kamil Stoch und Kobayashi dazugesellen wird. Den Schlüssel kann ich schon mal bereitlegen, weil er aktuell vom Gesamtpaket einen Vorsprung hat und einfach ein dominantes Paket hat, was man so die letzten Jahre nicht mehr gesehen hat. Er passt einfach aktuell mit allen Veränderungen beim Material mit seiner Technik perfekt.

SPORT1: Was zeichnet Prevc denn speziell aus?

Hannawald: Er steht schon, seitdem er 2016 erstmals in den Weltcup gekommen ist, für „Furiosität“. Sein Flugsystem war schon immer speziell und sehr spektakulär. Er kam schon immer viel über den Ski und hat speziell im Fußgelenk immer diese gewisse Beweglichkeit gehabt, die es ihm ermöglicht, den Ski nah an sich heranzuholen und davon profitiert er noch immer. Diese spezielle Fähigkeit ist bisher untergegangen. Zusätzlich profitiert Prevc davon, was er mir schon 2016 erzählt hat, als ich ihn darauf angesprochen habe, dass das mit seinen Skiern ja schon sehr wild aussieht. Damals hat er mir gesagt, dass er die Sprungschuhe wie einen Sneaker bindet. Genau davon profitiert er jetzt, weil dadurch sein Fuß in der Luft sehr locker steht. Das Stück, an dem seine Ferse im Schuh weg ist von der Sohle, ermöglicht ihm, die Flächenverhältnisse seines Anzuges so zu verschieben, dass er deutlich effektiver fliegen kann. 

SPORT1: Können sich das die anderen Skispringer nicht abschauen?

Hannawald: Die anderen Springer werden das auch auf dem Schirm haben, aber es kann keiner so effektiv anwenden wie Prevc aktuell. Würden sie jetzt auch ihre Schuhe lockerer binden, hätten sie, sobald sie losspringen, das Gefühl, dass sie gleich ihre Skier verlieren. Prevc hat das jetzt über Jahre im Hintergrund trainiert und fühlt sich damit absolut sicher. Bis zu dieser Saison fiel das nicht so sehr ins Gewicht, weil die Reglements der Anzüge nicht so konsequent durchgesetzt wurden. Jetzt, wo die Fläche bei anderen Springern fehlt, kommt es klar zum Tragen. In der heutigen Zeit muss man aber klar festhalten, dass dieser Vorteil von Prevc nichts mit den Versuchen anderer Springer zu tun hat, die sich leider wieder illegal versucht haben, einen Vorteil zu verschaffen. Das, was Domen Prevc nutzt, ist nicht verboten.

SPORT1: Es kann also sein, dass in der Zukunft die Regeln angepasst werden und Prevc seinen aktuellen Vorteil wieder verliert?

Hannawald: Es gab schon immer Phasen, in denen bestimmte Springer Vorteile hatten. Beispielsweise Simon Amann 2010 mit der Stabbindung, die nicht verboten war und wo die FIS auch nicht vom einen auf den anderen Tag sagen konnte: Du springst nicht mehr damit, weil es eben nicht verboten war. Es war aber ein entscheidender Vorteil und so hat er auch seine Olympiatitel geholt. Auch in meinem Fall gab es 2000 die Situation, dass meine Ski-Firma Fischer ein Schlupfloch gefunden hatte, wo man einen Ski bauen konnte, der einfach mehr Fläche generiert hat, trotzdem aber nicht außerhalb des Reglements war. Damals hatten aber eben alle Springer, die auf Skier dieser Marke gesetzt haben, einen Vorteil. Du kannst das so lange nutzen, bis das Reglement wieder angepasst wird. Deswegen sage ich ganz klar - was mit Prevc aktuell passiert, hat nichts mit Beschiss oder Betrug zu tun.

„Respektlos und dumm!“: Hannawald schießt scharf

SPORT1: Sie erwähnten auch, dass einige Springer zuletzt wieder zu illegalen Methoden griffen und sich versuchten so einen Vorteil zu verschaffen. Speziell Timi Zajc machte da von sich reden, nach der ersten Disqualifikation witzelte er noch auf Instagram, kurz darauf wurde er erneut erwischt – haben Sie da noch Worte dafür?

Hannawald: Da habe ich zwei Worte für: respektlos und dumm! Das beschreibt genau das, was dieser Typ ist. Ich weiß gar nicht, wie er denkt oder wie er aufgewachsen ist. Aber wenn ich sehe, dass er sich erst sogar noch lustig macht über das Reglement und sagt: Na gut, dann ziehe ich halt ein bisschen am Anzug. Da weiß ich gar nicht, was ich sagen soll. Am Ende des Tages soll er gerne so weitermachen, dann sieht er vielleicht im restlichen Weltcup-Programm noch drei, vier Wochenenden, weil er rechts und links immer seine Gelben und Roten Karten kriegt. Dann gibt es immer längere Sperren und dann kann er zu Hause bleiben. Bei solchen Beispielen fehlen mir echt die Worte. Er scheint allgemein sehr kompliziert zu sein und in seiner eigenen Welt zu leben. Er hat es ja auch schon geschafft, einen Trainerwechsel in Slowenien zu provozieren. 

SPORT1: Zajc ist nicht der einzige Fall. Auch bei den Frauen gab es bei der Two Night Tour die Disqualifikation der Norwegerin Anna Odine Ström. Bei ihr fand man eine zusätzliche Sohle im Socken. Das norwegische Team rechtfertigte es anschließend mit einem medizinischen Attest. Wie bewerten Sie diesen Fall?

Hannawald: Die Ström-Geschichte macht mich auch fassungslos - wie manche dann weiter mit der Welt des Skispringens umgehen. Es mag sein, dass es bisher so funktioniert hat, auch zum Leidwesen vom Skispringen. Das ist traurig. Aber jetzt, wo man weiß, dass nach Trondheim und mit der neuen Saison jemand Neues da ist, der strikt durchzieht, kann es doch nicht sein. Wenn es von einem Sturz ist, kein Thema. Wenn der Arzt es vielleicht doch schon damals gesehen hat, dass das ein Problem ist, auch kein Thema. Aber dann geht man doch offiziell zur FIS und beantragt das, damit die Sohle nicht versteckt werden muss in den Socken, sondern normal im Schuh liegt. Dieses Verstecken im Strumpf ist genau wieder der Punkt: Danach kannst du dir alle möglichen Ausreden einfallen lassen. Den Arzt kann ich anrufen und sagen: Guck mal, meine Springerin ist Mitte November gestürzt. Mach mir mal bitte ein Attest und datiere die Diagnose nachträglich so, dass es passt. Also wollen die uns alle verarschen? Was glauben die? Das sind die Dinge, die mich einfach wurmen in der heutigen Zeit.

SPORT1: Was kann man dagegen tun?

Hannawald: Die FIS muss strikt bleiben. Wenn sie jetzt einknicken, dann haben genau die wieder gewonnen. Wir haben es wahrscheinlich jetzt in dieser Saison noch einmalig damit zu tun, dass das Skispringen hin und wieder vielleicht noch mal fragwürdig erscheint. Aber das hat den Hintergrund, dass es noch ein, zwei, drei, vier Köpfe gibt, die nicht verstehen, worum es geht. Wenn man es durchzieht, werden die irgendwann mal weg sein von der Bildfläche und das, was übrigbleibt, glaubt an Skispringen und weiß, es gibt Regeln und die halten wir ein. 

SPORT1: Also haben Sie schon das Gefühl, dass gerade die Kandidaten, die immer wieder erwischt werden, noch nicht so ganz begriffen haben, wie sehr sie eigentlich auch der Sportart schaden?

Hannawald: Das sind für mich genau die Kandidaten, bei denen ich in die Ergebnislisten der Vergangenheit reinschaue und weiß: Beschiss, Beschiss, Beschiss. Die scheinen nicht anders vorwärtszukommen in der Sportart. Anstatt sich Gedanken zu machen, wie man es technisch und vom Bewegungsablauf löst, machen die sich mehr Gedanken vom Sofa aus. Bloß keine Bewegung zu viel machen und sich stattdessen überlegen, wie man es ohne Arbeit hinbekommt. Am Ende weiß ich jetzt Gott sei Dank, dass die jedes Mal erwischt werden. Das machen sie noch vier, fünf Mal, dann sehen wir die in der Saison nicht mehr, weil es dann zehn Springen Sperren gibt, wenn sie die fünfte Rote Karte bekommen. Was mich aber nervt, ist, dass es dann trotzdem wieder überall heißt: Disqualifikationen beim Skispringen.

„Was gerade passiert, lässt mich kopfschüttelnd zurück“

SPORT1: Ist es denn generell eher ein gutes oder trauriges Zeichen, dass bei fast jedem Springen jemand erwischt wird. Die Kontrollen scheinen effektiv zu sein, mancher Springer scheint aber noch wenig daraus zu lernen?

Hannawald: Beides! Am Ende weiß ich, dass die irgendwann weg sind, wenn sie resistent für neue Infos sind. Ich kann die nicht mehr ernst nehmen. Auf der anderen Seite weiß ich, dass mit Mathias Hafele (Anm. d. Red.: hauptamtlicher Kontrolleur für die Anzüge bei der FIS) jetzt jemand da ist, der weiß, worum es geht. Er ist tief mit der Anzugsmaterie vertraut und war selbst als Schneider für verschiedene Nationen in seiner Vergangenheit tätig. Jetzt gibt es eine Klarheit, die auch mit den Teams kommuniziert wird. Hafele ist immer gesprächsbereit. Wenn Teams etwas Neues entdecken, können sie damit immer als Erstes auf ihn zukommen, um zu verhindern, dass sie rausgeschmissen werden. Das finde ich gut. Ich finde jedes Beispiel, wo Springer disqualifiziert werden, weiter sehr traurig mit Blick auf unsere Sportart Skispringen. Aber anscheinend braucht es das immer noch für die letzten. Vielleicht kapieren dann auch die, bei denen scheinbar nicht viel im Hirn brennt, endlich, worum es geht.

SPORT1: Für Aufsehen sorgte auch, dass in Norwegens Presse Betrugsvorwürfe gegen Manuel Fettner erhoben wurden. Dass diese Vorwürfe ausgerechnet aus Norwegen kamen, sorgte für viel Unverständnis. Wird Skispringen langsam zum Detektivsport oder wie sehen Sie diese Entwicklung?

Hannawald: Das hatten wir früher auch schon, wenn auch natürlich auf einem ganz anderen Niveau. Heute ist die Konkurrenz wirklich ganz eng aneinander gewachsen. Da spricht sich rum, was effektiv ist in der Sportart und was nicht. Aber was gerade passiert, lässt mich kopfschüttelnd zurück. Wenn ich da etwas lese, muss ich mir erstmal rechts und links eine geben, ob das wirklich wahr ist, weil ich es einfach nicht glauben konnte. Dass die Nation, die für den größten Skandal im Skispringen steht, jetzt die erste ist, die rumeiert und rumdiskutiert, dass eine andere Nation irgendwas macht ... die bemängelte Bindung springt Fettner schon seit 10 Jahren. Die ist abgenommen, mittlerweile auch schon von verschiedenen Kontrolleuren. Die Norweger sollen sich erstmal drum kümmern, dass sie ihre Sprungtechnik anpassen an das, was jetzt gefordert ist. Da fehlen mir die Worte. Ich weiß nicht, was in diesen Köpfen vorgeht. Wenn ich derjenige gewesen wäre, der letztes Jahr beschissen hätte, wäre ich jetzt mucksmäuschenstill und würde vielleicht im Sommer ein bisschen mehr trainieren, um den Anschluss nicht zu verpassen. Am Ende können sie weiter diskutieren - aber die Rechnung kriegen sie eh. Ich habe bei den Norwegern nach wie vor Bauchgrummeln. Ich weiß nicht, wie lange ich noch brauche, um das zu verdauen, was in Trondheim, speziell in Hinblick auf die Weltmeistertitel-Vergabe. Wenn ich die Kandidaten sehe, muss ich mich extrem zusammenreißen. Ist aber ein persönliches Thema mit mir.