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Köln - Christian Prokop wählt in der Schlussphase des deutschen Spiels gegen Kroatien ein taktisches Mittel, das zuvor mehrmals gescheitert war. Doch es bringt Erfolg.

Christian Prokop ging am Montagabend volles Risiko.

Er wählte eine Taktik, mit dem die deutsche Handball-Nationalmannschaft nicht nur einmal schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Den Torhüter für einen siebten Feldspieler zu opfern, hatte dem deutschen Team beim krachenden EM-Aus 2018 in Kroatien gegen Spanien endgültig das Genick gebrochen.

Im Vorrundenspiel gegen Serbien bei der WM 2019 sei das Experiment ein "Eigentor" gewesen, gab Bundestrainer Prokop zu.

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Auch die kroatische Mannschaft brachte sich damit am Sonntag gegen Brasilien früh in Bedrängnis, als ein Ball nach dem anderen im leeren eigenen Tor landete.

Und trotz dieser nicht gerade Mut machenden Vorzeichen setzte Prokop im wohl bisher größten Spiel seiner Karriere ("Ein Unentschieden wäre brutal gewesen") und einem der wichtigsten des DHB-Teams der jüngeren Vergangenheit auf die Karte "7 gegen 6" – und wurde belohnt.

Prokops: "Man braucht großes Vertrauen"

Etwa zehn Minuten traf Deutschland im nervenaufreibenden Hauptrunden-Spiel gegen die Kroaten (22:21) nicht ins Tor, aus einem Drei-Tore-Vorsprung wurde ein Rückstand.

Nachdem Prokops erste Auszeit in dieser Phase weitestgehend verpufft war, drückte der Bundestrainer erneut auf den Buzzer – und schickte einen zusätzlichen Feldspieler auf die Platte. Das deutsche Tor war leer, ein Ballverlust wäre folgenschwer gewesen.

"Man braucht großes Vertrauen in sein Team. Dann muss man abwägen, ob man Risiko gehen kann", erklärte Prokop, der die Entscheidung aber aufgrund der deutschen Dürrephase nicht als sonderlich schwierig einstufte.

Und tatsächlich: Deutschland erzielte in den folgenden zwei Angriffen wieder zwei Tore, blieb somit im Spiel und sicherte sich auch wegen des Taktik-Kniffs schlussendlich den Sieg.

"Eigentor" gegen Serbien

Noch gegen Serbien war das "Experiment" fehlgeschlagen. Mit einer klaren Führung im Rücken hatte Prokop die Taktik ausprobiert, die Serben trafen anschließend mehrere Male ins verwaiste deutsche Tore. Pfiffe des deutschen Publikums waren die Folge.

"So ist es natürlich mehr als ein Eigentor", sagte Prokop damals. Er wusste aber auch: "Mit Sicherheit werden wir die Variante mit dem siebten Feldspieler noch einmal brauchen."

Prokop sollte recht behalten.

"Wir müssen uns ja auch selbst vertrauen. Ich glaube, dass die Mannschaft sehr wohl an das 7 gegen 6 glaubt, auch wenn wir das gegen Serbien wirklich schlecht gespielt haben", sagte DHB-Vize-Präsident Bob Hanning bei SPORT1.

Spieler loben Prokops Entschluss

Auch die Akteure spielten die Negativerfahrung herunter und hoben das Vertrauen hervor. "Die Spieler müssen dahinterstehen", sagte Steffen Fäth, der den Ausgleich zum 20:20 in der Überzahlsituation erzielte. Auch wenn das nicht automatisch bedeute, dass die Taktik auch funktioniere.

Doch "gestern haben wir gesehen, dass es im 6 gegen 6 sehr schwer war gegen die Abwehr. Es war dann ein gelungenes Mittel."

"Wir haben das trainiert und wir wissen, was zu tun ist", betonte Fabian Wiede, der für das 19:19 nach Prokops Auszeit gesorgt hatte. Auch Steffen Weinhold sprach von einer guten Entscheidung Prokops.

Prokop beweist kühlen Kopf

Der gereifte 40-Jährige bewies in der hitzigen Atmosphäre kühlen Kopf – nicht nur in dieser Szene. Ruhig und besonnen versuchte Prokop, auf sein Team einzuwirken.

"Ich war relativ cool, weil noch viel Zeit auf der Uhr war", beurteilte er im ZDF die Schwächephase zwischen der 46. und 56. Minute: "Wir hatten heute die Chance, durch eine Tür durchzugehen, was unser Ziel war. Dass da irgendwo ein Druck im Kopf ist, ist ja völlig normal."

Am Ende schaffte die DHB-Auswahl den Schritt durch die Tür – auch, weil es diesmal kein Eigentor gab.

Auch Prokop war erleichtert. "So eine Herausforderung zu bestehen, hatten wir bisher nicht. Da bin ich unheimlich stolz."

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