Der "Tiger" mit Herz und Seele

Der "Tiger" mit Herz und Seele

Unser Kolumnist Ben Redelings blickt wöchentlich auf die kuriosesten, lustigsten und unterhaltsamsten Highlights der Ligageschichte zurück.
Nach 25 Jahren verlässt Hermann Gerland den FC Bayern, weil es in Julian Nagelsmanns Trainerstab keinen Platz für ihn gibt. Wird es ein großer Verlust für den Rekordmeister?
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Ben Redelings
von B. Redelings
am 20. Mai

Wie Hermann Gerland wirklich tickt? Ein Weltmeister von 2014 kann da seine ganz eigene Geschichte erzählen.

Eines Tages fuhr Georg Schwarzenbeck, genannt "Katsche", auf dem Trainingsgelände der Bayern an der Säbener Straße vor.

Die Bayern-Legende hatte sich nach der Karriere selbstständig gemacht und führte damals einen Laden für Schreibwarenbedarf. Einmal in der Woche belieferte Schwarzenbeck in dieser Zeit den FC Bayern. Auch an diesem einen, eigentlich ganz gewöhnlichen Mittag, als er auf Hermann Gerland traf.

Hermann Gerland verlässt den FC Bayern
Hermann Gerland verlässt den FC Bayern

Der scheidende Co-Trainer des Rekordmeisters erinnert sich: "Da kommt der Katsche mit seinem kleinen VW an die Säbener Straße und bringt seine Büroartikel mit. Und da sehe ich, wie ein Spieler achtlos an ihm vorbeiläuft. Ich pfeife und rufe: 'Halt. Stopp!' Guckt der mich an und fragt: 'Was ist los?' Da sage ich: 'Junge, du hast zu grüßen! Der ist Weltmeister und zigmal Deutscher Meister geworden.'"

Schweinsteiger wollte seine Medaille verschenken

Der "Junge" ist Bastian Schweinsteiger gewesen. Später wird er selbst Weltmeister und mehrmaliger Deutscher Meister sein. Doch an diesem Tag ging er einfach nur zurück und grüßte das frühere Bayern-Idol Katsche Schwarzenbeck, genau so, wie Hermann Gerland es ihm gesagt hatte.

Einige Jahre später erzählte dann genau dieser "Tiger" Gerland selbst einmal voller Rührung eine Geschichte über den Weltmeister von 2014: "Nach dem Finale in der Champions League kam Bastian Schweinsteiger an und wollte mir seine Medaille schenken. Und warum? Weil er dachte, ich würde als Co-Trainer keine eigene bekommen." In diesem Moment schloss sich der Kreis.

Hermann Gerland ist ein Besessener. Schon immer gewesen. Er liebt und arbeitet den Fußball. Damals als Profi des VfL Bochum war er ein unangenehmer Gegenspieler für jeden Stürmer.

Der dribbelstarke Willi "Ente" Lippens hat einmal sein Leid geklagt: "Immer wenn ich Hermann gesehen habe, habe ich gesagt: 'Guck mal, da kommt Quasimodo!' Wenn der seinen Buckel machte und abging wie ein Pfeil. Den habe ich an der Mittellinie umspielt, bis zum Sechszehner viermal, der war immer wieder da. Beim fünften Mal hat er mir dann den Ball abgenommen."

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Scholl hätte gerne gegen Gerland gespielt

Ein späterer Bayern-Star wollte die Geschichten von früher nicht recht glauben – doch da kannte er Gerland schlecht: "Mehmet Scholl sagte: 'Tiger, gegen dich hätte ich gerne gespielt.' Mehmet, hab' ich gesagt, das kann ich mir nicht vorstellen."

Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass irgendeiner gerne gegen mich gespielt hat." Das hört sich großkotziger an, als es ist, denn Gerland war immer enorm selbstkritisch: "Wenn ich mal im Training umspielt wurde, habe ich die ganze Woche gedacht: Hermann, wie kannst du so einen Zweikampf verlieren. Das gibt es doch überhaupt gar nicht!"

Damals in Bochum hat Gerland viel für das spätere Leben mitgenommen. Die Jahre an der Castroper Straße waren dadurch geprägt, dass da eine "echte Mannschaft" (Gerland über seine Kameraden) auf dem Platz stand. Eine Truppe, die füreinander einstand, und diese Gemeinschaft auch abseits des grünen Rasens lebte: "Wenn ein Spieler bei uns vor dem Training in die Kabine kam, dann war es selbstverständlich, dass er die anderen mit Handschlag begrüßt und nicht nur irgendwelche Worte in die Runde geschleudert hat." Auch nach einer Niederlage, so erinnert sich Gerland, konnten sich alle in die Augen sehen, weil jeder wusste, "der andere hat alles gegeben".

Ribéry schwärmte für den "Tiger"

Nach 14 Jahren als Spieler und Co-Trainer beim VfL Bochum wechselte Hermann Gerland 1986 auf den Posten des Cheftrainers. Als ihn daraufhin der langjährige Geschäftsführer Otto Stratemeier von einem Tag auf den anderen plötzlich mit "Herr Gerland" anredete, packte sich "Tiger" Hermann ob so viel Förmlichkeit nur an den Kopf: "Otto, sag mal, bist du eigentlich bescheuert?" Ein typischer Gerland-Spruch. Gerade heraus und grundehrlich.

Die FAZ hat ihn einmal als "Hauptfeldwebel mit Herz" bezeichnet. Sicherlich keine ganz schlechte Beschreibung des Typen Hermann Gerland, den Thomas Müller unlängst als seinen Lieblingstrainer bezeichnet hat. Unvergessen in diesem Zusammenhang natürlich die herrliche Parodie des Wieder-Nationalspielers damals nach dem Pokalfinale in Berlin, als er den einzigartigen Lispel-Laut Gerlands perfekt imitierte.

Auch Franck Ribéry schwärmte vom Ur-Bochumer: "Ich mag diese Tiger. Super Typ. Ich glaube, alle mögen den Tiger. Guter Mensch, macht immer Spaß." Und in der Tat: So knochig und knurrig Hermann Gerland manchmal rüberkommen mag, sein Spitzbuben-Lächeln, sein Schalk und sein Sinn für Spaß werden weithin geliebt. So wie einst an einem Abend in seiner Heimatstadt, als der "Tiger" sich noch vor Beginn einer Veranstaltung bereits in Topform präsentierte.

Der "Tiger" mit Herz und Seele

Denn ohne Vorwarnung stand Hermann Gerland damals in trauter Runde plötzlich von seinem Sitzplatz auf, riss sich die Jeanshose herunter und lächelte schelmisch. Dann richtete er den Zeigefinger auf seine Boxershorts und meinte zu seinem besten Freund und früheren Mannschaftskameraden Michael Lameck: "Ata, lies mal vor, wat da steht. Die hab' ich zum Geburtstag bekommen!"

Michael Lameck, der Rekordspieler des VfL Bochum, den alle nur "Ata" rufen, weil ihn seine Mutter früher nach dem Spielen auf der schwarzen Asche mit dem Scheuermittel in der Badewanne wieder rein schrubbte, beugte sich zum Schritt seines ehemaligen Mannschaftskameraden hinunter und las zur Begeisterung der Leute vor, was auf den Boxershorts des wunderbaren Hermann Gerland stand: "Trainer-Stab". Ohne Worte!

Und ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken, legte Ata Lameck nach und meinte trocken mit einem Grinsen im Gesicht zu seinem Freund: "Hermann, aber bei dir doch höchstens Trainer-Stäbchen!" Gerland schüttelte nur den Kopf und lachte. Spaß versteht er, dieser "Tiger" mit Herz und Seele – keine Frage!

Ben Redelings wurde 1975 im Flutlichtschatten des Bochumer Ruhrstadions geboren und ist Experte für die unterhaltsamen Momente des Fußballs. Das Buch zur SPORT1-Serie ist ein gern gelesener Bestseller: "Best of Bundesliga: Die lustigsten Legenden des deutschen Fußballs". Als SPORT1-Kolumnist schreibt Ben regelmäßig über die "Legenden des Fußballs" und "Best of Bundesliga".