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München - Die Verletzungen der Star-Quarterbacks öffnen theoretisch die Tür zur NFL-Rückkehr für den ausgebooteten Colin Kaepernick. Aber bekommt er eine faire Chance?

Seit 931 Tagen wird Colin Kaepernick von der NFL ausgeschlossen.

Geschnitten, ausgegrenzt und daran gehindert, seinem Job als Quarterback in der besten Liga der Welt nachzugehen. Seit seinem Hymnenprotest steht er offensichtlich auf der schwarzen Liste.

Derweil wird eine andere Liste, die der viel schlechteren Quarterbacks, die stattdessen Millionenverträge abstauben, immer länger.

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Dabei müssten gerade jetzt reihenweise Teamverantwortliche Kaepernick die Bude einrennen.

Denn durch die verheerende Verletzungsmisere bei den Star-Quarterbacks ist die Not der in der Liga so groß wie lange nicht, die Chance für Kaep, wieder eine Chance in der NFL zu bekommen, ebenfalls. Doch gibt es ein Team, das mutig genug ist, diesen Schritt zu gehen?

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Roethlisberger und Brees verletzt - Chance für Kaepernick?

Mit Ben Roethlisberger und Drew Brees fielen am Wochenende zwei absolute QB-Ikonen verletzt aus. Die Saison für "Big Ben" bei den Pittsburgh Steelers ist durch seine Ellenbogenverletzung definitiv beendet, Brees wird den New Orleans Saints womöglich mindestens die halbe Saison fehlen.

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Dazu kommt noch die Situation von Cam Newton (Carolina Panthers) mit seinen nicht geklärten Schulterproblemen und das Chaos bei den New York Jets, die nach Ausfällen von Sam Darnold (Pfeiffersches Drüsenfieber) und Trevor Siemian (Knöchel) auf Luke Falk zurückgreifen müssen.

Und Kaepernick? Der ist "still ready", wie er erst Anfang September bei Twitter postete, hat mit Odell Beckham jr. trainiert und bietet sich sogar selbst bei den Teams an.

Kaepernick "in der Form seines Lebens"

"Colin ist buchstäblich in der Form seines Lebens! Er trainiert fünf Tage die Woche, ab 5 Uhr in der Früh, seit drei Jahren", zitiert SNY eine Quelle aus Kaepernicks engestem Umfeld: "Er will spielen und sein Agent hat Teams angerufen, die einen Quarterback brauchen."

ESPN-Insider Stephen A. Smith berichtet sogar, dass "Kaep" nach seinen Informationen auch als Backup zurückkehren würde.

Und das, obwohl er auch heute noch locker ein Starter in der NFL sein könnte. Auch wenn Kaepernick seit 2016/17 nicht mehr gespielt hat: In seiner letzten Saison brachte er fast 60 Prozent seiner Pässe an den Mann, verbuchte in elf Starts für die 49ers über 2.200 Yards und 16 Touchdowns bei nur vier Interceptions.

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Kaepernick war Jackson vor Jackson

Während aktuell die junge Quarterback-Sensation Lamar Jackson (Baltimore Ravens) gefeiert wird, vergessen sogar NFL-Experten: Über 250 Passing Yards und 120 Rushing Yards in einem Spiel - das schaffte zuvor schon ein Superstar. Und zwar Kaepernick! 2013 zerlegte er die Green Bay Packers in der 1. Playoff-Runde, schenkte ihnen unter anderem 181 Rush-Yards und zwei eigene Touchdowns ein, führte San Francisco sogar in den Super Bowl.

Als mobiler Quarterback kann Kaep auch heute noch eine gute Rolle in der NFL spielen, die Rufe nach seiner Rückkehr werden lauter.

"Das ist ein großartiger Zeitpunkt für die Jets, um Kaep anzurufen", twitterte beispielsweise der verletzte Dez Bryant, als in New York die Quarterback-Misere ihren Lauf nahm.

Steelers, Saints, Jets brauchen Quarterback

An Möglichkeiten mangelt es aktuell wahrlich nicht:

ESPN-Insider Smith würde an Pittsburghs Stelle direkt bei Kaepernick anrufen, "denn alles was du hast, ist Mason Rudolph". Der hat zwar nach "Big Bens" Verletzung solide zwölf von 19 Pässen angebracht, neben über 100 Yards und zwei Touchdowns auch eine Interception zu Buche stehen.

Der Backup des unerfahrenen Spielgestalters ist allerdings Rookie Devlin Hodges - insgesamt äußerst dünn für ein Team wie die Steelers. Gerade in Pittsburgh, wo mit Mike Tomlin einer von nur drei schwarzen Headcoaches die Geschicke leitet, wäre Kaepernick gut vorstellbar.

Bei den Saints muss nach Brees' Aus mit Teddy Bridgewater eine jüngere, aber lange nicht so gute Version von Kaepernick übernehmen und die Franchise mit Super-Bowl-Ambitionen auf Kurs halten, bis der All-Time-Passing-Leader nach seiner Daumenverletzung zurückkehrt (mindestens sechs Wochen Pause).

Jets-Headcoach Adam Gase musste sich nach der 3:23-Klatsche gegen die Cleveland Browns im Monday Night Game seinen letzten verbliebenen QB Luke Falk schönreden ("Er hat einen wirklich guten Job gemacht") - nach der Verpflichtung von Superstar Le’Veon Bell wäre eine Saison mit ihm als Starter allerdings nur schwer zu vermitteln.

Selbst ein Team wie die Panthers, wo Kaepernick als sehr ähnlicher Spielertyp Newton im Ernstfall gut ersetzen könnte, sollte über den Ausgestoßenen nachdenken.

Kaepernick arbeitslos - Diva Brown blitzschnell zu Patriots

Doch die Stimmen aus der NFL machen wenig Hoffnung, dass Kaep eine faire Chance bekommen wird, denn wie Smith berichtet, verlaufen die Kontaktversuche des Agenten im Sande. Steelers? "Im Wesentlichen nicht interessiert." Jets? "Noch keine Reaktion." Saints? "Noch kein Rückruf." Angesichts anderer Free-Agent-Alternativen, unter denen Brock Osweiler schon die beste ist, verwunderlich.

"Dass nun die Stunde von Colin Kaepernick schlägt und eine Franchise ihn verpflichtet, glaube ich nicht. Dafür ist er zu lange raus, ihm fehlt die Spielpraxis", sagte DAZN-Experte und Ex-Profi Sebastian Vollmer bei SPORT1.

Wide Receiver Antonio Brown ist zwar sportlich auf einem anderen Level, hat sich dieses Jahr aber benommen wie ein bockiges Kind, zudem einen Vergewaltigungsvorwurf am Hals - und die Patriots konnten es trotzdem kaum erwarten, ihm einen Millionenbetrag hinzublättern. Gleichzeitig muss der blitzsaubere Sportsmann Kaepernick vergeblich Klinken putzen. Ein Kontrast, der viel über die Liga aussagt.

"Glaube an etwas. Selbst wenn es bedeutet, alles zu opfern", sagte Kaepernick im gefeierten Spot für Nike, der jetzt sogar einen Emmy gewonnen hat.

Das Opfer für seinen Protest gegen Polizeigewalt, Ungerechtigkeit und Rassendiskriminierung in den USA bringt die Ikone der Widerstandsbewegung immer noch. Und es spricht wenig für ein Ende seines Ausgestoßenen-Daseins. So viele Star-Quarterbacks sich auch noch verletzen mögen…

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