Plötzlich wird es hektisch in der Mixed Zone. Portugals Pressesprecher ruft die Journalisten zusammen. Gleich gäbe es ein wichtiges Statement, sagt der Mann im dunklen Anzug. Und jeder im Keller der riesigen Arena in Dallas weiß, was gemeint ist. Der letzte öffentliche Auftritt von Superstar Cristiano Ronaldo. Und dann schreitet Portugals Ausnahmefußballer ans Mikrofon. Offizielles Teamoutfit, Rucksack, nachdenklicher Blick.
Zum Abschied hört Cristiano Ronaldo noch vier nett gemeinte Worte
Und dann verschwindet CR7
„Ich werde morgen früh genauso aufwachen und fühlen wie heute auch“, sagt CR7 und versucht, die sporthistorische Dimension des Moments herunterzuspielen. Aber der Dienstagmorgen wird ganz anders sein als in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Denn wenn der fünfmalige Weltfußballer morgens zum Frühstück geht, dann gibt es den Nationalspieler Cristiano Ronaldo wohl nicht mehr.
Keine EM oder WM mehr, auf die es sich vorzubereiten gilt. Dann ist eine Weltkarriere zumindest bei großen Turnieren beendet. Das 0:1 gegen Spanien im WM-Achtelfinale beendet zudem jenen Lebenstraum, den sich sein jahrzehntelanger Rivale Lionel Messi vor knapp vier Jahren erfüllen konnte. Den Gewinn des WM-Titels. Nun muss Ronaldo zusehen, wie Messi die Torschützenliste anführt und vielleicht sogar den Coup von Katar wiederholt.
Ronaldo sagt, vor seiner Nationalmannschaftskarriere habe Portugal keinen Titel gewinnen können. Während seiner Laufbahn seien aber drei Titel dazugekommen. Darunter der Europameisterschaftstitel 2016 und zwei Nations-League-Titel. Wie sehr ihm der unerfüllte Traum naheging, war unmittelbar nach Abpfiff zu sehen.
WM 2026: Ronaldo schleicht vom Platz
Um 16.01 Uhr Ortszeit pfiff Anthony Taylor nicht nur das Ibero-Duell ab, sondern auch Ronaldos Lebenstraum. Einige Minuten lang schlich CR7 tränenüberströmt wie ferngesteuert ziellos über den Platz. Gleich drei Kameras versuchten, seine Emotionen einzufangen, was dazu führte, dass Ronaldo immer wieder die Richtung wechselte, um sich wenigstens für einen kurzen Moment unbeobachtet zu fühlen.
Nach quälend langen sechs Minuten entschied sich Europas Fußballer des Jahres 2014, 2016 und 2017, den Weg in Richtung Kabine zu gehen. Da erhoben sich auch die jubelnden Spanier von ihren Plätzen und zollten der langjährigen Real-Ikone Respekt.
Der letzte Akt eines Nachmittags, den sich der Protagonist sicher anders vorgestellt hatte, erfolgte dann vor der wartenden Weltpresse. In der überfüllten Mixed Zone warteten Journalisten aus allen Kontinenten, um noch einmal ihre Mikrofone, Kameras und Mobiltelefone in Richtung jenes Mannes zu richten, der den Fußball individualisiert und auf eine Person fokussiert hat wie kein anderer vor ihm.
Wie geht es mit CR7 weiter?
Wie es nun weitergeht mit CR7 – das weiß niemand so richtig. Ein paar Jahre noch zum gut bezahlten Abtrainieren nach Saudi-Arabien. Auch auf ein Ende der internationalen Karriere wollte er am Ende nicht zu 100 Prozent festnageln lassen, schränkte sogar seine Antwort auf die Frage, ob es seine letzte WM gewesen sei mit dem Wort „höchstwahrscheinlich“ ein. Vier Jahre vor dem Turnier 2030, bei dem er 45 wäre.
Dass er „schon“ jetzt seine frühere Weltklasse eingebüßt hat, war gegen Spanien zu sehen. In seinem letzten Spiel wirkte Ronaldo bisweilen wie ein Fremdkörper, kam jene Zehntelsekunden zu spät, die er früher vor der Konkurrenz an den Ball gelangte.
Cheftrainer Roberto Martínez ließ ihn trotzdem auf dem Platz. Eine Auswechslung für einen unbekannteren Ersatzspieler wollte er ihm ersparen.
Für Portugal beginnt damit eine neue Ära. Die wird auch ein neuer Trainer beginnen. Martínez kündigte an: „Das war mein letztes Spiel mit der Auswahl Portugals.“
Doch das war nur eine Randnotiz. Um 17.34 Uhr hatte Ronaldo seine letzte Frage beantwortet und schritt zum letzten Mal den obligatorischen Gang an den Journalisten vorbei zum Bus. Als er hinter den mit schwarzem Stoff verkleideten Wänden verschwand, riefen ihm einige Landsleute zu: „Danke Cristiano, für alles.“ Es ist vorbei.