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München - Die Handschrift von Ex-ECW-Boss Paul Heyman wird bei WWE Monday Night RAW gut sichtbar - unter anderem mit der Story um Maria Kanellis' Schwangerschaft.

Seit zwei Jahren steht Mike Kanellis bei WWE unter Vertrag, eine gewichtige Rolle bei der weltgrößten Wrestling-Liga war seitdem aber nicht für ihn reserviert.

Dass er und seine Frau Maria Kanellis nun bei der TV-Show Monday Night RAW ins Zentrum rückten, kam also überraschend - zumal es auch die vielbeachtete erste Episode der Flaggschiff-Sendung unter der Regie des neuen Kreativdirektors Paul Heyman war.

Ob Mike Kanellis es sich aber gewünscht hat, auf diese Weise im Mittelpunkt zu stehen? So wie der 34-Jährige ist jedenfalls selten ein Wrestler in einer WWE-Story gedemütigt worden.

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Mike Kanellis blamiert und bloßgestellt

Das Ehepaar Kanellis stand Universal Champion Seth Rollins und dessen Freundin, RAW-Damenchampion Becky Lynch, in einem Mixed-Match gegenüber. Mike wurde von Rollins klar kontrolliert - ehe er schließlich Maria einwechselte und die bizarre Demontage ihres Ehemanns seinen Lauf nahm.

Als Lynch auf Maria losgehen wollte, stoppte Maria sie mit dem Hinweis, dass sie schwanger sei. Kanellis reagierte mit der geschockten Frage, wie das sein könne - was schon Hinweis genug darauf war, dass das WWE-Drehbuch einen anderen Vater als Kanellis vorsieht.

Maria bekräftigte das mit der Ausführung, dass Mike "nicht manns genug" sei, sie zu schwängern - worauf der geschockte Gatte von Lynch in den Ring geschleudert und mit dem Dis-Arm-Her-Griff zur Aufgabe gebracht wurde.

Um die Peinlichkeit zu vollenden, fügte die 37-Jährige unter anderem noch den Hinweis hinzu, dass Lynch (Spitzname: "The Man") der einzige echte Kerl im Ring gewesen sei und sie vielleicht lieber sie hätte bitten sollen, ihr ein Baby zu machen.

Maria Kanellis ist tatsächlich schwanger

Was hinter dem bizarren Plot-Twist steckt? Wie der Wrestling Observer berichtet, erwartet Maria Kanellis tatsächlich gerade ihr zweite Kind von ihrem Mann, der in Wahrheit Mike Bennett heißt (den Mädchennamen seiner Frau gaben ihm die WWE-Autoren 2017, um zu unterstreichen, wer in der WWE-Fiktion die Hosen in der Ehe anhat).

Was ebenfalls wichtig zu wissen ist: Mike und Maria haben erst kürzlich einen neuen Fünf-Jahres-Vertrag bei WWE unterschrieben, nachdem sie kurz zuvor vergeblich um ihre Entlassung gebeten hatten. Auch wenn manche Fans vermuteten, dass das Segment Kanellis‘ Karriere beerdigen sollte: Das Ziel ist offensichtlich ein anderes. Aber welches?

Paul Heyman inszeniert bei ECW ähnliche Story

Wer das Wrestling-Geschäft verfolgt, erkennt bei der Story klar die Handschrift von Heyman, der bei seiner Ex-Liga ECW schon vor über 20 Jahren eine größere Story um eine Schwangerschaft strickte - bevor WWE und WCW mit ähnlichen Einfällen nachzogen.

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Im Zentrum stand damals Beulah McGillycutty, die heutige Ehefrau von ECW-Star Tommy Dreamer - die im Mittelpunkt von dessen legendärer Fehde gegen den an Grunge-Stars wie Kurt Cobain angelehnten Raven stand.

Die Geschichte endete damals damit, dass die Schwangerschaft als Fake enthüllt wurde und dass Beulah Dreamer mit einer Frau betrog, Ravens Begleiterin mit dem sprechenden Namen Kimona Wanalaya ("Come on, I wanna lay ya" - "Ich will dich flachlegen"). Dreamers zum geflügelten Wort gewordene Reaktion: "I'll take them both, I'm hardcore!"

Bei ECW vergnügte sich Tommy Dreamer mit Beulah (l.) und Kimona
Bei ECW vergnügte sich Tommy Dreamer mit Beulah (l.) und Kimona © WWE

Mehr "Attitude", weniger "PG"

Beim vorwiegend männlichen und jungen Publikum kamen diese sexuell aufgeladene Macho-Unterhaltung gut an (es war lange vor #MeToo). Für Heyman war die Story Mittel zum Zweck, Aufmerksamkeit zu generieren und ein erwachsenes Kontrastprogramm zu den damals noch auf Jugendschutz bedachten WWE und WCW zu bieten.

Bei WWE hat er offensichtlich ähnliche Ideen im Sinn, es fiel auch auf, dass bei RAW Schimpfwörter wie "Shit" und "Bitch" fielen und nicht zensiert wurden - in den vergangenen Jahren war WWE mehr oder weniger strikt darauf bedacht, Jugendschutz-Standards einzuhalten, um für ihre Fernsehshows in den USA ein entsprechendes "PG Rating" zu bekommen.

Rund 20 Jahre nach der legendären, keineswegs jugendfreien Attitude Era experimentiert WWE nun wieder damit, die Grenzen zu dehnen. Zu sehen war das auch bei der nun vom früheren ECW-Boss verantworteten Dienstagsshow SmackDown, bei der Champion Kofi Kingston Rivale Samoa Joe den Stinkefinger zeigte.

Stilbruch auch bei Braun Strowman und Bobby Lashley

Auch sonst fielen beim ersten RAW der Ära Heyman Veränderungen auf, die das offensichtliche Ziel haben, auf zuletzt vielfach geäußerte Fan-Kritik zu reagieren und die in den USA zuletzt schwächelnden Quoten zu verbessern - durchaus auch solche, die nicht auf schnelle und eher oberflächliche Effekte zielen.

So ging RAW zum Beispiel nicht mit einem langen Rede-Segment los, sondern mit Ring-Action in Form des Gigantenduells zwischen Braun Strowman und Bobby Lashley, mit einem spektakulären Ende, bei dem Strowman und Lashley durch den LED-Eingang krachten.

Auch wie lange WWE das Segment wirken ließ, mit zahlreichen Zeitlupen und anschließenden Updates über den Zustand der beiden, war in dieser Konsequenz neu und wird dem auf Story-Stringenz und Langzeitplanung bedachten Heyman zugeschrieben.

Sinkt der Stern von Baron Corbin und Lacey Evans?

Aufmerksam registriert wurde auch, dass Heyman bei RAW den Fokus auf die bei Ligachef Vince McMahon hoch im Kurs stehenden, bei Fans wegen ihrer begrenzten Fähigkeiten im Ring aber umstrittenen Baron Corbin und Lacey Evans spürbar herunterfuhr.

Pfleglich behandelt wurden dafür zum Beispiel Könner wie Ricochet, Cesaro oder auch die debütierenden Street Profits (Angelo Dawkins und Montez Ford), die dem einstigen ECW-Kultteam The Public Enemy nicht unähnlich sind und bei RAW kaum zufällig auf Heyman getroffen sein werden.

Heymans Handschrift bei RAW ist schon sichtbar und es sieht so aus, dass der schon im Dezember von WWE versprochene, aber nicht richtig eingehaltene "Neustart" diesmal ein echter werden könnte - wenn er denn auch von den Fans dauerhaft so angenommen wird.

Die ersten Quoten-Signale sind positiv: Heymans erstes RAW verzeichnete in den USA einen Anstieg von 9,7 Prozent, auffällig vor allem, dass es Heyman gelang, das Zuschauerinteresse zwischen der ersten und der zweiten Stunde von 2,47 auf 2,68 Millionen zu steigern. Zuletzt war der Trend immer in die andere Richtung gegangen. Ermutigend auch: Vor allem die junge Zielgruppe unter 20 blieb in weit höherem Maß dran.

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