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Doping Fußball Professor Dr. Dr. Perikles Simon leitet die Abteilung Sportmedizin an der Universität Mainz
Professor Dr. Dr. Perikles Simon leitet die Abteilung Sportmedizin an der Universität Mainz © dpa Picture-Alliance
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München - Tut der Fußball genug, um Doping-Betrügern auf die Spur zu kommen? Bei weitem nicht, befindet der Mainzer Professor Perikles Simon im SPORT1-Interview.

Der Hochleistungssport und das Doping: Es sind zwei Themenfelder, die sich weiterhin nicht trennen lassen.

Am Donnerstag wird die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA einen weiteren Skandalreport zur Affäre im Leichtathletik-Weltverband IAAF präsentieren. Auch der Fußball hatte in dieser Saison schon einen Dopingfall: Arijan Ademi von Bayerns Gruppengegner Dinamo Zagreb wurde in einem Champions-League-Spiel positiv getestet und für vier Jahre gesperrt.

Der Mainzer Doping-Experte Professor Dr. Dr. Perikles Simon befürchtet, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist. Im SPORT1-Interview befindet er: Der Fußball stellt sich dem Betrug bei weitem nicht so konsequent, wie er es könnte.

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SPORT1: Herr Professor Simon, Arsene Wenger, einer der größten Trainer des Weltfußballs, hat kürzlich gesagt, dass er schon gegen viele Teams gespielt hätte, bei denen gedopt worden sei. Ein schwerer Vorwurf.

Prof. Dr. Dr. Perikles Simon: ... der nicht sehr folgenreich war.

SPORT1: Der englische Verband FA hat Wenger angeblich zu einem Gespräch eingeladen, seine Thesen näher auszuführen.

Simon: Ich kenne diesen Reflex, sich dann mal zu unterhalten. Ich habe Ähnliches erlebt, als ich öffentlich über Interessenskonflikte gesprochen habe, die ich bei der deutschen Anti-Doping-Agentur NADA sehe. Zeit, sich das dann mal anzuhören, haben dann auf einmal alle, gemacht wurde nichts. Ich habe auch im Fall Wenger das Gefühl, dass es da vor allem darum geht, den Nestbeschmutzer zur Rede zu stellen und einzuschüchtern. Wobei man Wenger in der Sache kaum was anhaben kann: Er muss ja zum Beispiel nur auf den Fall Arijan Ademi verweisen.

Arijan Ademi (l.) wurde in einer Champions-League-Partie positiv getestet und gesperrt
Arijan Ademi (l.) wurde in einer Champions-League-Partie positiv getestet und gesperrt © Getty Images

SPORT1: Der Spieler von Dinamo Zagreb wurde im Champions-League-Spiel gegen Arsenal positiv auf das Steroid Stanozolol getestet und vier Jahre gesperrt, Zagrebs 2:1-Sieg aber blieb bestehen. Sehr zu Wengers Ärger.

Simon: Der Ärger ist völlig berechtigt. Da erwischt man schon einmal einen Profi bei einem Test mit so einer Substanz und dann bleibt das Spiel, in dem er betrogen hat unangetastet: Das ist doch verrückt. Ich sehe generell in der Reaktion auf den Fall Wenger vor allem den Mechanismus, dass man das Thema zur Ruhe bringen möchte.

SPORT1: Was ebenfalls jüngst für Aufsehen gesorgt hat: Eine von der UEFA selbst in Auftrag gegebene Studie, in der in anonymisierten Urinproben von Spitzenfußballern aus den Jahren 2008 bis 2013 einige auffällige Testosteronwerte gefunden wurden, enthielt einen möglichen Hinweis auf Steroid-Doping. Betroffen waren 7,7 Prozent, also bei einer von 13 Getesteten.

Simon: Diese Studie sehe ich kritisch, für mich hat sie methodische Schwächen. Die UEFA hat ja selbst betont, dass die Studie kein Beweis für Doping ist, da hat sie Recht - sie zieht nur dummerweise die falschen Konsequenzen daraus.

SPORT1: Inwiefern?

Simon: Man müsste sich ja jetzt darüber unterhalten, wie man dem Thema Doping methodisch besser nachspüren kann. Stattdessen wird auf Grundlage der Studie ein Programm  für die Einführung eines biologischen Passes aufgesetzt, das vor allem den Anti-Doping-Laboren - die diese Studie zum Teil ja selbst durchgeführt haben - mehr Geld einbringt. Aus deren Sicht natürlich verständlich, dass das passiert, aber Kosten und Nutzen stehen da in keinem Verhältnis. Der biologische Pass ist ein Feigenblatt. Kaum ein Sportler ist mit ihm bisher des Dopings überführt worden.

SPORT1: Was wäre für Sie stattdessen das drängendste, was man gegen die Betrüger unternehmen muss?

Simon: Es hilft nichts: Man muss mit staatsanwaltschaftlichen Methoden ran. Wo es Anhaltspunkte gibt, wie eben im Fall Ademi, müsste ein Strafverfolger sich das genauer angucken. Nichts anderes hat im Radsport zum Auffliegen der großen Dopingaffären und ihrer Hintermänner geführt. Man müsste aus dem Fall Lance Armstrong und all den anderen eigentlich gelernt haben, dass man mit Dopingtests nicht weiter kommt. Wie oft hat Lance Armstrong auf seine zahlreichen Negativtests verwiesen?

Lance Armstrong wurde als Doping-Betrüger entlarvt - jedoch nicht durch Tests
Lance Armstrong wurde als Doping-Betrüger entlarvt - jedoch nicht durch Tests © Getty Images

SPORT1: Zagreb zeigte sich im Fall Ademi auch überrascht: Er sei vorher immer negativ getestet worden.

Simon: Das ganze Testsystem ist eine riesige Geldverschwendung - ein Thema, über das man sich auch als Steuerzahler eigentlich Gedanken machen müsste, der NADA und WADA ja zu einem guten Teil mitfinanziert. Der Versuch, Betrügern über Anti-Doping-Tests auf die Spur zu kommen, ist in etwa zehnmal so teuer wie das, was man für das gleiche Ergebnis in die Strafverfolgung investieren müsste. Das hat keine Rechtfertigung. Die wirklich schweren Fälle sind fast alle durch Gerichtsprozesse aufgeklärt worden oder durch journalistische Recherchen wie die von Hajo Seppelt im Fall IAAF.

SPORT1: Wie kommt es zu diesem Missverhältnis?

Simon: Es ist doch nur logisch: Die Testverfahren hinken den Betrugsverfahren schlicht um Jahre hinterher. Einen Spitzenathleten, der pro Jahr nur 10.000 Dollar ins Betrügen investiert und in Verfahren, wie er den Betrug verschleiert, kann man nicht durch einen positiven Test erwischen. Ernsthaft: Es ist unmöglich - außer er begeht dabei eine Dummheit.

SPORT1: Die Dopingtests werden dennoch als zentrales Argument beschworen, dass man ja sein Möglichstes tue. Fehlt der Wille, tiefer zu blicken, auch und gerade, wenn es um den Fußball geht?

Simon: Nichts anderes warf der bekannte Dopingarzt Eufemiano Fuentes den spanischen Behörden ja vor: Dass sie sich nicht für seine Fußball spielenden Kunden interessiert hätten, sondern nur für die Radfahrer. Wahrscheinlich stimmt das. Alles schaut auf den Radsport und die Leichtathletik, aber es gibt überhaupt keinen Grund zur Annahme dafür, dass in diesen Sportarten tatsächlich mehr gedopt wird als anderswo.

Zählte nach eigenen Angaben auch Fußballer zu seinen Kunden: Doping-Arzt Eufemiano Fuentes
Zählte nach eigenen Angaben auch Fußballer zu seinen Kunden: Doping-Arzt Eufemiano Fuentes © Getty Images

SPORT1: Gibt es denn Grund zur Annahme, dass der Fußball ein schweres Dopingproblem hat?

Simon: Man muss differenzieren. Allen Erfahrungen nach, die wir haben, hängt die Verbreitung von Doping in einer Sportart unmittelbar mit der Leistungsdichte zusammen. Gucken sie sich den deutschen Fußball an, erste bis dritte Liga: Da finden um die tausend Menschen auf dem Platz ihr Auskommen. Das verringert die Wahrscheinlichkeit, dass dort großflächig gedopt wird. Unter gewissen Bedingungen ist der Sport freier von illegalen Substanzen als die Normalbevölkerung draußen, weil das Risiko, mit ihnen erwischt zu werden, für Sportler höher und folgenreicher ist.

SPORT1: Und wann werden die Bedingungen für Doping "günstiger"?

Simon: Es wird kritisch, wenn es in einen dichteren Wettbewerb geht, in ein knappes Rennen um Höchstleistungen, wo es um Hundertstelsekunden geht.  Wir haben hohe, dramatische Dopingquoten dort, wo Sportler die Besten der Welt werden wollen, die Elite der Elite sein wollen, Weltrekorde jagen - die Dopinghistorie des 100-m-Laufs ist das beste Beispiel. Diese Art von Wettbewerbsdruck herrscht im deutschen Profifußball so nicht.

SPORT1: Plakativ gesagt: Doping im Fußball bringt was, aber nicht so viel wie anderswo?

Simon: Der beliebte Spruch "Doping im Fußball bringt nix" ist natürlich Unsinn. Wie viel es bringt, hängt aber von den Umständen ab. Es ist denkbar, dass ein einzelner Spieler dopt, um individuell voranzukommen oder dass Hintermänner das veranlassen, um daran zu verdienen. Um als Mannschaft durch Doping einen Unterschied zu erreichen, muss man auch die ganze Mannschaft dopen. Dann aber bringt es wahrscheinlich schon etwas. Siehe die Diskussion um die EPO-Dopingaffäre Juventus Turin in den Neunzigern.

SPORT1: Die bis heute nicht restlos aufgeklärt ist. Vor Gericht endete der Fall in der Verjährung, alle Beteiligten bestreiten jegliches Fehlverhalten. Hat der Fußball ein Systemproblem, was die Aufarbeitung solcher Fälle angeht?

Simon: Ja. Es müsste im Interesse des Sports sein, dass aufgeklärt wird, dass man allen Anhaltspunkten sauber nachgeht, mit den Mitteln der Strafverfolgung. Man kann den Fußball sauberer halten als den 100-m-Lauf, das Geld dafür hat der Fußball. Ich habe trotzdem den Eindruck, dass er davor zurückschreckt. Das ist ein Fehler - und es ist auch nicht fair den sauberen Sportlern gegenüber, ein System zu erhalten, in dem der Generalverdacht gedeiht. In dem Unschuldige mit in die Kritik geraten, weil man den Eindruck gewinnt, dass der ganze Sport unsauber ist. Abgesehen davon kann in das Dopingthema irgendwann eine ähnliche Dynamik hineinkommen wie bei den jüngsten Korruptionsaffären.

SPORT1: Inwiefern?

Simon: Die verantwortlichen Herren müssen sich überlegen, was passiert, wenn sie den Anti-Doping-Kampf nicht konsequent betreiben, aus Angst, dass es unangenehm werden könnte. Irgendwann guckt wer hin. Irgendwann fängt wer an nachzubohren. Irgendwann beginnt sich ein Staatsanwalt zu interessieren. Vielleicht ist das sogar der nächste logische Schritt nach der FIFA-Affäre. Und wenn dann herauskommt, dass ein paar Herren im Fußball nicht genau hinschauen wollten, fliegt ihnen das um die Ohren. Ist auch nicht in deren Interesse.

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