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München - Rot-Weiss Essen bleibt in der aktuellen Saison ungeschlagen. Bei SPORT1 spricht Geschäftsführer Marcus Uhlig über seinen Klub, BVB-Boss Watzke und Rivale Schalke 04.

Rot-Weiss Essen kann nach zehn Jahren in der Regionalliga West in dieser Saison wieder in die 3. Liga aufsteigen. Die treuen Fans lechzen danach. Im Pokal steht man zudem im Achtelfinale. Einer der Macher des Erfolgs ist Marcus Uhlig.

Im SPORT1-Interview spricht der Geschäftsführer über RWE, BVB-Boss Hans-Joachim Watzke und einen möglichen Abstieg von Schalke 04.

SPORT1: Herr Uhlig, Rot-Weiss Essen ist Wintermeister in der Regionalliga West. Wie fühlt sich das an?

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Marcus Uhlig: Großartig. Es ist die Bestätigung von harter Arbeit, die wir in diesem Jahr hatten, weil Corona das Jahr geprägt und die Rahmenbedingungen nicht einfacher gemacht hat. Wir sind mehr als andere Vereine von mittel- und unmittelbaren Zuschauereinnahmen abhängig und das haben wir in der ersten Corona-Phase gut hinbekommen auch dank der Hilfe unserer Fans und Sponsoren. Da war es für uns das oberste Ziel den Klub durch die Coronakrise zu bekommen, ohne unsere sportlichen Ziele zu gefährden. Man kann durch eine gute Planung Wahrscheinlichkeiten erhöhen, aber es so zu planen wie es jetzt gekommen ist, geht nicht. Da ist schon sehr viel Positives zusammengekommen. Wir sind froh und stolz über das Erreichte in einem sehr besonderen Fußballjahr.

SPORT1: Im Frühjahr gab es etwas Gegenwind, weil der beliebte Christian Titz gehen musste und durch Christian Neidhart ersetzt wurde. War das genau der entscheidende Coup?

Uhlig: Im Fußball kann man immer erst hinterher bewerten, ob eine Entscheidung richtig oder falsch war. Wir haben die vergangene Saison sehr ausführlich analysiert und kamen übereinstimmend zu dem Schluss, dass wir auf der Trainerposition etwas verändern mussten. Und natürlich wussten wir, dass wir dafür nicht nur Beifall bekommen würden. Aber die Leute, die damals am lautesten geschrien haben, klatschen jetzt am lautesten Beifall. Doch als Entscheidungsträger muss man auch mal mit Gegenwind klarkommen. Es spricht für Christian Neidhart, der damals zu Beginn von Corona als Drittliga-Trainer noch Chancen auf die 2. Liga hatte, sich für uns zu entscheiden. Dass es so gut passt, ist umso schöner.

"Das Wort Insolvenz kennt man in Essen"

SPORT1: Beschreiben Sie bitte kurz den Erfolg von RWE?

Uhlig: Maximales Vertrauen. Maximaler Mannschaftsgeist. Maximale Geschlossenheit.

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SPORT1: Was ist Ihnen am wichtigsten?

Uhlig: Es geht immer um das große Ganze. Wenn man einen Verein wie Rot-Weiss Essen führt, dann kann man nicht einfach sagen, wir machen das am Reißbrett, holen einfach mehr Qualität in unsere Mannschaft und dann wird es schon passen. Einen Klub wie RWE muss man können und dann muss man auch auf einige andere Attribute wert legen. Man muss auch genau wissen, warum es in den vergangenen Jahren nicht geklappt hat. Es ist etwas anderes, ohne jetzt despektierlich zu sein, ob man bei Rot-Weiss Essen arbeitet oder beim SV Rödinghausen. Ich glaube, dass unsere selbstkritische Saisonanalyse auch ergeben hat, dass wir in Sachen Effizienz, Klarheit, Robustheit und Stress-Resistenz noch etwas zulegen müssen.

Party pur! Rot-Weiss Essen steht im Achtelfinale des DFB-Pokals
Party pur! Rot-Weiss Essen steht im Achtelfinale des DFB-Pokals © Imago

SPORT1: Das heißt konkret?

Uhlig: Wenn man einen Kader mit 25, 26 Spielern hat, dann musst Du als Trainer von Rot-Weiss Essen in der Lage sein, auch ganz bestimmte Prozesse zu moderieren, zum Beispiel sieben, acht Spielern zu sagen, dass sie auch mal gar nicht im Kader sind. Das können Spieler sein, die bei jedem anderen Verein spielen würden und Stammspieler wären. Das sind alles Dinge, die in der alten Saison einfach noch nicht rund gelaufen sind, trotz aller Qualität und trotz der Tatsache, dass wir auch damals schon von der Stelle gekommen sind. Es war schließlich nicht so schlecht zum Saisonende hin. Woran es aber gelegen hat, dass uns in der zurückliegenden Spielzeit nicht der ganz große Wurf gelungen ist, haben wir klar analysiert.

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SPORT1: Wie überlebenswichtig wäre ein Aufstieg für RWE?

Uhlig: Überlebenswichtig nicht, aber es wäre in der Tat eine tiefe Befriedigung und die Erfüllung einer großen Sehnsucht von unseren Anhängern in der Stadt und in der Region. Man kann sich als Außenstehender nicht richtig vorstellen, was hier passiert, wenn wir aufsteigen. Das wäre eine Explosion der Gefühle. Auf der anderen Seite möchte ich jetzt aber nicht sagen, dass wir aufsteigen müssen. Wir wollen natürlich schon hoch. Es können in dieser besonderen Saison noch so viele Dinge passieren. Wenn uns der Aufstieg nicht gelingen sollte, dann können wir den Verein so aufstellen, dass wir im nächsten Jahr wieder angreifen. Wir sind jetzt aber schon gute Schritte gegangen und es wäre für uns ein überragendes Gefühl, diesen Verein wieder in die vorderste Reihe zu bringen.

"...auch mal ein bisschen zu provozieren"

SPORT1: Wie nahe war der Klub an der Insolvenz?

Uhlig: Das Wort Insolvenz kennt man in Essen. Die gab es bereits zu Beginn dieses Jahrzehnts. Daraus hat der Klub sich gut entwickelt und ist gestärkt herausgekommen. Corona hat zunächst einen großen Schaden angerichtet, weil uns unsere Haupteinnahmequellen genommen worden sind. Was dann aber passiert ist - durch viele kreative Maßnahmen und durch einen überragend hohen, fast einstimmigen Rückerstattungs-Verzicht bei Fans und Sponsoren, das hat großen Schaden abgewendet. 94% haben auf Rückzahlungen aus der letzten Saison verzichtet. Dann kam das Unterstützungspaket aus der Politik dazu und unsere Qualifikation für den DFB-Pokal, in dem wir jetzt schon zwei Runden überlebt haben. All diese Dinge haben dafür gesorgt, dass RWE einigermaßen Corona-kompatibel durch die Zeit gekommen ist.

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SPORT1: Beschreiben Sie sich doch mal. Sind Sie der Aki Watzke von RWE?

Uhlig: Nein (lacht). Ich sehe mich als Person, die maximal den Sport in den Vordergrund stellt. Ich versuche immer, alles rund um die Mannschaft stark zu machen und dafür zu sorgen, dass im Sport die Dinge in die richtige Richtung laufen. Wenn das gelingt, geht es allen im Verein gut. Ich bin sehr pragmatisch veranlagt, bin sicherlich kein Theoretiker und ich glaube, dass ich genug Empathie mitbringe, den Fußball und im Besonderen auch den Fußball im Ruhrgebiet zu verstehen.

BVB-Boss Hans-Joachim Watzke war schon immer ein Mann der klaren Worte
BVB-Boss Hans-Joachim Watzke war schon immer ein Mann der klaren Worte © FIRO/FIRO/SID

SPORT1: Schauen Sie sich bei Herrn Watzke etwas ab?

Uhlig: Zur richtigen Zeit in der Öffentlichkeit mal klare Worte aussprechen, auch mal ein bisschen die Dinge zu überspitzen beziehungsweise auch mal ein bisschen zu provozieren. Das alles macht Herr Watzke so gut wie kein anderer. Da kann ich mir sicherlich das eine oder andere abschauen. Ich würde mich jetzt aber nicht unbedingt als Alphatier bezeichnen, auch wenn ich in den vergangenen Monaten medial sehr präsent war.

SPORT1: RWE ist ein schlafender Riese. Was ist möglich, wenn der Aufstieg gelingen sollte?

Uhlig: Dann gibt es kein Halten mehr (lacht). Im Ernst: im Erfolg macht man die größten Fehler. Im Erfolg muss man doppelt sorgfältig prüfen, wie man etwas erreichen will und kann. Wenn man da nicht noch genauer, konzentrierter und vielleicht auch noch ungemütlicher ist, dann gehen Dinge schnell in die falsche Richtung. Die Sehnsucht in Essen ist so groß, da wird man die 3. Liga nicht als Endziel, sondern nur als Durchgangsstation sehen. Essen ist die neunt größte Stadt in Deutschland und ich glaube, wenn wir es schaffen RWE so zu etablieren, dass der Klub irgendwann in der 2. Liga spielen kann, wäre das ein großes aber lohnenswertes Ziel. Die 3. Liga wird oft als Todesliga bezeichnet, das sehe ich anders.

SPORT1: Für viele Experten ist der Aufstieg in die 3. Liga extrem schwierig.

Uhlig: Wenn Rot-Weiss Essen von unten kommt und das größte Nadelöhr des deutschen Fußballs, nämlich den Aufstieg aus der 4. in die 3. Liga schafft, dann kann sich dieser Klub so viel Schwung holen. Es gibt jede Menge Menschen und interessante Unternehmen in dieser Stadt, die darauf warten, dass RWE aufsteigt. Wenn uns dieser Aufstieg gelingt, dann wird mit diesem Verein noch einiges möglich sein. Das ist auch das ganz klare Ziel, dass wir perspektivisch haben. Aber trotzdem gilt, wir sollten das Fell des Bären nicht schon verteilen, bevor das Tier erlegt ist.

"Schalke und Dortmund stehen da über den Dingen"

SPORT1: Was passiert nach dem Aufstieg bei RWE im Jugendbereich? Werden dann Duisburg und Bochum angegriffen?

Uhlig: Wir sehen uns hier schon in einem Teich mit Duisburg, Bochum, Düsseldorf und Oberhausen. Schalke und Dortmund stehen da schon über den Dingen. Im Jugendbereich und im Bereich des Nachwuchsleistungszentrums werden wir weiter investieren und versuchen Qualität und Nachhaltigkeit in allen Bereichen zu verbessern, zum Beispiel die Qualität unserer Ausbildung. Dies werden wir aber aufstiegsunabhängig machen, weil ich überzeugt bin, dass ein Verein wie Rot-Weiss Essen mit der DNA und den Voraussetzungen noch viel mehr aus seiner eigenen Jugendarbeit herausholen kann. Damit haben wir vor über einem Jahr angefangen und diesen Weg werden wir weiter gehen.

SPORT1: Es gibt eine große Rivalität zu Schalke 04. Würde Sie ein Abstieg des Vereins freuen?

Uhlig: Als Fußballfan, der mit der Rivalität unserer Vereine etwas anfangen kann, könnte ich ein kleines bisschen Schadenfreude sicherlich nicht verleugnen. Auf der anderen Seite bewerte ich das auch als Funktionär. Dahinter stecken Menschen und natürlich kennt man auch die handelnden Personen auf Schalke. Ich bin mit Arminia Bielefeld selbst schon mal dramatisch abgestiegen und weiß also, wie man sich dann fühlt. Einen Abstieg wünsche ich per se keinem. Ein Verein wie Schalke wird für RWE über Jahre unerreichbar sein. Als Funktionär sage ich, dass uns das keine Vorteile bringen wird, da die ersten beiden Ligen einfach weit weg sind für uns. Schalke ist uns auch im Nachwuchsbereich Jahre voraus. Ich kann aber die Leidenschaft und die Rivalität nachvollziehen.

SPORT1: Was würden Sie tun, wenn Schalke anklopfen würde für Sie?

Uhlig: Das wäre für mich gar kein Thema, wirklich nicht. Für mich hat sich mit dem Beginn bei RWE ein absoluter Kreis geschlossen. Ich bin seit meiner Jugend RWE-Fan. Dass ich jetzt diesem Verein mit Ende 40 vorstehen darf, fühlt sich einfach nur gut an. Ich werde für Rot-Weiss Essen arbeiten, solange man mich lässt. Da gibt es nicht einen Millimeter Raum, um irgendeinen anderen Karriere-Plan zu verfolgen. Ich bin super zufrieden, so wie es ist und von mir aus kann das noch lange so bleiben.

SPORT1: RWE steht im Pokal-Achtelfinale. Was sagen Sie dazu?

Uhlig: Leverkusen oder Frankfurt. Egal, wer es wird, es ist ein super schweres Los. Wir sind der krasse Außenseiter und freuen uns auf das Spiel. Wir haben immer davon gesprochen, dass wir in der dritten Runde einen möglichst "machbaren" Gegner haben wollen. Wir müssen schön demütig bleiben, sind im Achtelfinale und da gibt es sowieso keinen leichten Gegner mehr. Wir werden versuchen, unsere Außenseiter-Chance wahrzunehmen in dem Wissen, dass es noch mal schwerer wird als in den ersten beiden Runden. Wir sind total froh weiter dabei zu sein, werden uns aber erstmal auf die Liga konzentrieren.

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