18:31 Minuten, sechs Würfe, ein Tor – diese Zahlen nach der EM-Vorrunde deuten nicht auf einen Spieler hin, der in der Vorsaison zum Torschützenkönig in der Handball-Bundesliga avancierte und auch in der laufenden Spielzeit bei 115 Treffern für die SG Flensburg-Handewitt steht. Kein deutscher Spieler traf häufiger, nur fünf ligaweit.
Wann platzt endlich der Knoten?
Deutscher Überflieger im Wartestand
Die Rede ist von Marko Grgic, der vor der Saison vom ThSV Eisenach in den Norden wechselte und im dortigen Starensemble überraschend wenig Anlaufzeit benötigte, um auch dem Flensburger Spiel seinen Stempel aufzudrücken. Mit Mut und Selbstbewusstsein nimmt sich der 22-Jährige dort seine Würfe und stellt die gegnerischen Abwehrformationen mit Power und Variantenreichtum vor kaum zu lösende Aufgaben.
Handball-EM: Wo ist der Bundesliga-Grgic?
Im DHB-Dress ist davon wenig zu sehen. Stand Grgic beim EM-Auftaktsieg gegen Österreich noch von Beginn an auf dem Feld und erzielte seinen bisher einzigen Turniertreffer zum 5:2-Zwischenstand, so schrumpfte seine Rolle in der Folge immer mehr. Für Diskussionen sorgte insbesondere sein Kurzeinsatz bei der überraschenden Niederlage gegen Serbien.
Nach rund 42 Minuten kam Grgic erstmals ins Spiel. Wenige Augenblicke später – dazwischen lagen unter anderem ein Offensivfoul sowie ein Fehlwurf des Youngsters – musste dieser wieder auf der Bank Platz nehmen. Eine Maßnahme von Trainer Alfred Gislason, die bei vielen Beobachtern für Unverständnis sorgte. Der Tenor: So wird ein deutscher Hoffnungsträger verheizt!
„Sie haben mir fast ein wenig leidgetan“, blickte Ex-Nationalspieler Pascal Hens auf die DHB-Stars in der spielentscheidenden Phase gegen Serbien und stellte Grgic exemplarisch heraus.
„Schau dir den Grgic im Verein an. Macht zwei Aktionen und sitzt wieder.“ Stefan Kretzschmar schloss sich an und fragte: „Was ist meine Idee mit Marko Grgic?“ Mit diesem Vorgehen helfe man ihm sicher nicht, so sein Vorwurf.
Deutscher Hoffnungsträger auf Formsuche
Grgic deutete bereits nach seinem durchwachsenen Auftritt gegen Österreich an, dass er sich viele Gedanken mache, wie er der Mannschaft weiterhelfen kann – womöglich zu viele. „Natürlich grübele ich auch über meine Leistung, aber das Schöne am Handball ist: Du kannst es im nächsten Training, im nächsten Spiel sofort wieder besser machen. Ich schmolle nicht auf der Bank, sondern bleibe mutig und gebe einfach weiter alles, wenn ich die Gelegenheit bekomme.“
Diese Gelegenheit bekam er vorerst nicht. Auf den Kurzeinsatz gegen Serbien folgten 60 Minuten auf der Bank gegen Spanien beim mit Abstand besten deutschen Auftritt im bisherigen Turnierverlauf. Julian Köster, Juri Knorr und Renars Uscins dominierten das Spiel im Rückraum, Miro Schluroff und Nils Lichtlein entlasteten das Trio. Gründe, an dieser Formation etwas zu ändern, gibt es nicht.
Spannende Einblicke in das Innenleben Grgics gab in der Folge Co-Trainer Erik Wudtke. „Ich rede viel mit Marko und versuche, ihm zu helfen“, sagte er auf einer Pressekonferenz und wurde dabei spürbar emotional: „Marko merkt man an, dass er im Turnier bis dato nicht die Leichtigkeit gefunden ist, die ihn in seinem Spiel ausgezeichnet hat. Es fehlt ein wenig an Selbstbewusstsein.“
Das Problem? Inmitten eines Turniers lässt sich dies nicht einfach so wiederherstellen. „Er muss wieder ein positives Selbstwertgefühl bekommen. Er muss im Training und auch im Wettkampf, wenn er reinkommt, Erfolgserlebnisse sammeln.“
„Wir kämpfen für Marko und Marko kämpft für sich selbst“
Helfen können dabei „kleine Ziele“. Aber: „Es fällt uns und Marko unheimlich schwer, innerhalb eines Turniers wieder zu dieser Situation zurückzufinden. Wir arbeiten daran und kämpfen für Marko und Marko kämpft auch für sich selber. Ich wünsche es ihm von ganzem Herzen, dass er uns auf der Platte helfen kann.“ Grgic arbeite schließlich „wirklich hart“.
Positiv komme hinzu, dass er auch in seiner ungewohnten Rolle neben dem Spielfeld nach Kräften Einfluss nehmen wolle, die Mannschaft anfeuere und versuche, im Spiel auf die Kollegen einzuwirken. Kein selbstverständliches Verhalten für einen Spieler in diesem Alter.
Auch Teammanager Benjamin Chatton vermied es, unnötigen Druck auf Grgic aufzubauen. „Manchmal steht man morgens ein bisschen früher auf, manch einer steht etwas später auf. Dieser Prozess ist bei ihm vielleicht ein bisschen länger, aber an der Perspektive besteht kein Zweifel: Marko Grgic wird wesentlicher Bestandteil dieser Mannschaft für die nächsten Jahre sein.“
Es stelle sich „nicht die Frage, ob das passiert, dass er Leistung für die Nationalmannschaft bringt, sondern wann. Er bringt ein unglaubliches Talent mit.“ Und womöglich geht es doch noch schneller als erwartet und Grgics große Stunde schlägt noch bei dieser Europameisterschaft.