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Köln und München - Im zweiten Teil des großen SPORT1-Interviews spricht Trainer-Legende Christoph Daum über Leroy Sané, Timo Werner, den 1. FC Köln und Mesut Özil.

Christoph Daum ist bestens gelaunt, als SPORT1 ihn zu Hause in Köln besucht. 

Gerade ist zwar Sommerpause, doch Themen gibt es genug für den 65-Jährigen.  

In Teil zwei des Interviews spricht Daum über seinen 1. FC Köln, Leroy Sané, Timo Werner und Mesut Özils Freundschaft zum türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.  

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Hier geht's zum ersten Teil des Interviews. 

SPORT1: Herr Daum, der FC spielt wieder in der Bundesliga. Da geht Ihr Herz auf, oder? 

Christoph Daum: Natürlich. Es freut mich sehr, vor allem für die Zuschauer und die Fans. Sie hatten immer Bundesliga-Niveau. Die Situation innerhalb des Klubs macht mich aber etwas nachdenklich. Der neue Vorstand muss in der neuen Saison hervorragende Arbeit leisten. Ich bin da aber optimistisch und positiv gestimmt. Ich habe nur meine Bedenken, wenn ich sehe, wie die Mannschaft für die Bundesliga aufgestellt ist. Es müssen noch einige Transfers getätigt werden, um eine wettbewerbsfähige Mannschaft für die erste Liga zu haben. Punkte gewinnt man nicht mit dem Stadion, sondern mit der Mannschaft.

Das ist eine Riesenaufgabe für Armin Veh (Geschäftsführer Sport, d. Red.), dem ich das zutraue, wenn er die volle Unterstützung von den handelnden Personen im Verein bekommt. Wir müssen abwarten, ob da wirklich wieder eine einheitliche Sprache gesprochen wird. Das war in den zurückliegenden Monaten nicht immer der Fall. Durch Reibereien im Klub kam es zu Energieverlusten. In vielen Situationen hatte ich nicht das Gefühl, dass das wirklich ein Team ist. Es hatten sich verschiedene Gruppen gebildet.

SPORT1: Markus Anfang wurde auf Platz 1 entlassen und jetzt kommt als neuer Trainer Achim Beierlorzer. Was sagen Sie dazu?

Daum: Markus Anfang hat sehr gute Arbeit geleistet. Er kam aus Kiel, kannte die 2. Liga und wäre auch mit dem FC aufgestiegen. Diese Entlassung war für mich nicht nachvollziehbar. Achim Beierlorzer bringt aus seiner bisherigen Karriere einiges mit. Er war bei RB Leipzig Trainer der 2. Mannschaft, war Assistenzcoach von Ralf Rangnick und hat zuletzt bei Jahn Regensburg hervorragende Arbeit geleistet. Nur dort ticken die Uhren anders. Der 1. FC Köln ist eine ganz andere Dimension. Wenn er sich nicht schnell auf die höheren Ansprüche in Köln einstellt, dann wird es für Achim Beierlorzer sehr schwierig.

SPORT1: Hätten Sie nicht nochmal Lust eine Position beim FC einzunehmen?

Daum: Der FC muss ganz konkrete Anforderungen für ein Job-Profil formulieren und nach diesen Anforderungen die Position besetzen. Man muss die besten und kompetentesten Personen ins Boot holen. Es ist nicht mein Ding, mich anzupreisen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ich unter diesem neuen Vorstand eine Rolle spielen könnte. Warten wir mal ab, wie sich alles weiterentwickelt.

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SPORT1: Das gilt auch für den FC Bayern und eine mögliche Verpflichtung von Leroy Sané. Die Münchner sollen ein Angebot von über 80 Millionen Euro abgegeben haben. Sollten die Bosse alles versuchen, ihn zu kriegen?

Daum: Ja. Leroy Sané wäre eine absolute Verstärkung für den FC Bayern. Das würde absolut passen. Er ist ein Spieler mit enormen individuellen Qualitäten. Er steht noch am Anfang seiner Karriere und ich gehe davon aus, dass er noch viel besser werden wird. Er kann bei den Bayern noch einen Schritt nach vorne machen. Aber das gilt auch für Manchester City. Pep Guardiola wird ebenfalls sagen, dass Sané noch lange nicht fertig ist. Er hat auch dort einen Verein mit sehr guten Ausbildungsmöglichkeiten. Da werden wohl einige emotionale Faktoren den Ausschlag geben. Beim Gehalt wird es keine gigantischen Unterschiede geben. Wenn die Transfersumme jedoch mal über 100 Millionen geht, wird auch ManCity ins Grübeln kommen.

SPORT1: Oliver Kahn bezeichnete die 80 Millionen als einen Durchschnittspreis für so einen Spieler. Wie ist da Ihre Meinung? 

Daum: In Bezug auf Ausnahmespieler mag Kahn richtig liegen. Wenn wir die ganzen Transfer-Bewegungen sehen, sind die Transfers über 50 Millionen Euro nicht die Regel. Das sind exorbitante Summen. Sie machen vielleicht weniger als zehn Prozent aller Transfers aus. Aber es werden immer häufiger unvorstellbare Transfersummen gehandelt. Man hätte nie gedacht, dass eines Tages über 200 Millionen Euro für einen Spieler gezahlt werden. Deshalb erscheinen die Ablösesummen darunter auch nicht mehr so hoch. Für mich ist das alles nicht mehr nachvollziehbar.

© Reinhard Franke

SPORT1: Im Gegensatz zu Sané ist Timo Werner in der Nationalmannschaft nicht mehr erste Wahl, bei den Bayern ist er wohl auch kein Thema mehr. Haben Sie da eine Erklärung? 

Daum: Timo Werner hat eine super Entwicklung genommen, bei Stuttgart und die vergangenen Jahre bei RB Leipzig. Er ist zu einem gestandenen Bundesliga-Spieler gereift und zudem Nationalspieler geworden. Und er hat bei Joachim Löw eine wahnsinnigen Sprung nach vorne gemacht. Werner steckt momentan in einer Krise. Doch dass so ein junger Mann auch mal Leistungsschwankungen unterliegt, ist völlig normal. Glauben denn alle Experten es gibt da eine lineare Entwicklung? Das wäre wünschenswert. Oft geht die Entwicklung aber treppenförmig. Es gibt eine kleine Stagnation, manchmal sogar ein kleines Tal der Tränen, wo es nicht so läuft. Manchmal kommt dann eine Offerte eines Vereins hinzu, die einen verrückt macht. So war es vielleicht auch bei Werner. 

Jeder Verein muss beurteilen, welche Spieler er braucht. Ich habe manchmal den Eindruck als sammle Bayern Nationalspieler, weil sie das Potenzial sehen, auch wenn sie Werner jetzt noch nicht direkt brauchen. So war das auch bei Leon Goretzka. Das sind alles Spieler mit Perspektiven. Diese werden rechtzeitig an den Verein gebunden. Wenn Werner zu den Bayern wechselt, wird es sehr schwer, Stammspieler zu werden. Deshalb muss man den Zeitpunkt genau wählen. In der Karriereplanung ist es manchmal auch gut, einen Schritt zurückzugehen.

SPORT1: Der VfB Stuttgart, mit dem sie Meister geworden sind, ist abgestiegen. Wie bewerten Sie die Situation? 

Daum: Der Abstieg des VfB war völlig unnötig. Sie haben sich zur Saisonöffnung vor der vergangenen Runde bereits in der Europa League gesehen. Die Mannschaft konnte diese Erwartungshaltung nicht erfüllen. Michael Reschke (Ex-Sportvorstand, d. Red.) hatte die Mannschaft in der Breite sehr gut verstärkt. Aber nicht in der Offensive. Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, ein zwei Hochkaräter auf Schlüsselpositionen zu holen. Bei dieser Ansammlung von hochtalentierten Spielern kam dann Unzufriedenheit auf. Diese Profis mussten erst mal aufgebaut und integriert werden. Und es kamen Verletzungen hinzu. Aber nochmal: Den Abstieg hätte man vermeiden können.

SPORT1: Präsident Wolfgang Dietrich ist für viele Fans der Totengräber des Klubs. Für Sie auch? 

Daum: Nein. Er ist es nicht. Der Verein steht dank Dietrich wirtschaftlich auf soliden Beinen. Auch wenn der sportliche Erfolg jetzt ausblieb. Beim VfB ist der Präsident immer der Schuldige, auch wenn ein Spieler einen Elfmeter verschießt. Das ist seit 20 Jahren so. Ich leide mit Dietrich und dem VfB und finde es nicht okay, dass er zum Sündenbock gemacht wird. 

SPORT1: Wann wird man Sie nochmals auf der Trainerbank sehen? 

Daum: Die Begeisterung ist bei mir immer noch da. Für mich ist aber auch eine Position im Management denkbar. Ich habe permanent Anfragen, aus dem ägyptischen Bereich, aus der Türkei, den Niederlanden und Belgien. Aber bisher war noch nicht die richtige Herausforderung dabei. Sollte mich etwas wirklich reizen, bin ich wieder bereit, ins operative Geschäft einzusteigen. Als Cheftrainer oder im Management-Bereich. Es wird aber wohl eher im Ausland sein, als in der Bundesliga, aber das ist für mich in Ordnung. Ich freue mich, dass auch junge Trainer seit längerer Zeit in Deutschland ihre Chance bekommen.

SPORT1: Was sagen Sie dazu, dass Präsident Recep Tayyip Erdogan Trauzeuge bei Mesut Özil war?

Daum: Das ist eine sehr persönliche Sache. Wir kennen die Beziehung zwischen den beiden nicht, ich respektiere sie aber. Ich bin immer dafür, dass man Brücken baut statt welche einzureißen. Ich denke, Mesut sieht das nicht aus einem politischen Hintergrund, sondern aus einem rein menschlichen. Man sollte seine Entscheidung mit Erdogan respektieren.

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