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CM Punk
CM Punk © WWE
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München - Eben bei WWE RAW wieder kopiert, aber nie erreicht: CM Punks "Pipe Bomb" versetzte die Wrestling-Welt in Aufruhr. Ihr Ziel erreichte sie aber nur bedingt.

Nachgeahmt wurde der grandiose Moment schon öfters, das große Vorbild aber ist unübertroffen geblieben: Als sich CM Punk am 27. Juni 2011 bei WWE Monday Night RAW auf die Einmarschrampe setzte, legte er den vielleicht besten Redebeitrag hin, den es in der Showkampf-Liga jemals gab.

In seiner als "Pipe Bomb" berühmt gewordenen Abrechnung mit WWE-Boss Vince McMahon und seinen Topstars John Cena und Dwayne "The Rock" Johnson ließ der frühere Kultstar die Grenzen zwischen Fiktion und Realität so gekonnt verschwimmen, dass nicht wenige sie für einen unabgesprochenen "Shoot" hielten.

Wie kam es zu der berühmten Promo-Ansprache, welche Folgen hatte sie und inwiefern war wirklich real, was sich der Mann von der Seele redete, der WWE später wirklich im Streit verließ und sich erfolglos als MMA-Kämpfer bei der UFC versuchte?

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- Die Vorgeschichte von CM Punk:

CM Punk (bürgerlich: Phil Brooks) war 2011 seit fünf Jahren im WWE-Hauptkader und keinesfalls erfolglos: Der charismatische, schon als Independent-Wrestler enorm populäre "Straight Edge Superstar" hatte alle Zweifler widerlegt, die ihm keine Chance auf eine größere WWE-Karriere gegeben hatten.

Doch obwohl Punk dreimal den World Title halten durfte, war er nicht zufrieden: Er erwog ernsthaft seinen Abgang nach Auslauf seines Vertrags im Juli 2011. Er wollte mehr Geld, vor allem aber mehr Anerkennung: Er wollte als noch größerer Star präsentiert werden. Sein Standardspruch, er sei "The Best in the World" entsprach auch hinter den Kulissen seinem Selbstbild.

Der Vertragsstreit schien unlösbar und das Kreativteam bekam auch schon mitgeteilt, dass Punk WWE verlassen würde. Insofern war es eine dicke Überraschung, was dann geschah.

- Die Pipe Bomb bei WWE RAW:

Am Ende der RAW-Ausgabe am 27. Juni in Las Vegas (wo Rollins diese Woche auch seine Quasi-Hommage vortrug), kostete Punk John Cena sein Match gegen R-Truth und griff dann zum Mikrofon.

Er beklagte, dass Cena bei WWE als Maß der Dinge, als Topstar, als Bester der Welt dargestellt würde. Er möge Cena als Person eigentlich, aber das einzige, was er besser können würde als er, wäre den Arsch von Boss McMahon zu küssen, ganz genau wie The Rock. Es mache ihn krank, dass Cena und Rock als Topstars von WWE vermarktet würden und er nicht - deswegen würde er WWE verlassen.

Zielscheiben der "Pipe Bomb" (v.l.): The Rock, Vince McMahon, John Cena
Zielscheiben der "Pipe Bomb" (v.l.): The Rock, Vince McMahon, John Cena © Getty Images

Punks giftige Anklage war garniert mit Tabubrüchen: Er erwähnte Brock Lesnar und seinen Förderer Paul Heyman, die WWE damals verlassen hatten. Er nannte die Ligen Ring of Honor und NJPW als potenzielle nächste Ziele beim Namen.

Er rechnete mit McMahon ("He's a millionaire who should be a billionaire") persönlich ab, warf ihm vor, sich mit Ja-Sagern zu umgeben und schloss gar damit, dass dieser irgendwann sterben und auch nichts besser würde, wenn er die Firma an Tochter Stephanie und Schwiegersohn Triple H vererben würde. Letztlich wurde Punk das Mikrofon abgedreht, die Sendung endete.

Das Wort "Pipe Bomb", als welche die Rede später bekannt werden sollte, fiel damals übrigens gar nicht. Erst bei einem späteren Auftritt formulierte Punk seinen berühmten Satz: "In anybody else's hands, this is just a microphone, in my hands, it's a pipe bomb." ("Für jeden anderen ist es ein Mikrofon, in meinen Händen ist es eine Rohrbombe.")

- Der Einschlag:

Nach allem, was man weiß, war Punk zum Zeitpunkt der "Pipe Bomb" tatsächlich unverändert entschlossen, WWE zu verlassen. Er bekam dennoch die Gelegenheit, seinen realen Frust in einer selbstgeschriebenen Ansprache zu kanalisieren - und McMahon ließ ihm fast jeden Tabubruch durchgehen, um die besondere Anmutung und Schockwirkung des Segments zu steigern.

Es erwies sich als geschickter Schachzug der WWE-Führung: Die Aktion sorgte für so großes Aufsehen und eine solche Dynamik, dass Punk und WWE letztlich doch (vorerst) wieder zusammenfanden.

Punk willigte ein, das nun logische Match gegen WWE-Champion Cena bei Money in the Bank am 17. Juli 2011 noch zu bestreiten. Und in einem perfekt inszenierten Duell in Punks Heimatstadt Chicago gewann Punkt dort auch den Titel. Sein Sieg und die damit verbundene Vertragsverlängerung soll praktisch in letzter Sekunde zwischen ihm und McMahon ausgedealt worden sein.

- Die Langzeitfolgen:

Punks Drohung, WWE als Champion zu verlassen, war nach der Verlängerung eine bloße Storyline. Er blieb der Liga erhalten und spielte in den Jahren darauf eine herausgehobene Rolle, regierte 434 Tage als WWE-Champion, bis er den Titel beim Royal Rumble 2013 an The Rock verlor.

Letztlich änderte sich dennoch nichts an der von Punk beklagten Hierarchie: Cena und The Rock waren Headliner von WrestleMania 2012 und 2013 und überschatteten Punk.

Die Hoffnung, dass Punks Karriere als Gegenspieler von McMahon ähnlich abheben würde wie 15 Jahre zuvor die von Stone Cold Steve Austin (bei der Pipe-Bomb-Promo trug Punk ein Austin-Fanshirt), erfüllte sich nicht. Ob Punk schlicht nicht dasselbe Format und Fortune hatte oder ob WWE es falsch anstellte: Darüber darf bis heute gestritten werden.

Anfang 2014 verließ Punk WWE tatsächlich im Frust und lieferte später eine ebenso denkwürdige und diesmal uneingeschränkt reale Abrechnung nach – unter anderem warf er den WWE-Ärzten vor, eine lebensbedrohliche Staphylokokken-Infektion nicht richtig behandelt zu haben. Mittlerweile hat der heute 40 Jahre alte Punk mit WWE, allen früheren Freunden aus der Liga und dem Wrestling an sich komplett gebrochen.

Das Vermächtnis Punks ist ein zwiespältiges: Einerseits hat sein erfolgreiches Gesamtwerk bei WWE vielen Independent-Wrestlern den Weg geebnet, die die Liga sonst vielleicht nie eingestellt hätte (Daniel Bryan, Seth Rollins, Kevin Owens uvm.). Andererseits werden Vince McMahon bis heute immer noch so ziemlich alle Kritikpunkte vorgeworfen, die Punk damals ausformuliert hat.

McMahon hat das zugelassen, weil er wusste, dass er damit etwas in Gang setzte, was am Ende in seinem Sinne war. Trotzdem: Sein Unternehmen führt er bis heute so, wie er es für richtig hält - und nicht so, wie Punk es sich gewünscht hätte.

Die Revolution, die Punk anzetteln wollte, blieb eine unvollendete.

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