Die Silbermedaille bei der Handball-EM ist Deutschland nach dem überzeugenden Halbfinal-Sieg gegen Kroatien (31:28) sicher, doch das DHB-Team darf aus guten Gründen von noch viel mehr träumen – wenngleich die Mannschaft von Bundestrainer Alfred Gislason bereits jetzt alle Erwartungen übertroffen hat.
Handball-EM: Selbst Dänemark ist überrascht, wie gut Deutschland ist
Die Chance der goldenen Revanche
„Wären wir alle Anfang Januar zusammengesessen und hätten gesagt ‚Es wird auf jeden Fall Silber‘, dann hätten wir alle zusammen ziemlich betrunken gewesen sein müssen“, scherzte der Bundestrainer nach dem Final-Einzug, fügte allerdings noch berechtigterweise an: „Aber noch haben wir die Chance auf Gold.“
So wie sich dieses deutsche Team zuletzt präsentierte, ist es aber nicht nur eine simple Chance. Das Endspiel am Sonntagabend (18 Uhr) ist die riesengroße Möglichkeit, eine beeindruckende Weiterentwicklung in den letzten Wochen mit einem Titel zu krönen, der vor dem Turnier noch in schier unendlich weiter Entfernung zu sein schien.
Handball-EM: Wolff warnt zur rechten Zeit
„So eine Final-Teilnahme ist nicht selbstverständlich. Jetzt haben wir die Chance, uns zu belohnen und Geschichte zu schreiben“, betonte der mit 13 Paraden glänzend aufgelegte Andreas Wolff nach Abpfiff. Trotz seiner eigenen Leistung war der von der EHF zum Spieler des Spiels gekürte Schlussmann allerdings alles andere als zufrieden mit seinen Vorderleuten.
Zu spannend war die Schlussphase des Spiels gegen die Kroaten für Wolff. Die deutsche Mannschaft hatte den Gegner nochmal Hoffnung schnuppern und auf zwei Tore verkürzen lassen, als die Messe eigentlich längst gelesen hätte sein müssen. „Wenn wir noch fünf oder zehn Minuten länger spielen, dann verlieren wir das Spiel. Ab der 45. Minute haben wir aufgehört, den bis zu dem Zeitpunkt tollen Handball zu spielen, und ein ganz anderes Gesicht gezeigt“, mahnte der Torhüter – zu Recht.
Gegen die schier übermächtigen Dänen, die gegen Island immerhin wackelten (31:28), darf sich Deutschland keine Schwächephase leisten, Wolffs Warnung kommt daher zum richtigen Zeitpunkt.
Die Wackel-Phasen im deutschen Spiel – vor allem in der Offensive - waren im gesamten Turnierverlauf immer wieder deutlich zu erkennen. Und doch sind in einer mittelfristigen Betrachtung deutlich seltener geworden und zugleich auch unwichtiger, weil die deutsche Mannschaft in guten Phasen in Abwehr und Angriff auf einem unbestreitbaren Weltklasse-Niveau agiert.
Handball-EM: Gidsel „überrascht, wie gut die deutsche Mannschaft ist“
Selbst den Dänen nötigt das Respekt ab. „Ich bin – und das sage ich mit riesigem Respekt – ein bisschen überrascht, wie gut die deutsche Mannschaft ist bei dieser Europameisterschaft. Sie haben nicht nur einen Schritt nach vorne gemacht, sondern zwei”, äußerte sich Dänemarks Welthandballer Mathias Gidsel voller Lob über die Gislason-Truppe.
Besonders die Tiefe der DHB-Mannschaft besticht. „Sie haben so viele X-Faktoren - mit Wolff, aber du weißt nicht, was von Marko Grgic, Julian Köster, Juri Knorr, Renars Uscins oder auch Nils Lichtlein kommt. Es ist so schwierig, dagegen zu spielen. Ich erwarte ein extrem enges und schweres Spiel“, meinte Gidsel.
Handball-EM: Revanche! Es geht um mehr als nur um Gold
„Wir haben es alle gesehen“, betonte Gislason: „Die Mannschaft ist in diesem Turnier gewachsen. Wir haben mehr Stabilität. Die Schwankungen sind weniger geworden.“ Und das, obwohl der Großteil der Truppe alles andere als erfahren ist. „Die Jungs sind – bis auf drei – sehr unerfahren, aber jetzt auch sehr abgezockte Spieler. Darüber freue ich mich riesig“, sagte Bundestrainer Gislason und meinte damit das Europameister-Trio von 2016 um Wolff, Jannik Kohlbacher und Rune Dahmke - wobei Dahmke und Kohlbacher längst keine Schlüsselrolle mehr einnehmen, in ihrer Rolle als Ergänzungsspieler aber dennoch von enormer Bedeutung sind.
Im Finale am Sonntag geht es aber um mehr als nur Gold: Es geht um eine Revanche. Nicht um Wiedergutmachung für das verlorene Gruppenspiel am Montag, sondern für die Demütigung im Olympia-Finale im vergangenen Sommer, das im Kopf des Bundestrainers noch sehr präsent ist.
Handball-EM: Gislason hat die Olympia-Schmach noch gut in Erinnerung
„Ich kann mich noch erinnern, dass alle nach dem Spiel nach Paris zur Abschiedsfeier gefahren sind, aber ich bin sofort abgehauen Richtung Deutschland, weil ich so enttäuscht war“, meinte Gislason, dessen Mannschaft damals gegen Dänemark vollständig chancenlos mit dreizehn Toren Unterschied unter die Räder gekommen war. „Ich war deswegen so sauer, weil ich fand, dass die Jungs das Spiel nach einer Viertelstunde abgeschenkt haben und gesagt haben: ‚Na ja, Silber ist auch nicht schlecht.‘“
Die Ausgangslage scheint auf den ersten Blick die gleiche zu sein. „Wir wissen, dass wir nicht der Favorit sind“, meinte Gislason. Allerdings gibt sich die deutsche Mannschaft jetzt nicht mit Silber zufrieden: „Nein, das glaube ich dieses Mal nicht. Dieses Turnier hat sehr viel Selbstvertrauen für diese Truppe gebracht. Wir werden alles dafür geben, um dieses Spiel zu gewinnen.“
Handball-EM: „Wir werden unser Leben auf dieser Platte lassen“
Das wird auch aus den Aussagen der Spieler deutlich. „Wir müssen uns vor keiner Mannschaft verstecken. So wie wir heute verteidigt haben, können wir wirklich jede Mannschaft schlagen“, schickte Lukas Zerbe in der ARD eine Kampfansage los und rechnete bereits mit der Wiederauflage des Olympia-Finals. „Die Dänen sind nicht unschlagbar.“
„Wir machen es auf jeden Fall besser“, versprach Justus Fischer, angesprochen auf die bittere Pleite gegen Dänemark bei Olympia 2024. Genau wie Wolff mahnte allerdings auch er: „Wir müssen über 60 Minuten unsere Leistung bringen, das haben wir in den letzten Spielen nicht geschafft.“
Wenn der deutschen Mannschaft das gelingt, müsse man aber auch vor den Dänen keine Angst haben. „Dann stehen uns die Türen offen“, stellte der Kreisläufer fest. Und wie die Revanche gegen Dänemark schmecken würde? „Extrem gut. Wir werden unser Leben auf dieser Platte lassen.“