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Der ewige Streitfall Pavard

Der ewige Streitfall Pavard

Benjamin Pavard sieht sich innerhalb der französischen Nationalmannschaft Kritik ausgesetzt. Es ist die jüngste Entwicklung in einem ewigen Streitfall, der sich rund um die Frage dreht: Wo ist Pavards Platz in der Fußball-Welt?
Angeblich zweifeln Mitspieler von Benjamin Pavard an dessen Qualität. Beim FC Bayern kommt der Verteidiger diese Saison bislang nicht richtig in Tritt.
Lukas von Hoyer
von Lukas von Hoyer
14.10.2021 | 20:06 Uhr

Als Benjamin Pavard im Sommer 2019 zum FC Bayern wechselte, da brachte er eine bemerkenswerte Titelsammlung mit, die einzigartig sein dürfte: Zweitligameister mit dem VfB Stuttgart 2017 und Weltmeister mit Frankreich 2018 - jeweils als Stammspieler.

Es ist dieser Spagat zwischen zwei Fußball-Welten, der den Franzosen noch heute verfolgt. Viele sehen einen Verteidiger mit dem Format Weltklasse in ihm. Und manche sagen, dass Pavard irgendwie immer Mitschwimmer war, ohne selbst die ganz großen Qualitäten zu haben.

Ein ewiger Streitfall, der vielleicht nie so aktuell war wie jetzt.

Sagnol: Pavard „nie schlecht, ohne sehr gut zu sein“

Der Grund dafür ist ein Wutausbruch von Paul Pogba, der sich gegen Pavard, seinen Teamkollegen in der französischen Nationalmannschaft richtete. Er hatte ihn lautstark angepflaumt, was von TV-Kameras festgehalten wurde. Auch bei der EM hatte es zuletzt Zoff zwischen den beiden gegeben. Der damalige Anlass: Pavards Defensivverhalten.

L‘Equipe machte daraufhin ein vorübergehendes Fass voll mit Kritik an Pavard wieder auf und berichtete, dass praktisch alle Teamkollegen von Pavard bei der Equipe Tricolore nicht sonderlich überzeugt von den Fähigkeiten des 25-Jährigen seien.

Bei der EM hatte sich diese Entwicklung angedeutet. Damals hatte sich auch der ehemalige französische Nationalspieler Willy Sagnol mit Kritik zu Wort gemeldet. “Pavard hat mich enttäuscht“, sagte er in einem Interview mit der L‘Equipe: „Er ist ein Spieler, der normalerweise nie schlecht ist, ohne sehr gut zu sein. Diesmal hatte er in allen Bereichen große Schwierigkeiten.“

Pavard mit starker Triple-Saison in München

Nie schlecht, ohne sehr gut zu sein. Ein Satz, der sinnbildlich für die Wahrnehmung Pavards in der Fußball-Welt steht. Bei der WM 2018 spielte er eine überraschende Rolle als Rechtsverteidiger - und er spielte sie inklusive eines Traumtors sehr gut. Ein Turnier, das Pavard in wenigen Wochen zu einem Shootingstar werden ließ.

Eine Performance, die den FC Bayern dazu bewegte, 35 Millionen Euro nach Stuttgart zu überweisen. In München wurde der Transfer von Beginn an mit gemischten Gefühlen betrachtet. Nach gut zwei Jahren kann man wohl konstatieren, dass sich dieses Phänomen nicht geändert hat. Zuletzt war sogar ein Plakat in der Allianz Arena zu entdecken, das eine deutliche Aufschrift hatte: „Pavard = Kreisliga!“(NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

FC Bayern: Benjamin Pavard musste in letzter Zeit viel Kritik einstecken.
FC Bayern: Benjamin Pavard musste in letzter Zeit viel Kritik einstecken.

In der Triple-Saison 2019/20 zeigte Pavard größtenteils starke Leistungen. Er pendelte zwischen Innenverteidigung und der Position des rechten Verteidigers. Er war 92-mal pro 90 Minuten am Ball und gewann 57 Prozent der Zweikämpfe - ein guter Wert für einen Außenverteidiger. Außerdem sammelte er acht Scorerpunkte. Viermal traf er selbst und vier Tore legte er auf.

Im Finale der Champions League sah er dann aber die gesamten 90 Spielminuten von der Bank zu. Im wichtigsten Spiel der Saison setzte der damalige Bayern-Coach Hansi Flick auf Joshua Kimmich auf der rechten Position in der Viererkette. Ein Wendepunkt?

Nagelsmann wünscht sich modernen Rechtsverteidiger

Denn seitdem geht es mit den Leistungen von Pavard bergab. In der Saison 2020/21 wirkte Pavard dann fast ausschließlich auf der rechten Defensivseite. Kimmich rückte auf die Sechs. Defensiv machte er seine Sache zumeist solide, doch offensiv konnte er kaum für Unterstützung sorgen. In 24 Bundesligaspielen erzielte er kein Tor und konnte auch keinen einzigen Assist verbuchen. Mittlerweile ist er seit Juni 2020 ohne Torbeteiligung.

Eine Statistik, die auch bei der aktuellen Kritik interessant ist. Immerhin soll sich Pogba über mangelnde Unterstützung von Pavard beschwert haben. Und auch dem neuen Bayern-Coach Julian Nagelsmann machte die rechte Seite von Beginn an Sorgen.

Nach SPORT1-Informationen pochte der 34-Jährige seit seinem Amtsantritt auf die Verpflichtung eines offensiveren Rechtsverteidigers. Einem vom Format Alphonso Davies, der die linke Seite des deutschen Rekordmeisters beackert. Er wollte einen modernen Außenverteidiger, der hoch und runter sprintet, Flanken schlägt, selbst abschließt, gelegentlich trickst und bei aller Mobilität trotzdem zweikampfstark ist.

Ein Typ Außenverteidiger, dessen Beschreibung eben nicht auf Pavard zutrifft, der nicht so schnell, wendig und schlichtweg wenig modern auf dieser Position daherkommt.

Pavard spielt lieber in der Innenverteidigung

Pavard selbst fühlt sich auf außen auch nicht mehr so wohl, wie das womöglich noch bei der WM 2018 war. Er „spiele lieber in der Innenverteidigung“, verriet er im April SPORT1: „Ich sehe mich insgesamt aber als defensiv denkenden Spieler, der flexibel einsetzbar ist. Ich glaube, dass das für einen Trainer sehr wichtig und hilfreich ist, dass ich in der Abwehr auf allen vier Positionen spielen kann.“

Moderne Spieler müssen flexibel sein, damit hat Pavard recht. Das predigt nicht zuletzt sein Trainer Nagelsmann Woche für Woche. Doch in der Innenverteidigung hat er in München starke Konkurrenz. Sowohl Dayot Upamecano als auch Niklas Süle dürften derzeit einen besseren Stand unter Nagelsmann haben.

Auch Lucas Hernández steht beim Bayern-Coach höher im Kurs. Die sportliche Zukunft von Pavards Landsmann ist aber ungewiss, nachdem ein Gericht in Madrid eine sechsmonatige Haftstrafe gegen Hernández angeordnet hat.

Dass Pavard derzeit nicht allererste Wahl ist, kann aber auch damit zu tun haben, dass er zu Saisonbeginn mit einer Verletzung am Sprunggelenk ausfiel.

Seinen Wunschspieler für die rechte Seite bekam Nagelsmann nicht. Das könnte sich jedoch bereits im Winter ändern. Und was wird dann aus dem ewigen Streitfall?

Nach 100 Tagen im Amt steht die erste Bilanz für Bayern-Trainer Julian Nagelsmann an. Bisher präsentiert sich der 34-Jährige fast nur von seiner erfolgreichen Seite.
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Nagelsmann Bilanz nach 100 Tagen: Viel top, ein bisschen flop

Verliert Pavard seinen Stammplatz gleich doppelt?

Fakt ist, dass die Leistungen von Pavard nicht mehr so eindrucksvoll sind wie rund um die Jahre 2018 und 2019. Wenn sich das nicht bald ändert, könnte seine Zeit in München durchaus dem Ende entgegengehen - auch wenn sein Vertrag noch bis 2024 läuft. Denn ein Stammplatz ist dann nicht mehr in Sichtweite.

Pavard könnte auch seinen Stammplatz in der französischen Nationalmannschaft verlieren. Nationaltrainer Didier Deschamps ist zwar ein Fan des Verteidigers, es gilt aber das Leistungsprinzip. Mit dem Leipziger Nordi Mukiele und Léo Dubois von Olympique Lyon stehen Alternativen bereit.

Das Standing Pavards war unterdessen noch nie so, dass er unangefochten war. Das hilft ihm nicht gerade, wenn die Leistungen nicht stimmen. Die gegenwärtige Situation des ewigen Streitfalls wird nach Pogbas verbalem Ausraster ungemütlich.

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