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Urlaubs-Feeling: Michel Dinzey hat als Nationaltrainer einen Vertrag bis 2021
Urlaubs-Feeling: Michel Dinzey hat als Nationaltrainer einen Vertrag bis 2021 © SPORT1-Montage: Marc Tirl/Imago/iStock
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München - Michél Dinzey war 21 Jahre in Deutschland Fußball-Profi. Seit März arbeitet er als Nationaltrainer in Antigua und Barbuda. Bei SPORT1 spricht er über sein Abenteuer.

Michél Dinzey hat ein Abenteuer gewagt und bereut nichts. 

Seit dem 7. März dieses Jahres ist der frühere Bundesliga-Profi (unter anderem des FC St. Pauli und von Hertha BSC) nun Nationaltrainer - von Antigua und Barbuda. Richtig gelesen: Antigua und Barbuda. 

Zu diesem Job auf der Karibikinsel gekommen ist er wie die Jungfrau zum Kind. 

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Anfang des Jahres war eine Gruppe von US-Spielern, drei Schweden und drei Teilnehmern aus Antigua in Deutschland. Dinzey weilte als Scout bei Testspielen. Er erhielt einen Anruf und wurde zu einem Treffen in Düsseldorf eingeladen.

"Bei einem Spiel ist mir sofort ein interessanter Spieler aufgefallen. Ich habe mich dann mit einem Betreuer aus Antigua unterhalten und wir haben uns abends alle zusammen getroffen", erzählt Dinzey im Gespräch mit SPORT1.

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Vom Scout zum Nationaltrainer

Schon am nächsten Tag bekam der 47-Jährige einen Anruf von seinem heutigen Co-Trainer, der ihn fragte, ob er sich vorstellen könne, als Nationaltrainer zu arbeiten.

Nachdem er auch von seiner Frau grünes Licht bekommen hatte, saß Dinzey kurz darauf im Flieger in den rund 7000 Kilometer Luftlinie von Deutschland entfernten Karibikstaat. Das Abenteuer konnte beginnen.

"Es ist natürlich schon eine Umstellung, als Nationaltrainer zu arbeiten. Es bedeutet sehr viel Verantwortung. Das Thema Fußball steht nicht an erster Stelle", meint Dinzey: "Wir versuchen den Menschen hier zu zeigen, dass es ein geiler Sport ist. Wir benötigen dabei viel Unterstützung und müssen uns alles hart erarbeiten, mehr als beim normalen Trainer-Job. Aber ich finde meine Arbeit cool."

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Erfolgreichste Zeit auf St. Pauli

Als Spieler lief Dinzey in seiner Profikarriere einst für zwölf Vereine auf, seine erfolgreichste Zeit hatte er beim FC St. Pauli am Millerntor. Für die kongolesische Nationalmannschaft absolvierte Dinzey 33 Länderspiele.

Seit Monaten pendelt der gebürtige Berliner nun zwischen seinen beiden neuen Standorten hin und her. Aber Dinzey fliegt nicht nur zu den Länderspielen ein, "das würde keinen Sinn ergeben".

Seit seinem Amtsantritt wird fünf Mal pro Woche trainiert, die Truppe sei noch nie so fit gewesen wie aktuell, betont Dinzey: "Wir hatten hier zu Beginn kein Fitness-Studio und kein Athletik-Training. Ich konnte den Trainer der Leichtathleten für uns gewinnen. Er ist ein verbissener Typ, der sein Land über alles liebt."

Inzwischen steht außerdem das Fitness-Studio der Armee zum Training zur Verfügung.

Und wie erlebt Dinzey seinen Fußballalltag?

Gespielt wird in einem ehemaligen Cricket-Stadion und auf einem Kunstrasenplatz, die gesamte Infrastruktur sei mit den Möglichkeiten in Europa nicht zu vergleichen.

"Aber wir sind sehr experimentierfreudig und flexibel in dem, was wir machen", erklärt Dinzey, der versucht, "mit den zur Verfügung stehenden Mitteln die Spieler so zu betreuen, dass sie sich hier wohl fühlen."

Um vieles kümmert er sich selbst, koordiniert Termine, bestimmt Ablaufpläne, führt als Trainer sogar Sponsorengespräche - das Delegieren fällt Dinzey noch ein wenig schwer, wie er selbst gesteht: "In diesen Dingen muss ich noch die Balance finden."

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Dinzey stellt klar: "Keine Thekentruppe"

Auf die Palme bringt es ihn, wenn er auf Klischees angesprochen wird: Entspannte Reggae-Rhythmen, egal, ob nach Siegen oder Niederlagen? Davon will Dinzey nichts wissen.

"Ich lade gerne alle herzlich ein, sich das Niveau vor Ort anzuschauen und es dann zu beurteilen. Es sind alles Amateure, aber wir sind keine Thekentruppe", stellt er klar.

Nicht nur die Mannschaft selbst, sondern auch das Team drumherum habe sich in den vergangenen Monaten "sehr weiterentwickelt. Wir trainieren auf Profi-Niveau und akzeptieren keine Schlamperei. Meine Jungs und das Team sind zielstrebig und wir werden das so weiterführen."

Dinzey setzt auf einheimische Spieler

In der Vergangenheit seien viele englische Profis gekommen und hätten die einheimischen Spieler verdrängt. Für diese sei die Nationalmannschaft die beste Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen, denn: "Wir haben hier vor Ort keine Profi-Liga."

Nichtsdestotrotz will Dinzey einen anderen Kurs fahren: "Seit dem ersten Tag habe ich mit dem Verband darüber gesprochen, dass es für mich keine Alternative ist, 14 bis 15 Spieler aus Europa hierher zu holen, sondern dass wir uns voll auf die einheimischen Spieler konzentrieren. Den Weg sind wir gefahren."

Mit ersten Erfolgen: Gegen die Gold-Cup-Teilnehmer Curacao und Guyana gelangen dem Weltranglisten-127. ebenso Siege wie zuletzt am Dienstag beim 3:2 auf Aruba. Dass es beim 1:5 in Guyana oder beim 0:6 auf Jamaika auch mal deutliche Niederlagen setzte, gehört für Dinzey zum Entwicklungsprozess.

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Gehrke verlässt Antigua und Barbuda wieder

Genauso wie die Tatsache, dass nicht alle seinen langfristig ausgelegten Weg mitgehen.

"Holger Gehrke (früher unter anderem Assistenzcoach und Torwarttrainer bei Schalke 04 und beim 1. FC Köln, Anm. d. Red.) hatte ich als Torwarttrainer hier verpflichtet, doch er ist mit der Mentalität vor Ort nicht klargekommen", berichtet Dinzey, "und dann hat er für sich entschieden, nicht weiterzumachen".

Dinzey hatte es da leichter, denn er kannte ähnliche Umstände aus seiner Zeit als Nationalspieler für den Kongo. 

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"Die Verhältnisse in den beiden Ländern sind sehr ähnlich: Mentalität, Strukturen, Menschen. Deshalb bin ich da etwas gelassener. Ich weiß genau: Wenn das Training 18 Uhr angesetzt ist, dann wird es schon mal 18.15 Uhr."

Fischer und Bauarbeiter im Team

Manche seiner Jungs müssen eben noch etwas länger arbeiten. In Dinzeys Team spielen Fischer, Landarbeiter und Bauarbeiter.

"Ich habe Leute in der Truppe, deren Existenz gesichert ist, es gibt aber auch zwei bis drei Spieler, die keinen anderen Job haben und daher auf die Prämie angewiesen sind", verrät Dinzey, dessen Gehalt nach eigener Aussage im Vergleich zu deutschen Verhältnissen "nichts" sei.

In Zukunft hofft er dennoch, den Fußball in Antigua und Barbuda mit noch mehr als seiner Anwesenheit und Erfahrung voranbringen zu können.

Er habe bereits "mehrere Gespräche mit dem DFB geführt, um Unterstützung für das Land zu erhalten", erzählt Dinzey - und blickt optimistisch nach vorne: "Ich bin dabei, mit dem Auswärtigen Amt und dem DFB ein Langzeitprojekt zu entwickeln, das dem Verband, dem Land und den Menschen sehr guttun würde."

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