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Polster: „Alaba ist unser Problemfall“

Polster: „Alaba ist unser Problemfall“

Österreich steht nach zwei Pleiten gegen Israel und Schottland vor dem Aus in der WM-Qualifikation. Bei SPORT1 äußert Toni Polster deutliche Kritik.
Österreich kassierte eine herbe 2:5-Klatsche auswärts gegen Israel. David Alaba betont trotz aller Kritik, dass das Verhältnis zwischen Mannschaft und Teamchef Franco Foda intakt sei.
Reinhard Franke
von Reinhard Franke
am 8. Sept

Die österreichische Nationalmannschaft erlebt in der WM-Qualifikation den nächsten Tiefschlag, unterliegt mit Ex-Bayern-Star David Alaba nach Israel (2:5) auch Schottland mit 0:1. Das ruft die Kritiker auf den Plan.

Im SPORT1-Interview spricht Österreich-Legende Toni Polster über die Situation, kritisiert Foda und nimmt sich Alaba zur Brust.

SPORT1: Herr Polster, wie fühlen Sie sich nach der erneuten Niederlage Ihrer Österreicher gegen Schottland?

Toni Polster: Nicht gut. Das ist sehr enttäuschend. Wir sind alle nicht erfreut über die Art und Weise, wie die Mannschaft gerade auftritt. Die Euphorie, die man bei der EM gesehen hat, wurde leider innerhalb einer Woche verspielt. Dabei war die Hoffnung extrem groß, diese drei Spiele erfolgreich zu bestreiten und sich über den zweiten Platz zu qualifizieren. Der erste Platz ist weg, denn die Dänen spielen überragend. Wir hatten schon einen Fehlstart hingelegt mit dem 0:4 gegen Dänemark und dem 2:2 in Schottland. Es gibt mehrere Gründe für diese ernüchternde Situation. (DATEN: Tabellen der WM-Qualifikation)

SPORT1: Nämlich welche?

Polster: Alles auf dem Trainer abzuladen, ist ungerecht. Die Spieler müssen sich an die eigene Nase fassen. Natürlich gab es auch Ausfälle im Team wie Marcel Sabitzer, Xaver Schlager, Stefan Lainer oder Sasa Kalajdzic, und die fehlen uns. Die anderen Jungs, die gespielt haben, sind nicht in ihrem Rhythmus oder haben in der Meisterschaft in Deutschland noch nicht gespielt.

Polster gegen Schnellschuss bei Trainer Foda

SPORT1: Franco Foda darf vorerst bleiben. Wie finden Sie das?

Polster: Ich bin gegen einen Schnellschuss, aber jetzt müssen Resultate her!

SPORT1: David Alaba hängt durch. Was sagen Sie zu ihm?

Polster: Alaba ist unser Problemfall. Er bemüht sich, versucht alles, aber es gibt bei ihm eine zu große Diskrepanz zwischen seinen Leistungen im Klub und bei der Nationalmannschaft. Das war auch schon so, als er noch bei den Bayern spielte und zieht sich wie ein roter Faden durch Alabas Karriere. (NEWS: Alles Wichtige zur WM-Qualifikation)

SPORT1: Woran liegt das?

Polster: Vielleicht liegt es daran, dass er in der Nationalmannschaft nie auf der Position spielen konnte, die er im Verein bekleidet. Auf der Position, die er einnimmt, muss er auch verkehrt spielen können, also mit dem Rücken zum Tor und das kann er nicht. Alaba ist dann gut, wenn er das Spiel vor sich hat.

Polster: Rucksack für Alaba zu schwer

SPORT1: Aber wie kann es sein, dass er im Nationalteam nicht vorangeht?

Polster: Vielleicht möchte Alaba zu viel und er schafft es im Nationalteam einfach nicht. Oder der Rucksack, den man ihm umhängt, ist zu groß und zu schwer. In der Innenverteidigung haben wir Martin Hinteregger und Aleksandar Dragovic, Alaba muss deshalb woanders spielen. Und das macht er wirklich nicht gut.

David Alaba hat am Sonntag das erste Spiel im Dress von Real Madrid absolviert. Für seine Darbietung in der Innenverteidigung bekam er durchweg gute Kritiken.
00:45
Durchweg gute Kritiken nach Real-Debüt

SPORT1: Sie sagten, alles auf Foda auszuschütten, wäre falsch. Aber die Luft wurde zuletzt immer dünner für ihn.

Polster: Das stimmt. Und die Kritik ist auch berechtigt. Wir haben noch eine kleine Chance, dass wir uns für das WM-Playoff qualifizieren. Aber man darf nicht vergessen, dass wir in der Nations League aufgestiegen sind und dort eine gute Rolle gespielt haben. Es war schon auch erfolgreich, was Foda da abgeliefert hat. Umso trauriger, dass wir jetzt solche Leistungen gezeigt haben. Wir sind alle davon ausgegangen, dass wir gegen Moldawien, Israel und Schottland neun Punkte holen.

SPORT1: Was macht Foda in Ihren Augen falsch?

Polster: Man wirft ihm vor, dass er manche Spieler nicht so spielen lässt, wie sie es gewohnt sind. Viele Spieler, die mal bei Red Bull Salzburg waren, spielen jetzt in ihren Vereinen dieses System von damals. Diese Spieler lässt Foda nicht von der Leine.

Polster: „Foda möchte defensiver spielen“

SPORT1: Warum?

Polster: Er möchte defensiver spielen und nicht so hoch attackieren. Gegen Israel ist es mit einer Dreierkette völlig schief gegangen. Diese war man nicht gewohnt, die Viererkette funktionierte doch. Wir haben viel zu viele Fehler im Abwehrverhalten gemacht. Und wenn du so viele Fehler machst, darfst du dich nicht wundern, wenn du verlierst. Die Taktik ist ein Fundament. Aber wenn du auf dieses Fundament aufbauen willst, dann muss auch die Pass-Qualität in Ordnung sein, die Zweikämpfe müssen gewonnen und Fehler müssen minimiert werden. Wir haben haarsträubende Fehler gemacht.

SPORT1: Können Sie da konkret werden?

Polster: Gegen Schottland reißt der Hinteregger den schottischen Stürmer und lässt ihn nicht aus, bis er am Boden liegt. Und dann kommt es zu diesem Elfmeter, den er leicht hätte verhindern können.

SPORT1: Wo sehen Sie die größte Schwachstelle bei Ihren Landsleuten?

Polster: Wir machen hinten zu viele Fehler, sind im Mittelfeld nicht kreativ und vorne nützen die wenigen Chancen vorne auch nicht. Es passt vorne und hinten nicht zusammen.

Polster: Österreich hat WM-Teilnahme so nicht verdient

SPORT1: Glauben Sie, dass Foda über den Oktober hinaus noch auf der Bank sitzen wird?

Polster: Schwierige Frage. Es kommt bald ein neuer Präsident und dann werden die Karten für Foda neu gemischt. Der neue Boss wird die Trainerfrage entscheiden. Im März ist das Playoff. Bis dahin wird entschieden sein, ob Foda auch im nächsten Jahr noch im Amt sein wird. Das wird die Aufgabe des neuen Präsidenten sein.

SPORT1: Sehen Sie den österreichischen Fußball am Scheideweg? Bei der EM hat man überzeugen können, aber jetzt scheint alles am Boden zu liegen.

Polster: Wir wollen alle eine Weltmeisterschaft mit Österreich sehen. Mit dem Heimatland ist es immer viel lustiger und spannender. Aber im Moment schaut es nicht sehr gut aus. Und ganz ehrlich: Mit den Leistungen aus diesen drei Spielen haben wir es auch nicht verdient, zu einer WM zu fahren. Wir waren nicht imstande, Moldawien, Israel oder die Schotten zu dominieren. Das ist peinlich, denn es ist nicht die erste Garnitur.

Polster: „Die Luft ist raus bei Foda“

SPORT1: Wenn Sie Entscheidungsträger wären, würden Sie Foda beurlauben?

Polster: Ich würde zumindest ernsthaft nachdenken, ob es noch Sinn macht. Irgendwo ist die Luft raus mit Foda. Es wird auch eine Frage der Alternativen sein. Ich bin aber gegen einen Schnellschuss, weil ich weiß, dass die Spieler das hätten verhindern können. Mit 80 Prozent geht es nicht.

SPORT1: Haben Sie noch Hoffnung für die WM-Qualifikation?

Polster: Im März werden wieder alle Spieler zur Verfügung stehen und es war immer so: Wenn alle in Form sind, dann sind wir gut. Aber wenn drei, vier Jungs nur auf den schon angesprochenen 80 Prozent spielen, sind wir richtig schlecht.

SPORT1: Wer wäre Ihr Wunschkandidat, sollte es im Herbst doch zu einer Trainer-Entlassung kommen?

Polster: Peter Stöger. Er hatte überall, wo er war, einen guten Job gemacht. Mit ihm könnte ich sehr gut leben.

SPORT1: Herr Stöger steht seit diesem Sommer bei Ferencvaros Budapest unter Vertrag. Würde er es machen, wenn man ihn will?

Polster: Ich könnte es mir vorstellen.