Führung schlägt Taktik, Persönlichkeit schlägt Lautstärke: Erich Rutemöller hat den deutschen Trainerberuf entscheidend mitgeprägt. SPORT1 hat den 80-Jährigen in Köln besucht. Im Exklusiv-Interview erklärt der langjährige DFB-Ausbilder, warum Autorität heute anders funktioniert – und welche Regeln nach wie vor gelten.
Matthäus? "Das ist mir auch ein großes Rätsel"
Matthäus? „Ein großes Rätsel“
Dabei spricht Rutemöller auch über seinen einstigen „Schüler“ Lothar Matthäus, den er zum Trainer ausbildete, und findet klare Worte zur Arbeit von FC-Trainer Lukas Kwasniok.
SPORT1: Herr Rutemöller, Sie waren rund sechs Jahre Berater des Vorstands beim 1. FC Köln. Haben Sie die Trennung vom FC gut verarbeitet?
Erich Rutemöller: Ja. Die Trennung verlief absolut einvernehmlich nach guten Gesprächen mit Ulf Sobek. Ich werde weiter den FC intensiv verfolgen.
Rutemöller: Führungseigenschaften sind entscheidend
SPORT1: Unter Ihrer Leitung haben rund 270 Trainer die Fußballlehrer-Lizenz erworben. Was sind für Sie die wichtigsten Eigenschaften eines erfolgreichen Fußballtrainers?
Rutemöller: Nach all den Jahren sage ich ganz klar: Führungseigenschaften. Fachliche Kompetenz setze ich grundsätzlich voraus. Entscheidend ist, ob ein Trainer in der Lage ist, eine Mannschaft zu führen – in Sieg und Niederlage. Dazu gehört Kommunikation mit den Spielern, die Entwicklung junger Talente und der Schutz vor äußerem Druck, auch vor medialem Druck. Und natürlich die Zusammenarbeit mit erfahrenen Profis – salopp gesagt auch mit Millionären. All das gehört heute zur Führung einer Mannschaft dazu.
SPORT1: Wie definieren Sie Führung im Profifußball? Geht es mehr um Autorität, Motivation, Persönlichkeit – oder um eine Kombination?
Rutemöller: Es ist eine Kombination. Aber den Begriff Autorität höre ich nicht so gern. Ein Trainer darf nicht autoritär sein. Er muss überzeugen können, erklären und begründen, warum er etwas tut. Spieler sind heute kritisch. Früher waren autoritäre Trainer normal, heute wollen Spieler verstehen, warum sie etwas machen – sie spulen Trainingsinhalte nicht einfach nur ab.
SPORT1: Funktionieren klassische Trainertypen wie Felix Magath heute noch?
Rutemöller: Ich möchte das nicht an einzelnen Personen festmachen, auch wenn ich ihn sehr schätze. Aber Doppelrollen wie früher – etwa bei Hennes Weisweiler, meinem Ausbilder an der Sporthochschule, der gleichzeitig Bundesligatrainer und Trainerausbilder war – gibt es heute nicht mehr. Diese Art von Trainertyp existiert so nicht mehr.
SPORT1: Gab es Prinzipien, die Sie in der Trainerausbildung immer wieder betont haben?
„Den Begriff ‚Spielermaterial’ lehne ich grundsätzlich ab“
Rutemöller: Ich hatte das große Glück, in der DFB-Trainerausbildung mit vielen Fachleuten zusammenzuarbeiten – aus Trainingslehre, Psychologie und Sportmedizin. Ich war immer Teil eines Teams, und genau das habe ich den Trainern vermittelt: Teamwork ist entscheidend.
SPORT1: Wie stark prägt ein Trainer seine Mannschaft über Persönlichkeit im Vergleich zur Taktik?
Rutemöller: Taktik ist wichtig, keine Frage. Ein Trainer braucht eine klare Spielidee – den Begriff Philosophie mag ich nicht so gern, der ist mir zu abgehoben. Diese Idee muss zum vorhandenen Potenzial passen. Den Begriff „Spielermaterial“ lehne ich grundsätzlich ab. Es geht um Menschen, um Persönlichkeiten. Und auch hier gilt: Abstimmung im Trainerteam und mit den Spielern – Teamwork auf allen Ebenen.
Rutemöller lehrte einst auch Thomas Tuchel
SPORT1: Welche Eigenschaften werden bei jungen Trainern oft übersehen?
Rutemöller: Es geht um Entwicklungsfähigkeit und Entwicklungsbereitschaft. Als ich Thomas Tuchel im Lehrgang hatte, war er Jugendtrainer in Augsburg. Dass er einmal englischer Nationaltrainer wird, hätte ich damals natürlich nicht gedacht. Generell muss ich sagen: Ich mag solche Typen wie Horst Steffen, die ihren Weg über den Jugend- und Amateurfußball, die zweite und dritte Liga gegangen sind. Direkt nach der Spielerkarriere ganz oben einzusteigen, halte ich für schwierig.
SPORT1: Sie haben Lothar Matthäus zum Trainer ausgebildet. Was war Ihr erster Eindruck?
Rutemöller: Ich denke sehr gerne an diese Zeit zurück. Lothar wollte den Fußballlehrer machen, hatte aber zeitliche Probleme. Ich bekam vom DFB den Auftrag, einen Sonderlehrgang zu konzipieren – dafür brauchten wir sogar die Genehmigung der UEFA. Lothar hat diese Chance überragend genutzt: Hospitationen bei Inter Mailand und Werder Bremen, intensive Mitarbeit im Lehrgang, eine hervorragende praktische Prüfung bei der U19 des 1. FC Köln.
Matthäus „macht seinen Job sehr gut“
SPORT1: Heute ist er ein sehr überzeugender TV-Experte.
Rutemöller: Absolut. Er kennt den Fußball aus dem Effeff, kennt Spieler, Trainer und hat unendliche Partien gesehen – und macht seinen Job sehr gut. Ich freue mich immer über den Austausch mit ihm. Typisch Lothar ist auch sein Humor. Einmal sagte er zu mir, als ich wegen der Hochzeit meiner Schwester eine Einladung absagen musste: „Man heiratet nur einmal im Leben.“ Das war sehr selbstironisch.
SPORT1: Warum wurde Lothar Matthäus nie Bundesliga-Trainer?
Rutemöller: Das ist mir auch ein großes Rätsel. Lothar hatte Stationen im Ausland – in Ungarn, Brasilien, Israel – oft relativ kurz. In Brasilien fühlte er sich nicht wohl. Ob er zu unbequem war oder Vereine gezögert haben, kann ich nicht beurteilen. Schade finde ich es trotzdem. Er ist immerhin Rekordnationalspieler.
Rutemöller bewertet Julian Nagelsmann und Sandro Wagner
SPORT1: Wie sehen Sie die Arbeit von Bundestrainer Julian Nagelsmann?
Rutemöller: Absolut positiv. Julian hat trotz seines jungen Alters enorme Erfahrung gesammelt. Ich beurteile ihn über Spiele, Gespräche, unter anderem seinen Auftritt beim Trainerkongress in Leipzig. Ich sehe ihn als große Chance für den deutschen Fußball, der sich weiterentwickeln muss – und sich über ihn weiterentwickeln kann.
SPORT1: Sandro Wagner scheiterte früh als Cheftrainer in Augsburg. Hat Sie das überrascht?
Rutemöller: Nein. Für mich kam dieser Schritt zu früh. Er hat in Unterhaching gute Arbeit geleistet und als Co-Trainer bei Julian Nagelsmann ebenfalls. Aber der direkte Sprung zum FCA war verfrüht. Auch manche flapsigen Aussagen haben mich gestört – er wollte zu schnell zu viel.
Kwasniok beim 1. FC Köln: „Wichtig ist, dass man sich treu bleibt“
SPORT1: Sie waren Trainer beim 1. FC Köln. Was ist dort besonders herausfordernd?
Rutemöller: Das Medienaufkommen. Sobald es sportlich nicht läuft, entsteht Unruhe. Trainer werden sehr schnell infrage gestellt, auch wenn sie zuvor gute Arbeit geleistet haben. Damit umzugehen, ist enorm anspruchsvoll.
SPORT1: Warum ist Lukas Kwasniok aus Ihrer Sicht der richtige Trainer für den 1. FC Köln?
Rutemöller: Lukas polarisiert ganz gerne, das gehört zu seiner Persönlichkeit. Ich werde ihn nicht an den Pranger stellen. Er hat seine eigene Geschichte mit seiner Familie, als er aus Polen nach Deutschland kam, und er musste sich früh durchsetzen. Wichtig ist, dass man sich treu bleibt, ohne über das Ziel hinauszuschießen. Die Wirkung nach außen darf man nicht unterschätzen – gerade an einem Standort wie Köln.
SPORT1: Worauf kommt es für ihn jetzt besonders an?
Rutemöller: Am Ende ist der sportliche Erfolg entscheidend. Gut, dass der FC zuletzt gegen Mainz gewonnen hat. Gegen Freiburg war die Leistung gut, am Ende stand dennoch eine 1:2-Niederlage. Ich hoffe, dass Ruhe einkehrt und schon gegen Wolfsburg gewonnen werden kann. Außerdem würde ich mir wünschen, dass Kwasniok über den Sommer hinaus FC-Trainer bleibt. Er ist der richtige Trainer für den FC.
Druck, Werte und Verantwortung im Profifußball
SPORT1: Welche Eigenschaften braucht ein Trainer in solchen schwierigen Phasen wie zuletzt beim FC besonders?
Rutemöller: Das hängt vom Typ und vom Umfeld ab. Entscheidend ist intensive Kommunikation – mit den Spielern, im Trainerteam und mit der Vereinsführung. Verantwortung darf nicht auf einer Person allein lasten. Ein Trainer muss erklären, einbinden und gleichzeitig klar führen können.
SPORT1: Wie gehen Trainer generell mit großem Druck um?
Rutemöller: Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Familie, Freunde, Abstand vom momentanen Stress zu finden, Bewegung – ein Lauf im Wald oder die Sauna helfen. Wichtig ist, Niederlagen zu verarbeiten, ohne auszurasten, und im Siegesfall nicht überheblich zu werden.
SPORT1: Welche Rolle spielt ethische Verantwortung im Fußball?
Rutemöller: Eine sehr große. Werte müssen gelebt werden. Diese Schauspielerei im Fußball – Fallenlassen, Provozieren, Zeitspiel – geht mir auf den Keks. Das würde ich in meiner Mannschaft klar ansprechen. Unsportlichkeit darf kein Mittel sein.
SPORT1: Wie sollten Trainer mit Skandalen im Vereinsumfeld umgehen?
Rutemöller: Sie sollten sich informieren, Fakten prüfen und mit Aussagen zurückhalten. Entscheidend ist, solche Themen vom Team fernzuhalten.
Rutemöllers Rat an junge Fußballtrainer
SPORT1: Gibt es Entscheidungen, auf die Sie besonders stolz sind?
Rutemöller: Wenn ich ehemalige Spieler treffe und Wertschätzung spüre, bedeutet mir das viel. Ich wollte immer fördernd und fordernd sein – ich war nie ein Grobian.
SPORT1: Was ist Ihr Rat an junge Trainer?
Rutemöller: Fangt unten an. Arbeitet euch langsam hoch. Sucht euch Mentoren. Bildet euch in allen Fachbereichen weiter. Tauscht euch aus, geht vielleicht auch mal ins Ausland und hinterfragt euch selbst kritisch. Zeichen erkennen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen – das ist entscheidend.