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Dallas - Dirk Nowitzki empfängt die Standing Ovations der Fans mit gemischten Gefühlen. Im SPORT1-Interview spricht er auch über sein mögliches Karriereende und seine Zukunft.

Am Montagabend wird in Dallas eine große Party steigen. Der Anlass der Feierlichkeiten ist einmal mehr Dirk Nowitzki.

Zweimal muss der deutsche Superstar im Spiel gegen die New Orleans Pelicans den Ball noch in den Korb werfen, um Wilt Chamberlain (31.419 Zähler), den Mann, der einst 100 Punkte in einem einzigen Spiel erzielte, im Ranking der besten Punktesammler aller Zeiten zu überholen und Platz sechs zu übernehmen (Die NBA LIVE im TV auf SPORT1+ und im LIVESTREAM).

Beinahe hätte Nowitzki diesen Meilenstein bereits gegen die Cavaliers erreicht, doch in den Schlussminuten ging dem 40-Jährigen die Luft aus. SPORT1 traf Nowitzki nach dem Cavs-Spiel zum Gespräch über seine Meilensteine, sein nahendes Karriereende, seine Zukunft und Luka Doncic.

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SPORT1: Noch vier Punkte fehlen, bis Sie Wilt Chamberlain in der Scorerliste überholt haben. Wie wichtig sind Ihnen solche Meilensteine noch?

Dirk Nowitzki: Wichtiger waren mir eigentlich immer Siege in meiner Karriere, von daher war es gut, dass wir am Ende gewonnen haben (gegen die Cavaliers am Samstag, Anm. d. Red.). Ich wollte am Schluss die 18 Punkte holen, nachdem ich zwei Dreier hintereinander getroffen habe. Ich war nah dran. Aber ich war etwas platt am Schluss, habe es ein bisschen forciert. Dann habe ich noch zwei Freiwürfe verworfen, das hat auch nicht unbedingt geholfen. Aber es hat Spaß gemacht, vor allem, als ich die zwei Dreier getroffen habe. Da war die ganze Halle da, der Wahnsinn. Das war ein Gänsehautgefühl. Vielleicht klappt es am Montag.

SPORT1: Momente und Phasen wie gegen die Cavaliers oder beim Auswärtsspiel bei den Los Angeles Clippers, als deren Coach Doc Rivers eine Auszeit nahm, nur damit Sie von den Fans gefeiert werden - wie sehr können Sie das genießen? Inwieweit ist das auch ein bisschen komisch, weil Sie ja häufiger betont haben, dass sie nicht gerne im Mittelpunkt stehen?

Nowitzki: Ja, das wollte ich eigentlich gar nicht, das ist einfach so passiert. Angefangen hat es in Charlotte vor dem All-Star Break. Da sind die Fans kurz vor Schluss aufgestanden und haben geschrien: 'We want Dirk'. Seitdem ist es ein bisschen ein Schneeball-Effekt gewesen. In allen Hallen. Zu Hause war es eigentlich die gesamte Saison so. Auch im Dezember, als ich wieder angefangen habe, sind sie jedes Mal aufgestanden, als ich rein kam. Das war Wahnsinn. Aber klar, ist das für mich nicht unbedingt immer angenehm. Bei den Clippers wusste ich nicht, was los ist. Warum nimmt er die Auszeit und sagt, es sollen alle aufstehen? Zwei Minuten stehe ich dann da. Das war mir natürlich auch ein bisschen peinlich. Aber es ist eine Riesen-Erfahrung, dass man von Auswärts-Fans so einen Empfang bekommt.

Nowitzki: "Es macht wieder mehr Spaß"

SPORT1: Wenn Sie einen Meilenstein erreichen, wie den 30.000. Punkt gegen die Lakers oder nun wahrscheinlich am Montag, wenn Sie Chamberlain überholen, was geht Ihnen da durch den Kopf? Denken Sie da: Moment, wo habe ich angefangen – und wo bin ich jetzt?

Nowitzki: Ja, da denkt man an alle Sachen, die man durchlebt hat. An alle Leute, die dir geholfen haben. Man denkt an die Höhen und Tiefen, die man durchgemacht hat, um überhaupt an den Punkt zu kommen. Das ist schon Wahnsinn. Das ist schon schade, wie schnell die 20 Jahre wirklich verflogen sind. Aber ich habe immer Spaß gehabt, die Stadt und die Organisation zu repräsentieren. 

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SPORT1: Sie haben noch keine Entscheidung getroffen, ob sie noch ein Jahr dranhängen. Inwieweit haben sich ihre Tendenzen innerhalb der Saison verändert, zum einen mit der verbesserten Fitness und dem daraus folgenden verbesserten Rhythmus, zum anderen durch den Trade von Kristaps Porzingis, der die Zukunftsaussichten zusammen mit Luka Doncic rosig erscheinen lässt?

Nowitzki: Es macht wieder mehr Spaß. Die sieben Wochen, in denen ich aussetzen musste, waren so bitter (zu Saisonbeginn, Anm. d. Red.). Die haben mich so weit nach hinten geworfen. Es hat dann den ganzen Dezember und Januar gedauert, bis ich einigermaßen in die Gänge kam. Das hat ein bisschen meine ganze Saison versaut. Aber ich habe viel gearbeitet und mich wieder rangekämpft. Zumindest so weit, dass ich ein bisschen spielen und effektiv sein kann. Aber trotzdem: Ich habe noch keine Ahnung, was die Zukunft so bringt. Ich habe immer gesagt: Ich will die Saison zu Ende spielen. Aber zumindest macht es jetzt wieder mehr Spaß als im Dezember.

Keine Rückkehr nach Deutschland

SPORT1: Wenn die Karriere dann vorbei ist: Was glauben Sie, werden sie am meisten vermissen?

Nowitzki: Den Wettbewerb mit den Spielen und die Kameradschaft in der Umkleide. Ich habe mit vielen Leuten gesprochen, die aufgehört haben, wie Jason Kidd oder Steve Nash. Die sagen auch, dass das zwei Sachen sind, die man vermissen wird. Es wird ein paar Jährchen dauern, bis man darüber hinweg ist. Man muss sich anders beschäftigen. Aber ich glaube, die Kids werden mich schon auf Trab halten.

SPORT1: Stichwort Kids: Was wird Ihnen wiederum weniger fehlen, was wäre der Vorteil eines Rücktritts?

Nowitzki: Die ganzen Sessions im Sommer. Wenn wir viel reisen, wenn wir mit den Kids unterwegs sind, muss ich irgendwo einen Kraftraum finden, ob wir in Afrika sind oder in Schweden. Da muss ich rumrennen und mir irgendeine Halle organisieren, teilweise mit Holzbrettern. Die Zeiten sind dann vorbei. Da ist dann kein Druck mehr, dass ich fit bleiben muss. Ich muss nicht mehr auf meine Diät achten im Sommer. Das ist etwas Positives. Man kann sich ein bisschen gehen lassen, mehr mit der Familie genießen, die Reiserei mehr genießen. Das ist glaube ich das einzig Positive.

SPORT1: Wo sehen Sie ihre Zukunft? Welche Rolle spielt Deutschland?

Nowitzki: So wie es aussieht, ist meine Zukunft in Amerika, die Kids sind hier alle geboren, meine Älteste geht in die Schule nächstes Jahr. Von daher ist eine Rückkehr nach Deutschland erst einmal nicht geplant.

SPORT1: Liegt Ihre Zukunft dann auch bei den Mavericks? Owner Mark Cuban hat bereits häufiger betont, dass Sie im Prinzip alles machen dürfen, was Sie wollen.

Nowitzki: Erstmal brauche ich eine Pause, wenn alles vorbei ist, wenn die Entscheidung gefallen ist. Dann stehen die Kids und die Familie im Vordergrund. Denn die haben echt viel zurückstecken müssen. Letztes Jahr konnten wir fast überhaupt nicht hier weg, weil ich den ganzen Sommer Reha gemacht habe. Nach einem oder zwei Jährchen muss aber noch etwas anderes kommen. Man kann nicht nur zu Hause sitzen und Windeln wechseln. Da muss eine Challenge da sein. Aber wie, wo und was – das ist noch alles total offen.

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Nowitzki schwärmt von Doncic

SPORT1: Sie haben bereits häufiger betont, wie beeindruckt Sie von Luka Doncic sind. Wie sehr sind Sie aber nach einem Spiel wie gegen die Spurs gefragt, als er nur einen von neun Freiwürfen traf und sich neun Turnovers leistete. Müssen Sie ihn dann aufbauen?

Nowitzki: Selbstvertrauen – das Problem hat er nicht. Da muss ich ihm nicht viel helfen. Er hat wieder ein bisschen mehr an seinem Spiel gearbeitet in den letzten paar Tagen. Er hat ja dann super gespielt in Denver. Da hat er fast wieder ein Triple-Double geholt.

SPORT1: Und in puncto Frusttoleranz?

Nowitzki: Das gehört dazu. Für einen 19-, 20-Jährigen ist seine Rookie-Saison unglaublich smooth verlaufen. Alle haben immer gedacht, irgendwann muss er abfallen, aber er hat einfach immer weiter so gespielt. Von daher muss man sagen, ist das schon unglaublich, wie konstant er schon gespielt hat in dem jungen Alter. Das war für mich das Schwerste am Anfang. Du hast ein Mal ein super Spiel, dann schreibt die Presse super Sachen über dich. Dann trotzdem auf hohem Level zu bleiben, das hat für mich gedauert. Das kam mit der Erfahrung. Aber er hakt das alles so locker ab, als wäre er schon zehn Jahre in der Liga. Das ist ein abgezockter Junge. Er hat ein unglaubliches Allround-Spiel schon für sein Alter. Echt abgezockt, Wahnsinn.

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