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München - Paul Heyman ist der neue Hoffnungsträger hinter den WWE-Kulissen - aber wird er die Freiheiten bekommen, die er braucht? SPORT1 erklärt, was ihn ausmacht.

Am 15. November 2001 hielt Paul Heyman bei WWE eine legendäre Ansprache.

Er warf Vince McMahon, dem Chef der Wrestling-Liga (damals noch WWF) in wüster Art und Weise vor, seine Wrestler zu vergraulen, ihre Träume zu zerstören, aus purem Egoismus. McMahon hätte "Wrestling" zu einem schmutzigen Wort gemacht hat, man könne sich seine Shows nicht mehr angucken: "WWF truly does suck!"

Die rhetorisch brillant vorgetragegen Worte Heymans - der im selben Jahr seine eigene, kultisch verehrte Promotion ECW (Extreme Championship Wrestling) an die WWF verkauft hatte - waren ein "Worked Shoot", eine Showrede, die Realität und Fiktion vermischte (ähnlich wie Kevin Owens diese Woche bei SmackDown). Und sie trafen damals, als die goldene Zeit namens Attitude Era gerade dabei war, ihren Zenit zu überschreiten, den Nerv vieler Fans.

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Und es ist eine Ironie der Geschichte, dass Heyman WWE rund 18 Jahre später nun aus einer ganz ähnlichen Situation befreien soll.

Kann Paul Heyman RAW und WWE retten?

Eingebrochene Geschäftszahlen, sinkende Einschaltquoten im US-Kernmarkt, zahlreiche Fan-Beschwerden über die Qualität der Shows und ein neuer, anscheinend sehr gefährlicher Konkurrent namens AEW: Vor diesem Hintergrund wurden vor zwei Wochen Heyman und der frühere WCW-Boss Eric Bischoff als neue Kreativdirektoren für die Sendungen RAW und SmackDown engagiert.

Es ist vor allem Heyman, auf dem die Hoffnungen vieler Fans ruhen. Der "Advokat" und gute Freund von Superstar Brock Lesnar gilt hinter den Kulissen als geniales Mastermind, dem viele Szenekenner zutrauen, das Schiff auf Kurs zu bringen.

Sein positiver Einfluss war vergangene Woche schon spürbar, während das zweite RAW nach dem Beben schlechtere Kritiken bekam und Fragen aufwarf, ob McMahon Heyman wirklich die nötigen Freiheiten gegeben hat.

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Warum aber genießt Heyman so einen exzellenten Ruf als potenzieller Heilsbringer? SPORT1 erklärt es.

- Gespür für Trends

In seiner langen Karriere, die einst bei WCW als Manager "Paul E. Dangerously" begann, hat Heyman immer wieder bewiesen, dass er ein sicheres Gespür für Trends hat.

Paul Heyman zu Beginn seiner Karriere als WCW-Manager "Paul E. Dangerously"
Paul Heyman zu Beginn seiner Karriere als WCW-Manager "Paul E. Dangerously" © WWE

Heyman stand in den Neunzigern für das Erwachsenwerden des Wrestlings. Während die "Monday Night Wars" zwischen WWF und WCW als die Hochzeit der Branche gelten, war Heyman als Chef und Booker der revolutionären Liga ECW der eigentliche Anstoßgeber für fast alle Ideen, mit denen die WWF WCW schließlich aus dem Feld schlug.

Auch in späteren Zeiten bewies Heyman, dass er die Zeichen die Zeit zu deuten weiß, er sah genau, wie die Popularität der realen Kampfsportliga UFC und der Boom des wrestlerisch hochwertigen Independent-Wrestlings nach der Jahrtausendwende auch WWE verändern mussten. Früher als alle anderen wurde er bei WWE deshalb auch zum großen Förderer von CM Punk, der die lebende Verkörperung der Entwicklung war.

Interessant vor diesem Hintergrund übrigens auch: Heyman hält das Konzept der bösen Autoritätsperson, wie sie zuletzt Vince McMahons Sohn Shane bei WWE darstellte, erklärtermaßen für überholt.

- Exzellentes Handwerk als "Booker"

Die großen Linien sind das eine, die Details das andere: Heyman hat auch nachhaltig demonstriert, dass er das Handwerk als "Booker" - als kreativer Geist hinter Matches und Storys - exzellent beherrscht.

Heyman ist ein in der heutigen WWE oft vernachlässigter Faktor, die Langzeit-Planung, sehr wichtig. Während die WWE-Verantwortlichen der vergangenen Jahre bei der Inszenierung der Fehden meistens von Show zu Show denken scheinen (gerade McMahon soll zuletzt sprunghafter denn je gewesen sein), strich Heyman immer wieder heraus, wie wichtig es ihm ist, schon zu Beginn zu wissen, wie die Geschichte enden soll.

Welch immenses Talent Heyman in Sachen Booking mitbringt, zeigte sich auch in den Jahren 2002 und 2003. In den acht Monaten, in denn Heyman als Head Writer für SmackDown arbeite, machte er die Sekundärsendung von WWE erfolgreicher als die eigentliche A-Show RAW: bessere Quoten, bessere Verkaufszahlen bei Live-Event-Tickets und Merchandise-Artikeln.

- Sinn für Talente und deren Stärken

Heyman Verständnis für Talente und seine Einschätzung von Potenzial gehen tiefer als bei quasi allen anderen Branchenkollegen. Er hat einen Sinn dafür, Wrestler, die auf den ersten Blick kaum Starpotenzial besitzen, durch neue Gimmick-Ideen oder bestimmte Kniffe zu Relevanz zu führen.

Bei ECW schuf er eine Reihe unvergesslicher Charaktere aus Wrestlern, die anderswo kaum Beachtung fanden: Raven, Taz, den Sandman, Rob Van Dam, Tommy Dreamer, Sabu, The Public Enemy, die Dudley Boyz und viele andere.

Anderen verhalf er zu neuer Blüte, indem er ihnen kreative Entfaltungsfreiheit gab, statt sie in komplett geskriptete Promos zu zwängen. Davon profitierten bei ECW unter anderem Steve Austin und Mick Foley, bevor sie in der WWF in ungeahnter Weise durchstarteten.

Heymans breite Wertschätzung unter Kollegen beruht auch darauf, dass er keinen bestimmten Wrestlertyp zu bevorzugen scheint: Edeltechniker wie Eddie Guerrero, Kurt Angle oder Chris Benoit waren bei ihm in guten Händen, aber eben auch beeindruckende "Big Men" wie 911, Lesnar oder Big Show. Heyman erkannte bei allen die Stärken und kehrte sie hervor, während er die Schwächen versteckte, so gut es ging.

Auch in den vergangenen Jahren half Heyman bei WWE ausgewählten Talenten, Beispiele dafür sind neben Lesnar Alexa Bliss, Ronda Rousey oder aber auch die gerade im Aufbau befindliche SmackDown-Hoffnung Aleister Black.

In seiner neuen Rolle kann Heyman seinen Einfluss nun erweitern: Im überfüllten WWE-Kader steht eine Reihe von Talenten ohne sinnvolle Aufgabe und TV-Zeit da - Heymans Vorgeschichte wird da vielen Talenten und schlecht eingesetzten Wrestlern Hoffnung geben.

Vielleicht noch entscheidender: Obwohl der Kader in seiner Breite vielleicht das größte qualitative Potenzial aller Zeiten hat, stechen gerade nur wenige erfolgreiche "Main Eventer" hervor, die Zugwirkung entfalten. Heyman ist zuzutrauen, sie zu entwickeln.

- Fazit:

Heyman kann es, er hat es vielfach bewiesen und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass er sein Handwerk verlernt hätte.

Gescheitert ist Heyman in der Vergangenheit aus anderen Gründen, wegen fehlendem Geschäftssinn (ECW war mit über acht Millionen Dollar Verbindlichkeiten letztlich nicht mehr lebensfähig) und bei WWE aufgrund von Konflikten hinter den Kulissen.

Ob diese diesmal ausbleiben, ist die alles entscheidende Frage. Den scheinbar endgültigen Bruch nach dem missratenen und gescheiterten ECW-Revival 2006 haben Heyman und McMahon gekittet, zuletzt verband sie eine gute Arbeitsbeziehung. Aber hält sie auch, wenn der als Kontrollfreak bekannte McMahon und Heyman in der neuen Machtkonstellation aneinander rasseln?

Man kann davon ausgehen, dass, wenn Vince McMahon ihm Freiheiten lässt, es ein positives Ende für alle Beteiligten gibt. Das Risiko eines Konfliktes zwischen den beiden ist dabei allerdings omnipräsent.

Die RAW-Ausgabe diese Woche schien wieder mehr von McMahons Sprunghaftigkeit als von Heymans Sinn für Stringenz geprägt. Startschwierigkeiten oder Vorbote, dass die Sache nicht gut gehen wird? Die kommenden Monate werden spannend zu beobachten sein.

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