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München - In der laufenden Saison sind bereits drei Spieler mit Dopingmitteln erwischt worden. Hat die NBA inzwischen ein Dopingproblem? Ein Ex-Coach ist sich sicher.

Wilson Chandler, John Collins, DeAndre Ayton – drei Namen, die in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen in der NBA gesorgt haben. Allerdings nicht mit ihren sportlichen Leistungen.

Ende August wurde Chandler positiv auf Ipamorelin - ein Wachstumshormon – getestet und im Anschluss für 25 Spiele gesperrt. Ende Oktober wurde DeAndre Ayton, Nummer-Eins-Pick des Drafts 2018, mit einem Diuretikum, das die Urinproduktion anregt und leistungssteigernde Mittel überdecken kann, erwischt und ebenfalls für 25 Spiele gesperrt.

Collins wurden am 5. November bei einem Test ebenfalls die Einnahme von Wachstumshormonen, die die Aufnahme von Nahrung steigern, nachgewiesen. Auch der talentierte Big Man, der bei den Hawks der zweitbeste Scorer und beste Rebounder ist und die meisten Würfe blockt, wurde für 25 Partien aus dem Verkehr gezogen.

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Ein Novum in der langen Geschichte der NBA, wo bisher nie zuvor mehr als zwei Spieler in einer Saison positiv auf leistungssteigernde Mittel getestet wurden. Inklusive der letzten drei Spieler gibt es insgesamt lediglich 13 dokumentierte Dopingfälle in der NBA. Bei über 450 Spielern in der Liga pro Jahr eine marginale Quote, während in anderen US-Sportarten wie NFL oder MLB weitaus häufiger Doping-Sünder erwischt werden.

25 Spiele Sperre beim ersten Vergehen

Die Liga kann nicht mehr als 2125 Tests in einem Jahr veranlassen, das sind maximal 4,7 Tests pro Spieler pro Jahr.

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Nur bei einem "besonderen Grund" können laut sbnation.com bis zu vier Tests in sechs Wochen durchgeführt werden. Vergleicht man diese Werte mit anderen Sportarten, wo oftmals beliebig und zufällig getestet wird, bieten sich potenziellen Dopingsündern in der NBA einige Schlupflöcher.

Eines davon könnte laut ESPN "Microdosing" sein, wo nur geringe Mengen des Wirkstoffes regelmäßig eingenommen werden. Auch die Strafe fällt mit 25 Spielen Sperre ohne Bezahlung beim ersten Vergehen verhältnismäßig gering aus.

Erst beim dritten Verstoß wird der Spieler für zwei Jahre aus dem Verkehr gezogen. Aktuell verbüßt Tyreke Evans (ehemals bei den Indiana Pacers) eine solche Sperre. Laut Washington Post basiert seine Sperre aber auf "Drogenmissbrauch", da er zuvor noch nie mit den Anti-Doping-Richtlinien der Liga in Konflikt geraten war.

Hat die NBA also ein Doping-Problem? Denn die leistungssteigernden Mittel helfen nicht nur beim Muskelaufbau, wie es früher vermutet wurde, sondern auch bei der Regeneration, beim Workout oder bei der Heilung von Verletzungen. In einer langen Saison mit mindestens 82 Spielen ein echter Vorteil.

In einem Interview mit dem Basketballmagazin FIVE entkräftige Sportwissenschaftler Benjamin Bendrich bereits 2018 die weitverbreitete Meinung, dass Doping in Mannschaftsportarten - und damit auch im Basketball - nichts bringe. 

"Basketball vereint so viele unterschiedliche Anforderungen miteinander, sodass ein medizinisches Nachhelfen spürbare Veränderungen hinsichtlich der Kraft und der Ausdauer bringen kann", sagte Bendrich. Dopingmittel könnten für Basketballer vor allem "eine verkürzte Regenarationszeit, eine länger andauernde Höchstleistung einen schnelleren Heilungsprozess bei bei Verletzungen und auch eine generell hohe Aufmerksamkeit und Aggressivität während des Wettkampfes" bewirken. 

Ex-NBA-Coach: "Offensichtlich, dass einige Spieler dopen"

Der ehemalige NBA-Coach George Karl stellte 2017 in seinem Buch "Furios George" fest: "Es ist offensichtlich, dass einige Spieler dopen. Wie werden einige Spieler älter, dabei aber dünner und fitter? Wieso erholen sie sich so schnell von Verletzungen? Warum gehen sie in der Offseason nach Deutschland? Ich bezweifle, dass es für Sauerkraut ist."

Gleicher Meinung wie Karl ist auch Bendrich: "Es gibt keine statistischen Werte wie hoch der Drogenmissbrauch in der NBA ist. Aber klar ist auch: Doping ergibt auch im Basketball medizinisch Sinn."

Doch die Doping-Problematik ist in der NBA (noch) kein wirkliches Thema. Der Fokus liegt voll auf dem Sportlichen, jede Nacht feiern Fans Rekorde und neue Superstars geboren. Jahrelang wurde mit dem Marketingclaim "NBA - Wo außergewöhnliches passiert" geworben.

Was spricht also dafür, dass es sich bei den drei Fällen innerhalb kurzer Zeit nur um Einzelfälle handelt? Mit der Einnahme von leistungssteigernden Mitteln sind enorme gesundheitliche Risiken verbunden. So könnte sich zwar die Erholungsfähigkeit verbessern, aber im Gegenzug könnten beispielsweise mehr Krämpfe oder Dehydrierung eintreten. Risiken, die in anderen Sportarten einige Athleten trotzdem nicht abgeschreckt haben.

Dennoch ist ein Dopingvergehen mit einem enormen Imageverlust verbunden, den wohl kein Sportler gerne in Kauf nimmt. Wie reagieren die Fans, wenn einer der drei gesperrten Spieler wieder ins Geschehen eingreift?

Trifft es bald sogar einen Superstar?

Die Phoenix Suns sprachen zumindest Klartext, als Aytons Sperre publik wurde. "Wir sind enttäuscht. Das entspricht nicht den Standards und den Prinzipien, die wir festgelegt haben", meinte General Manager James Jones: "Seine Aktionen werden nicht auf die leichte Schulter genommen. DeAndre muss die tiefgreifenden Auswirkungen verstehen, die seine Handlungen haben."

Auch die Hawks kritisierten Collins, sicherten ihm aber auch ihre Unterstützung zu.

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Die aktuellen Entwicklungen zeigen, dass die NBA den Kampf gegen leistungssteigernde Maßnahmen offenbar verschärft hat - ein gutes Signal.

Andererseits sollten jedoch die Alarmglocken läuten. Denn mit Ayton und Collins hat es bereits zwei Spieler erwischt, die auf dem Weg sind, in die Elite der NBA vorzudringen.

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Sollte bald auch noch ein echter Superstar ins Visier geraten, würde der Imageverlust nicht nur den Spieler treffen - sondern womöglich eine ganze Sportart.

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