Vor dem Jahreswechsel war daran nicht zu denken gewesen, jetzt hat Borussia Dortmund plötzlich eine neue Stärke: Standardsituationen.
Vom Problem zur Stärke: Hier dreht der BVB plötzlich auf
BVB verblüfft mit neuer Stärke
Seit dem Restart Anfang Januar erzielte der BVB zehn seiner 23 Pflichtspieltore nach ruhenden Bällen – das macht einen beachtlichen Anteil von 43 Prozent aus. Vor der Winterpause waren es 15 von 47 Toren gewesen, was 32 Prozent entsprach.
Das Kuriose an dieser Entwicklung: Die Schwarz-Gelben haben seit dem Jahreswechsel keinen Standard-Trainer mehr. Alex Clapham verkündete Anfang Januar seinen sofortigen Abschied.
BVB: Standards sorgten in der Hinrunde für Diskussionen
Der 36-jährige Brite war im Sommer 2024 unter dem damaligen Cheftrainer Nuri Sahin zum BVB gekommen und brachte seine Expertise für Standards anschließend auch im Trainerteam von Niko Kovac ein.
Doch im Verlauf der Hinrunde der aktuellen Saison hatte es immer wieder Diskussionen um die Dortmunder Schwäche nach ruhenden Bällen gegeben. Speziell nach dem Aus im DFB-Pokal gegen Bayer Leverkusen (0:1), als keine der elf BVB-Ecken für echte Gefahr sorgte, kochte das Thema hoch.
Nach der Trennung von Clapham, dessen Vertrag am Saisonende ohnehin ausgelaufen und nicht verlängert worden wäre, kündigte Kovac an: „Jetzt sind andere gefragt.“
Mehr Standardtore als in der gesamten Vorsaison
Gemeint waren der Kroate selbst und seine Assistenten, da die Stelle nicht nachbesetzt wurde. Und die interne Lösung geht bislang perfekt auf, wie SPORT1 anhand der Opta-Daten von Stats Perform aufzeigt.
Insgesamt erzielte die Borussia in dieser Saison 36 Prozent (25/70) ihrer Pflichtspieltore nach Standardsituationen, darunter allein neun der letzten 15. In der Bundesliga kommt der BVB sogar auf die zweitmeisten Standardtore (19), nur der FC Bayern (20) toppt diesen Wert.
Und apropos FC Bayern: Diesem wurde im vergangenen Jahr schon eine gewisse Schwäche bei Standards nachgesagt - und Ende Februar kommt es in der Liga bekanntlich zum großen Showdown in der Liga. Auch in der Champions League könnten bald zwei Duelle anstehen.
Dortmunds neue Stärke könnte dabei eine entscheidende Rolle spielen.
Und so sehen die bemerkenswerten Zahlen im Detail aus: In der gesamten Vorsaison hatte Dortmund im deutschen Oberhaus lediglich 14 Treffer nach ruhenden Bällen erzielt. Dieser Anteil von 20 Prozent (14 von 71 Toren) war der geringste ligaweit. In der laufenden Bundesliga-Saison liegt dieser Wert bei 40 Prozent, nur vier Vereine weisen einen höheren Anteil auf.
Seit dem Jahreswechsel ist der BVB besonders gefährlich
Seit Beginn des Jahres 2026 lesen sich die Zahlen des BVB noch beeindruckender: In den sieben Bundesliga-Spielen nach der Winterpause erzielte das Kovac-Team schon zehn Standardtore und damit mehr als jeder andere Verein. Vor der Winterpause waren es in 15 Ligaauftritten lediglich neun gewesen.
Vor allem die Dortmunder Eckbälle sind zu einer echten Gefahr für die anderen Bundesligisten geworden: Sechs Tore nach Ecken sind Ligahöchstwert im Jahr 2026, die insgesamt zehn Eckballtore in dieser Spielzeit sind ebenfalls Spitzenwert.
Nach 22 Spieltagen bedeuten die zehn Treffer nach Ecken zudem einen eingestellten Bundesliga-Rekord seit Beginn der detaillierten Datenerfassung 2004/05: Zuletzt waren es bei Borussia Mönchengladbach in der Saison 2023/24 ebenso viele.
Ryerson glänzt als Top-Vorbereiter
Besonders deutlich wurde die neue Standardstärke des BVB am vergangenen Freitag gegen Mainz, als drei von vier schwarz-gelben Toren aus Ecken oder Freistößen resultierten. Im Mittelpunkt stand einmal mehr Außenverteidiger Julian Ryerson.
Der Norweger bereitete alle vier Tore vor – darunter auch die drei nach ruhendem Ball. Seit der Saison 2004/05 hatten zuvor nur Tamas Hajnal für den BVB gegen Frankfurt im November 2008 und Niklas Beste für Heidenheim gegen Darmstadt im Dezember 2023 drei Treffer in einem Spiel durch Standardsituationen vorbereitet.
Ryerson kommt in dieser Bundesliga-Saison auf sechs Vorlagen durch Standards – Bestwert in Europas Top-5-Ligen, zusammen mit Manchester Uniteds Bruno Fernandes. Mit insgesamt elf Assists ist der BVB-Profi zudem der zweitbeste Vorbereiter der Liga nach Bayerns Michael Olise.
Auch in der Champions League setzte Ryerson zuletzt Akzente: Beim 2:0 im Playoff-Hinspiel gegen Atalanta Bergamo steuerte er seine zweite Vorlage in der laufenden Königsklassen-Saison bei.
Kehl: „Wir haben ein paar Sachen umgestellt“
Doch worauf ist die neue BVB-Gefahr bei ruhenden Bällen zurückzuführen? Liegt es nur an Ryerson? Hat es mit dem Abschied von Clapham zu tun?
„Wir haben ein paar Sachen umgestellt und es wäre jetzt unfair, es an einer Person festzumachen“, erklärte Sportdirektor Sebastian Kehl nach dem Spiel gegen Mainz in der Mixed Zone.
Die BVB-Profis führen den Erfolg vor allem auf die Trainingsarbeit zurück. Waldemar Anton betonte, dass die Mannschaft im Wintertrainingslager in Marbella gezielt „Abläufe und Kleinigkeiten“ einstudiert habe.
Lob für Dortmunds Standardschützen
Der Innenverteidiger hob auch die Qualität der Dortmunder Standardschützen hervor: „Es ist immer sehr wichtig, dass der Ball dahinkommt, wo er hinkommen soll, und das machen unsere Standardschützen sehr, sehr gut.“
Top-Vorbereiter Ryerson erklärte, dass das Team zwar Standards trainiere, aber nicht übermäßig. „Wir haben klare Aufgaben. Wenn jeder die erfüllt, wird es gefährlich“, meinte der 28-Jährige.
Fest steht: Die ruhenden Bälle sind aktuell ein echter Erfolgsfaktor des BVB, das unterstreichen die Zahlen eindrucksvoll.