Lesedauer: 5 Minuten
teilenE-MailKommentare

München - Thomas Tuchel hat bei Paris Saint-Germain einen Star-Haufen zu einem funktionierenden Kollektiv geformt. Vor allem sein Zugang zu Neymar zahlt sich aus.

Seit neun Jahren ist er nun im Gange, der Großangriff auf den Thron von Fußball-Europa.

Im Jahr 2011 stieg der katarischen Staatsfonds QSI bei Paris Saint-Germain ein. Mit Transfer-Ausgaben von mehr als einer Milliarde Euro und einer oft zweifelhaften Interpretation des Financial Fairplay setzte der französische Hauptstadtklub seitdem alles daran, in der Champions League nach dem Titel zu greifen.

Jahr für Jahr jedoch scheiterte das teure Unterfangen, oftmals kläglich, spätestens im Viertelfinale, in den vergangenen drei Jahren sogar eine Runde früher. Trotz Kylian Mbappé, trotz 222-Millionen-Mann Neymar.

Anzeige

Das Projekt PSG drohte zwischenzeitlich sogar auseinanderzufliegen, dem als frustriert geltenden Neymar wurden immer wieder Abwanderungsgedanken nachgesagt.

Nun jedoch hat der deutsche Trainer Thomas Tuchel es geschafft, sein Superstar-Ensemble ins Finale zu führen. Nach dem 3:0 im Halbfinale gegen RB Leipzig steht PSG dicht wie nie am ersehnten Ziel.

Was ist diesmal anders?

Das Halbfinale des FC Bayern gegen Olympique Lyon in der Live-Analyse - der FANTALK u.a. mit Roman Weidenfeller und Mario Basler am Mittwoch ab 20.15 Uhr LIVE im TV & Stream bei SPORT1

Thomas Tuchel übernahm PSG als launische Diva

Als "echt zusammengewachsen" umschrieb Tuchel sein Team nach dem Spiel, ein Kollektiv, das "nicht nur Qualität, sondern auch Hunger" gezeigt hätte.

Dass das trotz der gigantischen Investitionen keine selbstverständliche Entwicklung ist, haben die vergangenen Jahre gezeigt, in denen Tuchels namhafte Vorgänger Carlo Ancelotti, Laurent Blanc und zuletzt Unai Emery mit PSG nicht über einen gewissen Punkt hinausgekommen waren.

Meistgelesene Artikel

Immer wieder drängte sich der Eindruck auf, dass PSG etwas fehlte, das andere internationale Topklubs auszeichnete. Ego-Eskapaden wie der lächerliche Elfmeter-Zoff zwischen Neymar und Edinson Cavani 2017 prägten das Bild einer launischen Diva, die oft nicht die richtige Laune hatte, wenn es drauf ankam. Die Feststellung des zum BVB gewechselten Thomas Meunier, wie gerne Neymar und Co. rauschende Luxus-Partys feierten, ließen die Ex-Kollegen auch nicht in bestem Licht erscheinen.

Inzwischen jedoch scheint Tuchel ein Gefüge geschaffen zu haben, das nicht sportlich intakt ist.

DAZN gratis testen und die Champions League live & auf Abruf erleben | ANZEIGE

Als Mannschaft zusammengewachsen

"Wir sind als Mannschaft sehr zusammengerückt und unternehmen auch viel abseits des Platzes gemeinsam", berichtete etwa der frühere Schalke-Verteidiger Thilo Kehrer nach dem RB-Spiel.

Auch Tuchel verwies darauf - und darauf, wie gut sich die unter ihm verpflichteten Routiniers Keylor Navas, Ander Herrera und Pablo Sarabia auch außerhalb des Platzes ins Team eingefügt hätten.

Der 46-Jährige - der seinen Karriere-Höhepunkt als Trainer wegen eines Mittelfußbruchs mit Fußschiene und Krücken erleben muss - betont diesen Faktor wohl nicht ohne Grund: Sein geräuschvolles Aus bei Borussia Dortmund war schließlich von nebulösen Vorwürfen begleitet, im zwischenmenschlichen Bereich versagt zu haben.

Tuchel fand Zugang zu Neymar und Mbappé

Bei PSG stimmt dagegen die Chemie, das lässt sich an vielen kleinen Beobachtungen ablesen: Wie Neymar nach dem dramatischen Triumph über Atalanta Bergamo die Man-of-the-Match-Trophäe (verdientermaßen) an Siegtorschütze Eric-Maxim Choupo-Moting übergab. Wie er gegen RB bis kurz vor Schluss in der Defensive mithalf - ein wichtiges Signal, dass der unumstrittene Fixstern sich auch für die weniger ruhmreichen Momente in den Dienst der Mannschaft stellt.

Tuchel, der schon zu BVB-Zeiten einen guten Draht zu den menschlich nicht ganz einfachen Stars Pierre-Emerick Aubameyang und Ousmané Dembelé hatte, hat offensichtlich auch zu Neymar und Mbappé den richtigen Zugang gefunden.

"Er ist liebevoll, weiß aber auch, wann es nötig ist, uns die Ohren lang zu ziehen", lobte der Brasilianer schon vor eineinhalb Jahren. Tuchel hat das richtige Gespür entwickelt, wo er Grenzen setzt und wo er Freiraum lässt. "Ich bin der Trainer, nicht der Vater, die Polizei oder ein Detektiv", sagte er einst nach einem Party-Trip Neymars vor dem Pokalfinale 2019. Tuchel verdiente sich die richtige Mischung aus Wohlwollen und Respekt - und bekommt sie nun ausbezahlt.

Turniermodus wegen Corona kommt Paris zugute

Womöglich kamen ihm auch die besonderen Umstände der Corona-Pandemie zugute: Den Spielbetrieb in der heimischen Ligue 1 soll vor allem Neymar immer als eher lästige Pflicht empfunden haben. Generell schien die Dauer-Dominanz der vergangenen Jahre (sieben Titel in acht Saisons) für PSG eher ein Standortnachteil, während die Topklubs aus Spanien und England durch die größere Konkurrenz im eigenen Land auch dort die Sinne für die großen Spiele schärfen konnten.

Bei dem Finalturnier in Lissabon fiel dieser Punkt nun nicht ins Gewicht, Tuchels Team wirkte gegen Bergamo und Leipzig auf den Punkt vorbereitet und motiviert, perfekt eingestimmt auf Tuchels Pressing-System.

"Das passiert, wenn die Superstars von Paris Saint-Germain ihr Ego vor der Tür lassen, sich an den Plan von Thomas Tuchel halten und wie eine richtige Mannschaft spielen", staunte der englische Guardian nach dem Finaleinzug. Auch die spanische Zeitung El Mundo kam zum Schluss: "PSG, bislang oft eine reine Ansammlung von Stars, ist nun ein Team."

Für den Endspielgegner dieses Teams - egal, ob es Ligarivale Olympique Lyon oder Hansi Flicks FC Bayern München sein wird - sind das keine guten Nachrichten.

Nächste Artikel
previous article imagenext article image