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München - Manchester United gibt gegen Basaksehir ein erschreckendes Bild ab. Die Kritik an Ole Gunnar Solskjaer wird größer. Steht der Nachfolger schon bereit?

Zwischen Genie und Wahnsinn liegt oft ein schmaler Grat. Bei Manchester United sind es sieben Tage. Diese Mannschaft gibt Fußball-Fans aktuell Rätsel auf.

Am Mittwoch vor einer Woche nahm das Team von Ole Gunnar Solskjaer RB Leipzig in der Champions League nach allen Regeln der Kunst auseinander. Mit 5:0 schickten die Red Devils den Vorjahreshalbfinalisten aus dem heimischen Old Trafford.

Es war nicht nur das Ergebnis, sondern die Art und Weise, die beeindruckte. Solskjaer hatte Taktik-Fuchs Julian Nagelsmann nach allen Regeln der Kunst ausgecoacht und den Bullen mit einfachen Mitteln den Zahn gezogen.

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Sieben Tage später gab United bei der 1:2-Niederlage bei Basaksehir Istanbul ein erschreckendes Bild ab - offensiv harmlos, defensiv komplett ungeordnet. Nur zwei Schüsse gingen in den 90 Minuten auf das Tor der Istanbuler.

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United mit fahrlässigem Abwehrverhalten

Bezeichnende Szene: In der 12. Minute schlugen die Türken eine United-Ecke aus ihrem Strafraum in Richtung Mittellinie, wo Stürmer Demba Ba völlig frei war. Kein United-Verteidiger hatte den Ex-Hoffenheimer auf dem Schirm gehabt und die Ecke abgesichert, so dass dieser allein auf das Tor von Dean Henderson zulaufen und den Ball zum 1:0 aus Sicht des türkischen Meisters verwandeln konnte.

So ein Fehler darf einer Mannschaft dieses Kalibers nicht passieren. Das weiß auch Solskjaer. "Beim ersten Gegentor spielen wir eine kurze Ecke und vergessen den Mann an der Spitze, und das ist unverzeihlich", kritisierte der Norweger seine Mannschaft nach der Partie.

Vereinslegenden kritisieren Mannschaft

Mit der Vorstellung gegen Basaksehir zogen die Red Devils den Zorn einiger Vereinslegenden auf sich. "Man könnte verstehen, wenn so etwas in der letzten Minute passiert, aber es sind die ersten 10 Minuten, das ist peinlich", wetterte Paul Scholes bei BT Sport. Ex-Kapitän Rio Ferdinand schimpfte auf Twitter: "Bitte sagt mir, dass jemand in dieser Kabine durchdreht und die Leute zur Rechenschaft zieht."

Roy Keane hatte bereits nach der 0:1-Niederlage gegen den FC Arsenal am vergangenen Wochenende gesagt, die Spieler würden dafür sorgen, dass Solskjaer entlassen werde. "Ich lehne es ab, so etwas zu kommentieren", entgegnete der United-Trainer. "Es ist noch früh in der Saison - solche Meinungen sind die ganze Zeit da draußen. Man muss stark bleiben", gab sich Solskjaer, der einst Seite an Seite mit Keane bei United spielte, nach der Istanbul-Partie kämpferisch.

United hängt in der Liga hinterher

Der Gegenwind für den Norweger, der die Red Devils im Dezember 2018 übernahm und in der vergangenen Saison bis auf Rang drei in der Premier League und ins Europa-League-Halbfinale geführt hatte, wird immer größer. In der Königsklasse stehen die Engländer mit sechs Punkten aus drei Spielen vergleichsweise komfortabel da und belegen punktgleich mit Leipzig Rang eins der Gruppe H. (Service: Die Tabellen der Champions League)

Doch in der Premier League ist die Gemengelage eine komplett andere. Bei sieben Punkten aus sechs Spielen und 9:13 Toren steht dort lediglich Platz 15 zu Buche. Mit dem FC Everton ist zudem am Wochenende eines der bisherigen Überraschungsteams der nächste Gegner. (Premier League: FC Everton – Manchester United, Samstag 13.30 Uhr im LIVETICKER)

Was bei United aktuell besonders auffällt, ist die Inkonstanz, die sich auch an den Ligaergebnissen ablesen lässt: Niederlage, Sieg, Niederlage, Sieg, Unentschieden, Niederlage - der Anspruch eines Spitzenteams ist ein anderer. Vor einem Monat kamen die Red Devils dazu beim 1:6 zu Hause gegen die Tottenham Hotspur böse unter die Räder. Trainer der Spurs ist übrigens Solskjaers Vorgänger José Mourinho. (Service: Tabelle der Premier League)

Solskjaer sucht Mittelfeld - was ist mit van de Beek?

Die Inkonstanz könnte auch damit zu tun haben, dass Solskjaer seine Top-Mannschaft offenbar noch nicht gefunden hat. Vor allem im Mittelfeld probierte der Norweger viel aus, sucht aber immer noch die richtige Mischung aus defensiver Kompaktheit und offensiver Kreativität.

Bis auf Spielmacher Bruno Fernandes tauschte er im Vergleich zur Niederlage gegen die Gunners das komplette Mittelfeld aus. Der erhoffte Effekt trat nicht ein. Paul Pogba agiert defensiv oft zu sorglos, Abräumer wie Nemanja Matic oder Scott McTominay sind dafür spielerisch limitiert.

Auch die Rolle von Top-Transfer Donny van de Beek ist weiter unklar. Der Niederländer, der für 39 Millionen Euro von Ajax Amsterdam kam, sucht im Gefüge der Red Devils noch seinen Platz. Zu Saisonbeginn setzte Solskjaer kaum auf den Mittelfeldspieler, woraufhin eine Diskussion um die Sinnhaftigkeit dieses Transfers entstand.

In der Liga kam van de Beek bisher auf lediglich 74 Einsatzminuten, in der Königsklasse stand er immerhin gegen Leipzig und Basaksehir in der Startelf.

"Ich weiß, ihr habt nicht viel Zeit, wenn die Kamera läuft, und müsst sehr schnell eure Thesen aufstellen. Aber ihr müsst wissen, dass man nicht zwingend in den ersten drei Spielen in der Startelf stehen muss, um ein wichtiger Spieler für die Mannschaft zu sein", entgegnete Solskjaer seinen Kritikern.

Alles schaut auf Rashford - Cavani kein Faktor

Im Angriff ruhen die Hoffnungen alleine fast ausschließlich auf Marcus Rashford und Bruno Fernandes. Dass ein Spiel ohne Rashford funktionieren kann, hat die Partie gegen Leipzig gezeigt, dennoch ist United zu abhängig von seinem Topstürmer. Anthony Martial ist in seinen Leistungen zu inkonstant, das 19 Jahre alte Supertalent Mason Greenwood braucht noch Zeit, sich an das dauerhaft hohe Niveau in Liga und Königsklasse zu gewöhnen.

Und da ist dann ja auch noch Edinson Cavani. Der 33 Jahre alter Uruguayer, der ablösefrei kam, sollte die junge Offensive mit seiner Erfahrung bereichern. Vier Einwechslungen ohne Torbeteiligung ist die magere Bilanz bisher.

Bei der aktuellen Situation um die Red Devils ist es kein Wunder, dass Gerüchte um einen möglichen Nachfolger Solskjaers die Runde machen. Schon nach der Klatsche gegen die Spurs stand der Name Mauricio Pochettino im Raum.

Nach einem Bericht der Manchester Evening News haben die Klubbosse der Red Devils jetzt sogar bereits Kontakt zum Argentinier aufgenommen. Der 48 Jahre alte ehemalige Tottenham-Trainer, der seit einem Jahr vereinslos ist, soll bereits im vergangenen Dezember Interesse am Cheftrainerposten des englischen Rekordmeisters signalisiert haben.

Gegen die Toffees sollten die Red Devils am Wochenende wieder das Gesicht des Leipzig-Spiels zeigen, sonst dürfte es für Solskjaer richtig ungemütlich werden.

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