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Fuerteventura - Mythos, Flagschiff, Olympia-Hoffnung, aber auch: physische und mentale Pein. Im Gespräch mit SPORT1 gibt Jakob Schneider Einblicke in das harte Leben der deutschen Ruder-Elite.

Beginnen wir nicht mit dem Mythos, der das Wahre verklärt. Nicht mit dem Ästethischen, der Schweiß und Schmerz romantisiert. Beginnen wir mit den Qualen. Hart und real.

"Am Anfang hatte ich vor den Rennen keine Angst vor den Gegnern. Ich hatte Angst vor dem Schmerz. Angst, dass ich die Mannschaft im Stich lasse", sagt Jakob Schneider im Gespräch mit SPORT1.

Schneider, 1,99 Meter groß, blondes wuscheliges Haar, sitzt im deutschen Ruderachter. Dem Flagschiff, wie alle schreiben. Auch das ein Begriff, der das Echte überhöht. Aber zutrifft.

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Schneider sitzt auf Position fünf, "ziemlich in der Mitte", wie er sagt. 2017 ist er ins Boot berufen worden. Der Gemeinschaft der besten Ruderer. Nach Olympia 2016 in Rio also, als die Deutschen dem Erzrivalen Großbritannien unterlagen. Seitdem der 25-Jährige dabei ist, hat der Deutschlandachter bis auf einen Weltcup kein wichtiges Rennen verloren, zuletzt auch bei der Weltmeisterschaft Anfang September triumphiert.

Zwischen der Ödnis der rostigen Spundwände

So soll es auch in einem Jahr bei Olympia in Tokio sein. Dafür nehmen Deutschlands Ruderer eine schier endlose Schinderei auf sich. Jeden Tag Training, kein Tag frei. 44 Kilometer jeden Tag auf dem Dortmund-Ems-Kanal, verteilt auf zwei Einheiten, je anderthalb Stunden bei Wind und Wetter, zwischen der Ödnis der rostigen Spundwände links und rechts. Zwischendurch zusätzliches Krafttraining im Dortmunder Leistungszentrum.

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Dazu die Ungewissheit, die bohrende Frage: Bin ich auch nächstes Jahr dabei? Die Auswahl ist knüppelhart. Im Frühjahr wird über die Besetzung entschieden. 16 bis 18 Athleten kommen in Frage, jeder Teamkollege auch ein potentieller Konkurrent. "Aber wir gehen gut damit um", sagt Schneider und fügt mit einem Schmunzeln hinzu: "Wir können auch zusammen auf eine Familienfeier gehen." Die Schufterei verbindet, der gemeinsame Weg zum Erfolg. Immerhin.

Das Wunder von Rom

"Olympia wäre ein Traum. Gold sowieso", sagt Schneider: "Aber es ist schon ein Traum, in diesem Boot zu sitzen. Davon hat schon der kleine Jakob geträumt." Nun also doch, der Mythos, es geht kein Weg daran vorbei. Der Sieg bei Olympia 1960 gegen die Jahrzehnte übermächtigen US-Amerikaner. Sechs Jahre nach dem Fußball-Wunder von Bern das Wunder von Rom, weiterer Balsam für die deutsche Seele.

"Dieser Erfolg hat damals offenbar den Nerv getroffen und der Nation etwas gegeben", sagt Schneider: "Dieses Ereignis schwingt bis heute mit. Man merkt das auch bei der Wahl zum Sportler des Jahres. Erfolg vorausgesetzt, ist der Achter eigentlich immer unter den ersten drei Mannschaften zu finden."

Die Dominanz der vergangenen Jahre hat für Schneider einen Namen: Steuermann Martin Sauer. "Er hat eine genaue Vision. Es geht gar nicht einmal um die Rennen, wenn er uns von A nach B peitscht. Er weiß genau, wie er uns im Training dorthin bekommt, dass wir so erfolgreich sind", sagt Schneider. Nicht zu vergessen Schlagmann Hannes Oczik, der "den Rhythmus wie ein Uhrwerk vorgibt", so Schneider.

50 Kilogramm pro Zug, 220 Züge pro Rennen

Das ist ja die Kunst: Acht Athleten, alle knapp zwei Meter groß und 100 Kilogramm schwer, die das schlanke, fast 18 Meter lange Boot in perfekter Synchronität durch das Wasser gleiten lassen. Die Harmonie der Körper, die auf ihren Rollsitzen vor- und zurückgleiten, die Perfektion beim zeitgleichen Eintauchen der Blätter. All das bei höchster Anstrengung.

50 Kilogramm pro Zug auf dem Paddelblatt. 220 Züge pro Rennen. Damit zurück zu den Qualen.

"Angst vor den Rennen habe ich nicht mehr", sagt Schneider: "Ich weiß, dass ich ziemlich verlässlich bin." Doch er weiß auch: Die Schmerzen werden kommen. Da muss er durch, da müssen sie zusammen durch. "Manchmal", sagt Scheider, "tut es schon an der 250-Meter-Marke weh."

"Als ob man von tausend Messern gestochen wird"

Dabei ist das erst der Anfang. Die Muskeln brennen mit jedem zusätzlichen Zug. Die Schmerzen werden stärker, fast unerträglich. "Es ist, als ob man von tausend Messern gestochen wird", hat Olympiasieger Andreas Kuffner einmal gesagt. Reine Willenskraft treibt sie dann an, acht Hünen in einem Tunnel. Bis ins Ziel.

"Ich liebe diese Zufriedenheit im Zustand der völligen Erschöpfung", sagt Schneider. Sollte nächstes Jahr dann auch noch der Olympiasieg herausspringen, weiß er, dass sich die Qualen gelohnt haben.

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