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Formdelle mit Ansage! Hat Leverkusen einen Fehler gemacht?

Der Plan ging nicht auf

Ob Bayer Leverkusen attraktiv spielt oder nicht, hängt oft maßgeblich von der Personalie Alejandro Grimaldo ab. Doch der Spanier hat seine herausragende Form aus der ersten Saisonhälfte verloren.
Bayer-Coach Kasper Hjulmand lobt Alejandro Grimaldo vor dem Champions-League-Duell mit Benfica in höchsten Tönen.
Ob Bayer Leverkusen attraktiv spielt oder nicht, hängt oft maßgeblich von der Personalie Alejandro Grimaldo ab. Doch der Spanier hat seine herausragende Form aus der ersten Saisonhälfte verloren.

Es hat in dieser Saison durchaus Phasen gegeben, in denen Alejandro Grimaldo aus jenen beiden Möglichkeiten, die sich ihm am Mittwochabend in der Schlussphase boten, mindestens einen Scorerpunkt gemacht hätte – vermutlich sogar zwei. Doch im Nachholspiel von Bayer Leverkusen gegen den Hamburger SV zeigte sich einmal mehr, dass der Spanier derzeit ein Stück von jener herausragenden Form entfernt ist, die ihn über weite Strecken der Hinrunde auszeichnete.

Symptomatisch dafür waren zwei Szenen kurz nach dem letztlich entscheidenden 1:0 durch Christian Kofane, als die Werkself eigentlich schon früher hätte nachlegen und alles klarmachen können. In der 77. Minute mündete eine Hamburger Ecke in einen Konter der Leverkusener: Vier Spieler der Gastgeber liefen nahezu unbedrängt auf den einzigen verbliebenen HSV-Verteidiger William Mikelbrencis zu. Grimaldo aber ließ die erstklassige Gelegenheit verstreichen und verlor bereits auf Höhe der Mittellinie den Ball.

Nur eine Zeigerumdrehung später bot sich dem 30-Jährigen die nächste Chance. Nach einem feinen Steckpass von Montrell Culbreath nahm er den Ball im Strafraum im vollen Lauf mit, bekam ihn dann aber nicht sauber genug unter Kontrolle. Beim Abschluss fehlte schließlich die Präzision. Torhüter Daniel Heuer Fernandes baute sich vor ihm auf und parierte. Wieder eine Gelegenheit vertan. Es ist ein Bild, das sich in den vergangenen Wochen häufiger zeigt: Am Einsatz Grimaldos gibt es keinen Zweifel – doch manches will nicht so recht gelingen. Woran liegt das?

Bundesliga: Überragender Saisonstart von Grimaldo

Zur Erinnerung: Als Grimaldo im Juli 2023 von Benfica Lissabon nach Deutschland wechselte, brauchte er nicht lange, um sich zu akklimatisieren. Unter Ex-Trainer Xabi Alonso gehörte er sofort zu den prägenden Figuren und spielte sich zugleich in die spanische Nationalmannschaft, mit der er 2024 Europameister wurde. In Leverkusens Meisterjahr kam er auf zehn Tore und 15 Vorlagen – kein Bayer-Spieler sammelte in der Bundesliga mehr Scorerpunkte, auch nicht Florian Wirtz oder Victor Boniface. Der verdiente Lohn: Grimaldo wurde für den Ballon d’Or nominiert und belegte bei der Wahl Rang 28.

Dieses Niveau konnte er in seinem zweiten Leverkusener Jahr zwar nicht ganz halten, dennoch blieb er ein zentraler Bestandteil der Stammelf. In seiner dritten Saison allerdings legte der nur 1,70 Meter große Linksfuß zunächst noch einmal zu – und wurde zum vielleicht wichtigsten Fixpunkt im stark veränderten Team der Rheinländer. Grimaldo spielte praktisch immer und tauchte überall auf dem Feld auf. Mal besetzte er seine angestammte linke Außenbahn, mal das Halbfeld, mal rückte er ins vordere Zentrum und übernahm dort die Rolle eines klassischen Zehners.

Hinzu kam: Grimaldo ging nicht nur sportlich voran, sondern auch verbal auf dem Platz. Mehrfach trug er sogar die Kapitänsbinde, was ihn zusätzlich anzutreiben schien. Wenn es darum ging, den konstantesten und prägendsten Akteur des Vizemeisters in dieser Saison zu benennen, fiel die Antwort lange eindeutig aus: Grimaldo, der Mann für fast alles. Doch der Dauerstress forderte offenbar seinen Preis, schon vor der Winterpause zeigten sich erste Verschleißerscheinungen. Im Dezember wirkte der Techniker, der kaum Pausen erhielt, weitaus weniger spritzig als gewohnt.

Leverkusen kann nicht auf Grimaldo verzichten

Grimaldo machte einen überspielten Eindruck, leistete sich für seine Verhältnisse ungewöhnlich viele Fehler und strahlte nicht mehr die Stärken aus, die er noch zu Saisonbeginn gezeigt hatte. Körperliche Probleme folgten. Im Dezember musste Trainer Kasper Hjulmand in drei Bundesliga-Spielen hintereinander auf den Spanier verzichten. „Es gab keine Möglichkeit. Wir können bei diesem Spieler kein Risiko eingehen“, sagte der Däne damals: „Grimaldo ist so wichtig für uns.“ Im neuen Jahr, so der Plan, sollte deshalb stärker auf dessen Belastungssteuerung geachtet werden.

Das Problem: Genau das geschah kaum. Auch im Januar und Februar blieben Grimaldo Verschnaufpausen verwehrt. Entsprechend änderte sich an seiner Situation wenig geändert, noch immer wirkt er nicht so frisch. Als Hjulmand zuletzt darauf angesprochen wurde, warb er nur um Verständnis für die Formdelle seines Akteurs: „Er versucht alles, im Training wie im Spiel. Er geht immer wieder an die Grenze, versucht Einfluss auf das Spiel zu nehmen.“ Aber Grimaldo spiele nun einmal jede Partie - und es sei „nicht einfach, alle drei Tage wieder zu pushen.“ Die Mentalität sei jedoch „top, top, top“, stellte Hjulmand heraus.

Gleichzeitig deutet wenig darauf hin, dass sich die Situation bessert. Der Kader gibt schlicht kaum Alternativen her. Jeanuel Belocian, ursprünglich Grimaldos Backup, spielte nach seinem schwachen Auftritt beim 1:4 gegen Stuttgart zum Rückrundenauftakt unter Hjulmand keine Rolle mehr, drängte auf einen Wechsel und läuft inzwischen auf Leihbasis für den VfL Wolfsburg auf. Und weil sich dazu der flexibel einsetzbare Arthur verletzt hat, fehlen Hjulmand aktuell naheliegende Optionen, um die linke Seite zumindest zeitweise anders zu besetzen und Grimaldo die nötigen Pausen zu geben.

Bayer braucht Grimaldo in Top-Form

Um aus diesem Missstand herauszukommen, wird Hjulmand um kreative Ideen nicht herumkommen. Denn klar scheint: Ein überspielter Grimaldo kann seine Qualitäten nicht in dem Maße abrufen, wie es unter gezielter Belastungssteuerung möglich wäre – was sich unweigerlich in den Resultaten widerspiegelt. Zwar gelang Leverkusen in Hamburg zumindest ein Ende des Negativtrends, wirklich glänzend präsentierte sich die Mannschaft allerdings wieder nicht. Seit Grimaldos Formprobleme offenkundig geworden sind, leidet auch die spielerische Linie des gesamten Teams.

Und die Hürden werden nicht niedriger. Am Samstag steht das schwere Gastspiel beim SC Freiburg an, danach warten Mammutaufgaben: die beiden Achtelfinalpartien in der Champions League gegen den FC Arsenal und das Bundesliga-Topspiel gegen den FC Bayern. Gelingt Leverkusen keine spürbare Leistungssteigerung, wird hinterher wohl eine Frage im Raum stehen: War es wirklich klug, Grimaldos Backup im Winter ziehen zu lassen, ohne einen adäquaten Ersatz zu verpflichten?