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Los Angeles - Selten zuvor waren Führungsspieler des FC Bayern öffentlich dermaßen um die Transferpolitik des Vereins besorgt. SPORT1 erklärt, warum das derzeit der Fall ist.

Im Hintergrund werkeln die Verantwortlichen des FC Bayern am Kader für die neue Saison. Im Vordergrund machen Manuel Neuer, Joshua Kimmich und nun auch Robert Lewandowski keinen Hehl daraus, dass sie die aktuelle Transferpolitik des Vereins kritisch sehen.

Überdeutlich meldete sich am Dienstag in Los Angeles Lewandowski zu Wort. Seine Botschaft: "Wir brauchen noch mehr Spieler". Blieben Verstärkungen aus, so der Pole, sei es "schwierig, um große Titel zu spielen". Bemerkenswert auch, dass er für sich feststellte, dass "der FC Bayern in den letzten zwei Jahren wahrscheinlich keinen großen Transfer" gemacht habe.

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Zur Erinnerung: Alphonso Davies, Leon Goretzka, Serge Gnabry, Corentin Tolisso, Niklas Süle, Sandro Wagner, James Rodríguez, und Sebastian Rudy wurden in diesem Zeitraum geholt. Für die neue Saison hat Bayern mit Lucas Hernández und Benjamin Pavard immerhin schon zwei Weltmeister eingetütet.

Kritik von Lewandowski, Kimmich, Neuers Berater

Vor der Lewandowski-Ansage hatte sich bereits Thomas Kroth zu Wort gemeldet, der Berater von Manuel Neuer. Er ließ in einem Interview mit der SZ verlauten, dass der Kader der Münchner derzeit nicht so konkurrenzfähig aufgestellt sei, "um auch die Ziele von Manuel ernsthaft anzugehen".

Neuer soll Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge mitgeteilt haben, dass dies allein die Meinung Kroths war und bestätigte dies nach dem 1:2 im Testspiel gegen den FC Arsenal. "Ich habe meine eigene Meinung. Ich weiß, wo ich das platzieren muss. Wir sind total im Austausch gewesen mit den Bossen. Das läuft hinter verriegelten Türen und ist nichts für die Öffentlichkeit. Wenn ich etwas zu sagen habe, sage ich es den Bossen und nicht über eine Zeitung."

Man kann allerdings davon ausgehen, dass Neuer wusste, was Kroth tat. Schließlich steht er mit seinem Spieler regelmäßig im Austausch.

Vor dem Abflug nach Los Angeles legte Kimmich nach. Im Interview mit SPORT1 sagte der 24-Jährige: "Wir haben viele Spieler mit hoher Qualität, aber ob das von der Breite her am Ende ausreicht, um damit in die Saison gehen zu können?"

Kimmich, in dem viele den Kapitän der Zukunft sehen, weiter: "Wir haben aktuell 17 Feldspieler. Wenn man in der Champions League aber wirklich was reißen will, dann könnten wir vielleicht noch den einen oder anderen brauchen."

Was hat die Kritik zu bedeuten?

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Lewandowski vor Vertragsverlängerung

Neuer, Kimmich und Lewandowski eint ihr Titelhunger. Sie alle sehnen sich vor allem nach dem Gewinn der Champions League. Neuer holte den Henkelpott bereits 2013. Die anderen beiden gewannen ihn noch nie.

Hinzu kommt der Wunsch nach Konkurrenzkampf und Top-Spielern für höchste Ansprüche. Auch, wenn niemand freiwillig auf der Bank Platz nehmen würde, aber sie sehnen sich vor allem nach höchstem Niveau auch in den Trainingseinheiten. Aktuell ist das scheinbar nicht gegeben.

Alle drei Kritiker machen sich auch über ihre eigene Zukunft Gedanken. Die Bayern sollen für Neuer (Vertrag bis 2021) laut Kroth zukünftig nicht die einzige Option sein. Kimmich (Vertrag bis 2023) haben längt alle Top-Klubs auf dem Zettel und Lewandowski gab sogar zu, dass die Personalplanungen Teil seiner derzeit laufenden Vertragsgespräche seien. Es sei ein Thema, "aber nicht das wichtigste". Der Stürmer steht vor einer Vertragsverlängerung bis 2023. Noch ist aber nichts unterschrieben.

Aktuell umfasst der Bayern-Kader nur 17 Feldspieler. Darunter ist auch Jérôme Boateng, den die Verantwortlichen des FC Bayern gerne verkaufen möchten, sowie Renato Sanches, der den Klub gerne verlassen würde. Acht unerfahrene Nachwuchsspieler aus der U19 und U23 ergänzen den Kader derzeit auf der USA-Reise. Führungsspieler wie Franck Ribéry, Arjen Robben und Mats Hummels sind nicht mehr da und fehlen auch in der Kabine.

Selten zuvor mussten die Bayern-Bosse bislang tatenlos mit anschauen, wie ihre Führungsspieler öffentlich so deutlich ihre (kritische) Meinung zu den Spielerkäufen äußerten.

Den Druck auf Sportdirektor Hasan Salihamidzic, der aufgrund der Transferbemühungen extra in München geblieben, lässt das nicht geringer werden.

Matthäus: "Spieler machen sich Gedanken"

SPORT1 fragte bei Bayern-Legende Lothar Matthäus nach, was die Transfer-Kritik zu bedeuten hat.

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"Das Innenleben ist in Ordnung, aber die Spieler machen sich Gedanken. Sie wissen, dass der Kader in der Breite zu klein ist", sagte der Rekord-Nationalspieler: "Es fehlen zwei, drei Spieler, die aber kommen werden. Es fehlen Spieler auf den Außenpositionen. In der Bundesliga kann man improvisieren, aber auf höchstem Niveau braucht man Möglichkeiten, die auch von der Bank kommen und den Unterschied machen. Das fehlt."

Bislang verpflichteten die Bayern drei Spieler. Die Defensiv-Allrounder Hernández (Atlético Madrid) und Pavard (VfB Stuttgart) sowie Angreifer Jann-Fiete Arp (HSV).

Rummenigge machte in den USA nochmals deutlich, dass man sich auch quantitativ verstärken wolle. Ein Flügel-Kracher hat Priorität. Man suche aber auch noch einen Mittelfeldspieler, der die Breite verstärken soll. Der 22 Jahre alte Spanier Marc Roca (Espanyol Barcelona), mit dem sich die Bayern laut spanischen Medien einig sein sollen, wäre so jemand.

Leroy Sané als Premiumlösung

"So eine Situation hat es lange nicht gegeben. Man merkt jetzt, dass man fünf Spieler verloren und drei dazubekommen hat. Einer davon ist Arp vom HSV, der nicht einmal seine Einsätze in der zweiten Liga bekommen hat. Von ihm kann man nicht erwarten, dass er in der Champions League den Unterschied macht. Undn auf den Außenpositionen ist bisher noch gar nichts passiert", zieht Matthäus Bilanz.

Was Neuer, Kimmich und Lewandowski auch eint, ist zudem der Wunsch nach einem Top-Spieler wie dem umworbenen Leroy Sané von Manchester City. Die Bayern sind weiterhin an ihm dran, aber noch ist völlig unklar, ob der Transfer tatsächlich realisierbar ist.

"Er würde gut zur Bundesliga und zum FC Bayern passen. Leroy Sané kennt die Bundesliga, spricht deutsch, braucht keine Eingewöhnungszeit und ist gereift. Das sieht man auch in der Nationalmannschaft", schwärmt Matthäus.

Einen Neuzugang dieser Kategorie dürfte die Transfer-Kritik vorerst verstummen lassen.

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