74 Einsätze, 223 Tore – Timo Kastening war in den vergangenen Jahren aus der deutschen Handball-Nationalmannschaft kaum wegzudenken. Seit seinem Länderspieldebüt im März 2019 fehlte er bei Großereignissen nur im Kader der Olympischen Spiele 2024. Für die am Donnerstag beginnende EM verzichtet Nationaltrainer Alfred Gislason allerdings auf den Rechtsaußen. Er entschied sich auf der Position stattdessen für Lukas Zerbe und Youngster Mathis Häseler.
"Für mich ist das Thema damit erledigt"
„Für mich ist das Thema erledigt“
Im exklusiven Interview mit SPORT1 berichtet der 30-Jährige, wie sehr er nach zuletzt aufsteigender Formkurve doch noch auf ein Ticket für die Europameisterschaft gehofft hatte. Zudem gibt er Einblicke in den Austausch mit Gislason.
Darüber hinaus erklärt Kastening, seit 2020 bei der MT Melsungen unter Vertrag, wie er die Titelchancen des deutschen Teams und die Qualität im Kader einschätzt.
SPORT1: Herr Kastening, Sie stehen nicht im Kader der deutschen Handball-Nationalmannschaft für die anstehende Europameisterschaft. Hatten Sie nach Ihren Leistungen in der aktuellen Saison damit gerechnet?
Timo Kastening: Ich blicke mit gemischten Gefühlen auf die bisherige Saison. Ich bin schwer reingekommen und hatte nicht den größten Input auf unser Spiel, weil ich eine kleinere Rolle hatte, auch was die Anzahl der Würfe angeht. Mit einer Weisheitszahn-OP und einem Muskelfaserriss im Adduktorenbereich in der Vorbereitung gab es Anlaufschwierigkeiten. Hinten raus habe ich mich aber gefangen und meine Quote ist besser geworden, auch wenn sie noch nicht da ist, wo ich sie gerne hätte. Ich habe gut an mir gearbeitet, bin nicht wild geworden und habe alles zehnmal infrage gestellt, sondern bin bei mir geblieben und habe auch ganz gut performt. Dementsprechend habe ich Hoffnung gehabt, bei der Nationalmannschaft dabei zu sein. (Die Handball-EM 2026 im LIVETICKER auf SPORT1)
EM-Aus: „Ich brauche keine große Erklärung von Alfred“
SPORT1: Es kam aber anders …
Kastening: Ich weiß auch - ich bin schließlich lange genug dabei -, dass man für jeden Spieler Pro- und Contra-Argumente finden kann. Es ist immer eine Frage des Blickwinkels. Deshalb habe ich nach wie vor größtes Vertrauen in die Entscheidung von Alfred. Er hat sich für Häseler und Zerbe entschieden und das gilt es zu akzeptieren und respektieren. Ich bin nicht dafür da, diese Entscheidung anzuzweifeln. Beide sind super Rechtsaußen, genauso wie ich es bin. Für mich ist das Thema damit erledigt.“
SPORT1: Gislason hat Sie telefonisch informiert. Hat er dabei Gründe genannt, die für sich nachvollziehbar waren?
Kastening: Das ist nichts, was ich positiv oder negativ bewerten möchte. In allen Lehrgängen unter Alfred, in denen ich dabei oder nicht dabei war, gab es einen kurzen Anruf oder eine Nachricht ohne große Erklärung. Das war auch dieses Mal nicht anders. Und das muss auch nicht anders sein, weil ich alt genug bin, um ein Ja oder Nein zu verstehen. Dafür brauche ich keine große Erklärung von Alfred. Ich wusste, dass ich nicht den besten Saisonstart hatte, wusste aber auch, dass ich eine gute WM gespielt hatte mit einer guten Vorsaison. Dass man dann vielleicht auch mal zwei Monate struggeln kann, ist auch normal. Da ist die Frage einfach die, wie groß das Vertrauen des Bundestrainers ist, ob er dich trotzdem mitnimmt oder lieber unseren Youngster Häseler. Das ist ja eine Frage, die man Alfred stellen muss. Seine Entscheidung ist gefallen und ich bin damit auch fein. Nach der EM geht es wieder bei null los!
SPORT1: Brauchen Sie nach einer solchen Enttäuschung nun Abstand vom Geschehen oder haben Sie dafür schon zu viel erlebt?
Kastening: Als ich 2024 als Nummer eins in die Heim-EM gegangen bin und mich dann quasi aus dem Olympiateam rausgespielt habe, war das eine andere Situation, weil es mein großer Traum war, ein zweites Mal Olympia spielen zu dürfen. Das hatte mir schon wehgetan, die Jungs im Fernsehen zu sehen. Das bedeutet aber nicht, dass ich sie nicht mochte, sondern einfach gerne Teil des Ganzen gewesen wäre. Und ich bin ja dieses Mal zumindest als Experte bei Dyn dabei und freue mich, die Jungs aus dem Studio unterstützen zu können. Ich hoffe wirklich sehr, dass sie gut spielen.
Handball-EM: Hohe Hürden für Deutschland in Vorrunde
SPORT1: Blicken wir auf das Turnier. Die Auslosung hat es für das deutsche Team in sich …
Kastening: Ich sage es mal so: Wenn man dieses Mal ins Halbfinale kommt, zählt man wirklich zu den besten Mannschaften der Welt. Das fängt ja schon in der Vorrunde an: Zu Spanien muss ich nichts sagen, aber auch Österreich und Serbien verfügen über sehr viel Qualität. Die Österreicher haben uns in den Quali-Spielen durchaus geärgert. Und auch die Serben: Milosavljev, Marsenic oder auch Kukic auf der Mitte – das ist eine Mannschaft, die einfach top ist und gegen die man an einem schlechten Tag auch verlieren kann. Und in der Hauptrunde würden durch die Bank Teams warten, die sich Hoffnungen auf das Halbfinale machen dürfen.
SPORT1: Wie sollte das DHB-Team das Turnier also angehen?
Kastening: Es muss für Deutschland darum gehen, die Vorrunde möglichst unbeschadet zu überstehen, damit man sich danach noch eine Niederlage erlauben kann und für den Halbfinaleinzug nicht gegen Dänemark und Frankreich gewinnen muss. Aber wenn ich für Deutschland spiele, würde ich mir immer die Frage stellen: Sind denn die anderen froh, gegen Deutschland zu spielen? Man darf das ruhig auch mal herumdrehen und darauf verweisen, was für ein tolles Team wir mittlerweile in Deutschland wieder haben. Wir haben einen Stamm an Spielern, der schon seit Jahren zusammenspielt und auf Jahre zusammenbleibt. Das ist eine richtig gute und sehr runde Mannschaft. Die jungen Spieler sind bereit, Verantwortung zu tragen. Beispiel Marko Grgic: Er war letztes Jahr schon Teil der Nationalmannschaft, aber dieses Jahr ist er einer der prägenden Spieler bei Flensburg-Handewitt. Spieler bekommen wichtigere Rollen bei ihren Vereinen und dementsprechend wird auch die Verantwortung, die sie in der Nationalmannschaft tragen können, immer größer.
SPORT1: Los geht es am Donnerstag im Nachbarschaftsduell gegen Österreich (20.30 Uhr im LIVETICKER). Ist es gut, direkt mit einer solchen Standortbestimmung zu starten?
Kastening: Das weiß man natürlich erst danach (lacht). Wenn man direkt einen Brocken hat und ihn schlägt, findet man es gut. Wenn nicht, kann man sich rausreden, dass man noch ein paar Verletzte hatte und nicht genügend Trainingseinheiten. Ich als Sportler sage: Allen Mannschaften geht es gleich, es gibt keine Ausreden. Es wird ab der ersten Sekunde abgerechnet. Du hast keine Lust auf Wenn und Aber und bist geil darauf, dass es endlich losgeht.
Zu hohe Handball-Belastung? „Es scheint ja möglich zu sein“
SPORT1: Die hohe Belastung ist Jahr für Jahr ein Thema, wenn eine EM oder WM ansteht. Am 27. Dezember wurde noch in der HBL gespielt. Wie blicken Sie darauf?
Kastening: Wenn du das über viele Jahre machst, bist du irgendwann an diesen Rhythmus gewöhnt. Du machst es, weil du es nicht anders kennst. Jetzt lerne ich, wie es ist, wenn man eine Pause hat (lacht). Die Pausen, die Handballer haben, die Liga, Europapokal und Nationalmannschaft spielen, gehen schon gegen Null. Jeder Tag, den du frei hast, ist für Körper und Geist wirklich sehr wichtig.
SPORT1: Im nächsten Jahr steht die Heim-WM an. Da steht jetzt schon fest, dass über Weihnachten nicht gespielt wird.
Kastening: Da denke ich mir als Spieler: Es scheint ja möglich zu sein. Ich sehe es natürlich nur aus sportlicher Sicht. Von den wirtschaftlichen Faktoren habe ich keine Ahnung. Da scheinen die Weihnachtsspiele sehr wichtig zu sein, weil die Hallen größtenteils voll sind. So abgestumpft bin ich auch nicht.