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Alexander Zverev ist ab Sonntag bei den ATP Finals in London am Start
Alexander Zverev ist ab Sonntag bei den ATP Finals in London am Start © Imago
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München - Tennis-Hoffnung Alexander Zverev war zuletzt öfter aus den falschen Gründen in den Schlagzeilen. Nun soll ein bekannter Krisenberater den Schaden eindämmen.

Wenn Sport das Einzige wäre, könnte Alexander Zverev recht zufrieden auf sein Jahr 2020 zurückblicken.

Zwei Turniersiege in Köln, die bislang beste Grand-Slam-Bilanz mit dem Halbfinal-Einzug in Melbourne und dem ersten Finale bei den US Open: Vor dem Start der ATP-Finals in London am Sonntag, die vor zwei Jahren Schauplatz von Zverevs bislang größtem Erfolg waren, scheint der nächste große Coup nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Der Sport an sich war zuletzt nur eben nicht immer das beherrschende Thema bei der Nummer 7 der Weltrangliste.

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Auf eine Reihe von Negativschlagzeilen - meist wegen seiner Fehltritte im Umgang mit der Coronakrise - folgten zuletzt schwere Vorwürfe häuslicher Gewalt durch seine Ex-Freundin Olga Sharypova.

Der beste deutsche Tennisspieler kämpft um seinen Ruf, mehr denn je. Nicht ohne Grund hat er deswegen seit kurzem einen bekannten Fachmann für heikle Situationen ins Boot geholt.

Ex-Regierungssprecher Béla Anda als Krisenberater

Im Zuge der jüngsten Anschuldigungen Sharypovas wurde publik, dass Zverev nun von Béla Anda beraten wird, dem einstigen Regierungssprecher von Ex-Kanzler Gerhard Schröder. Anda - früher auch Vize-Chefredakteur der Bild und Kommunikationsmanager des Finanzdienstleisters AWD von Carsten Maschmeyer - ist inzwischen Chef einer PR-Agentur, die sich ausdrücklich auf "Krisen-Kommunikation" spezialisiert hat.

Béla Anda (l.) war zwischen 2002 und 2005 Regierungssprecher unter Gerhard Schröder
Béla Anda (l.) war zwischen 2002 und 2005 Regierungssprecher unter Gerhard Schröder © Imago

Der Mann, der einst für Schröders Agenda 2010 ins rechte Licht rücken sollte, soll nun dasselbe für Zverev tun: Man sieht die Dimension, in der sich der 23-Jährige mittlerweile bewegt.

Anda hat das Engagement erst am Ende der vergangenen Woche begonnen, es ging zu diesem Zeitpunkt während des Paris Masters akut "auch darum, sicherzustellen, dass er sich bei diesem wichtigen Turnier auf Tennis konzentrieren kann", wie er im Gespräch mit SPORT1 erklärt.

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Alexander Zverev wechselte 2019 das Management

Es ist nicht das erste Mal, dass Zverev sein Umfeld neu aufstellt, erst im vergangenen Jahr gab es einen Management-Wechsel zu der Vermarktungs-Agentur Team8, hinter der Superstar Roger Federer und dessen langjähriger Manager Tony Godsick stehen - begleitet von einem größeren Krach mit seinem früheren Interessenvertreter, dem chilenischen Ex-Profi Patricio Apey.

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Das öffentliche Bild Zverevs war schon damals Thema, der für seine teils hässlichen Emotionsausbrüche auf dem Platz bekannte 1,98-Mann hat sich auch außerhalb des Courts einen Ruf als schwieriger Charakter erworben, kam bei öffentlichen Auftritten unnahbar, schmallippig herüber, wurde oft als arrogant empfunden.

Gerade auch in Deutschland fremdelten viele mit dem sportlichen Erben der nationalen Lieblinge Boris Becker und Steffi Graf, nach Meinung von Beobachtern ein hausgemachtes Problem.

"Er hat sich mit seinem Manager auf den internationalen Markt konzentriert, überzeugt davon, dass er ein Weltstar wird", schrieb der in München lebende Journalist und Autor Alexis Menuge vor kurzem in einem Zverev-Porträt für das französische Sport-Leitmedium L'Equipe: "Er hat die Medien in seiner Heimat, wo er nicht unbedingt gemocht wird, nicht ernst genommen."

Mehrfach Irritationen wegen Corona

Aus Sicht Andas war Zverev zuletzt auf gutem Weg, seine Schwerpunkte zu verändern und ein anderes Bild von sich zu zeichnen. "Viele Journalisten haben mir gesagt, dass sich sein öffentliches Auftreten sehr zum Positiven geändert hat, dass Alexander Zverev zugänglicher und offener geworden ist", berichtet er: "Beginnend Anfang des Jahres bei den Australian Open und auch zuletzt bei seinen Turniersiegen in Köln."

Alexander Zverev gewann 2020 zwei Heim-Turniere in Köln
Alexander Zverev gewann 2020 zwei Heim-Turniere in Köln © Imago

Die Charme-Offensive wurde jedoch konterkariert durch die diversen Vorfälle, mit denen Zverev Kritik auf sich zog: Die Teilnahme an der umstrittenen Adria-Tour auf dem ersten Höhepunkt der Corona-Pandemie, die Party, auf der er danach bei der vermeintlichen Selbst-Quarantäne in Monaco erwischt wurde, die Verheimlichung von Krankheits-Symptomen bei den French Open, im Widerspruch zu den selbst verordneten Hygieneregeln des Turniers.

Immer wieder hinterließ der jüngere Sohn des russischen Tennis-Ehepaars Alexander Swerew und Irina Swerewa den Eindruck, dass er die Tragweite seiner Taten und Worte nicht überblickte - die verschwiegene Erkrankung plauderte er nach dem French-Open-Aus freimütig in der Pressekonferenz aus.

Für Krisenberater Anda stellt sich hier aber auch grundsätzlich die Frage, wie fair die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit an einen 23 Jahre alten Sport-Jungstar ist: "Man wünscht sich einerseits Spieler, die offen sind, die sich nicht jedes Wort zweimal überlegen, aber andererseits ist es ja auch Teil unserer Kultur geworden, dass der, der offen ist, oft auch ordentlich auf den Deckel kriegt."

Gewaltvorwürfe von Olga Sharypova sorgen für Schatten

Schon die Corona-Vorfälle belasteten Zverevs Ruf nicht nur in der Heimat, unter anderem erschien auch in der New York Times eine kritische Aufarbeitung. Autor war der zuletzt über viele Tennis-Brandherde - etwa auch den noch gewichtigeren Quarantäne-Skandal um Sam Querrey - gut informierte Ben Rothenberg. Rothenberg war dann auch der Journalist, dem sich Sharypova für den zweiten, detailreicheren Teil ihrer Zverev-Anklage im Racquet Magazine öffnete.

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Zverev hatte die Anschuldigungen schon vorher mit einem Statement bei Instagram zurückgewiesen (in dem er auch seine Vaterschaft mit seiner späteren Partnerin Brenda Patea thematisierte), seitdem hat er nur indirekt Bezug auf den Fall genommen, zuletzt mit einer trotzig anmutenden Ansprache nach dem verlorenen Finale der Paris Masters ("Alles ist großartig in meinem Leben. Die Leute können es weiter versuchen, aber ich lächle immer noch"). Ansonsten verwies auch Anda zuletzt auf Zverevs ursprüngliches Statement und dessen Hoffnung, einen "vernünftigen und respektvollen Umgang" mit Sharypova zu finden.

Bei den sich widersprechenden Darstellungen steht nun allerdings weiterhin schlicht Aussage gegen Aussage, eine juristische Aufarbeitung strebt Sharypova selbst nicht an, die Schuld- oder Unschuld-Frage bleibt ungeklärt im Raum.

Es bleibt eine neue Art von Schatten. Wie folgenschwer er für Zverevs Karriere sein wird? Trotz aller professionellen Schadensbegrenzungsversuche ist das längst noch nicht abzusehen.

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