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Knorr? Handball-Legende wird deutlich

Knorr? Handball-Legende wird deutlich

Heiner Brand wurde mit der deutschen Nationalmannschaft 2007 Handball-Weltmeister. Seine Erwartungen an das aktuelle Team bei der EM sind groß, wie er im exklusiven SPORT1-Interview klarstellt.
Die deutsche Handball-Nationalmannschaft hat sich nach einem Sieg über Spanien für die Hauptrunde der Handball-EM 2026 qualifiziert.
Heiner Brand wurde mit der deutschen Nationalmannschaft 2007 Handball-Weltmeister. Seine Erwartungen an das aktuelle Team bei der EM sind groß, wie er im exklusiven SPORT1-Interview klarstellt.

Eine Niederlage als gutes Omen? Wenn es nach Trainer-Legende Heiner Brand geht, könnte dies auch für die deutschen Handballer bei der Europameisterschaft gelten. Nach einer völlig überraschenden Niederlage gegen Serbien drohte das frühe Aus, wenige Tage später steht das DHB-Team mit der perfekten Punkteausbeute in der Hauptrunde.

Auf ein ähnliches Szenario kann Brand zurückblicken, als er 2007 mit der deutschen Mannschaft den WM-Titel im eigenen Land holte. Nach einer Vorrundenniederlage gegen Polen war die Unruhe bereits groß, im Finale wurde derselbe Gegner deutlich besiegt und die große Party konnte beginnen.

Im exklusiven SPORT1-Interview blickt Brand auf die aktuelle Mannschaft, der er sehr viel zutraut und bei der es seiner Meinung nach insbesondere auf einen Mannschaftsteil ankommt. Zudem stellt der 73-Jährige klar, wie er die Diskussion um Trainer Alfred Gislason einschätzt.

Außerdem betont der langjährige Nationalspieler, was beim Blick auf die Leistungen von Torhüter Andreas Wolff häufig vergessen wird und was er von Juri Knorr erwartet.

SPORT1: Herr Brand, die Angst vor dem historischen EM-Vorrunden-Aus der deutschen Mannschaft war vor dem Spiel gegen Spanien groß. Bei Ihnen auch?

Heiner Brand: Ich habe nicht mit einem Ausscheiden gerechnet. Mir war klar, dass die Mannschaft sich steigern würde und Spanien auch noch keine absolute Spitzenmannschaft darstellt. Insofern war ich recht optimistisch - ohne zu wissen, dass sich die Mannschaft in einem solchen Maße steigern würde.

Wolff? „Eine Sache wird häufig vergessen“

SPORT1: Was lief besser als im Spiel gegen Serbien?

Brand: Das war schon anders anzusehen: ein anderes Tempo, die zweite Phase, die Ballgeschwindigkeit hat zugenommen und die Bälle wurden in der Bewegung angenommen. Dadurch konnten individuelle Vorteile besser ausgenutzt werden. Man darf es aber sicher auch nicht überbewerten. Viele Kleinigkeiten haben für uns den Ausschlag gegeben. Die Torwartgeschichte ist sowieso klar bei dieser Mannschaft.

SPORT1: Wie ist Ihre Einschätzung zu Andreas Wolff? Er hatte schon Spiele mit einer besseren Quote.

Brand: Eine Sache wird bei Andreas Wolff häufig vergessen: Kommentatoren messen die Torleute oft an den Prozentzahlen. Davon bin ich kein allzu großer Fan. Es kommt immer auf die Qualität der gehaltenen Bälle an. Da sind bei Wolff sehr häufig hundertprozentige Chancen dabei wie gegen Spanien auch. Das hat für uns gesprochen. Wenn man die Torhüter getauscht hätte in der ersten Halbzeit, hätte das Ergebnis vielleicht anders ausgesehen. Es gab aber auch Kleinigkeiten wie Abpraller, die wir bekommen haben, oder Aussetzer der Spanier, die gar nicht zu verstehen waren. Das kennt man von ihren früheren Mannschaften nicht.

SPORT1: Plötzlich steht Deutschland mit der perfekten Punkteausbeute in der Hauptrunde

Brand: Ich stehe nach wie vor zu meiner Meinung, dass wir eine Mannschaft mit ganz außergewöhnlichen Talenten haben, die eine Medaille gewinnen muss. Daran glaube ich nach wie vor. Wir haben gesehen, welche Stärke in diesen Spielern steckt, ob das Julian Köster, Renars Uscins oder Juri Knorr ist, die aus Einzelleistungen oder Aktionen, an denen maximal zwei Leute beteiligt sind, ihre Tore machen. Es war gut, dass man gegen Spanien vor allem im Rückraum mit diesem Trio auf einen festen Kern gesetzt hat. Bei einer Mannschaft, die spielerisch nicht so stark ist, ist es wichtig, dass klare Konstellationen vorhanden sind. Das war der Fall. Es kommen zwischenzeitlich Leute rein, die die Mannschaft ergänzen, aber wichtig ist, dass man einen Kern hat.

„Es hat sicher in Gislason gebrodelt“

SPORT1: Diskutiert wird auch über eine zu große Rotation von Gislason. Ist der Kader womöglich sogar zu breit und man kann gar nicht jedem Spieler gerecht werden?

Brand: Gislason hat sich festgelegt. Es ist nun einmal nicht die Aufgabe des Trainers, alle zufriedenzustellen. Gegen Spanien hat er sich für diese Rückraumbesetzung entschieden und die ist nur sporadisch ersetzt worden durch Nils Lichtlein und Miro Schluroff. Ich beziehe mich vor allem auf die Besetzung im Rückraum, weil dieser spielbestimmend ist. Aber es werden sicherlich im Laufe des Turniers wieder Momente kommen, in denen man Schluroff braucht, wie im Spiel gegen Serbien, oder Grgic, der außergewöhnliche Fähigkeiten hat. Man kann nicht davon ausgehen, dass alle Spieler über den kompletten Turnierverlauf ihre Form halten. Jeder hat in der Mannschaft seine Aufgabe und wenn er nur eine Minute spielt, dann muss er diese Aufgabe erfüllen. Das ist bei einer funktionierenden Mannschaft immer so.

SPORT1: Der Druck auf Alfred Gislason war nach dem Spiel gegen Serbien groß. Personelle Entscheidungen wurden hinterfragt, hinzu kam eine verhängnisvolle Auszeit.

Brand: Es hat sicher in ihm gebrodelt. Man muss aber auch sagen: Dieses Drücken des Buzzers zur Auszeit kann passieren. Es ist sehr unglücklich, weil es in einer ganz wichtigen Phase des Spiels war. Er hat vielleicht nicht auf den Spielverlauf, sondern nur auf die Uhr geschaut. Als Außenstehender kann man Dinge immer anders beurteilen, als wenn man derjenige ist, der Entscheidungen treffen muss. Auch Leute mit Handballsachverstand äußern sich da, aber Beobachtungen sind was anderes als das Treffen von Entscheidungen. Deshalb halte ich mich sehr zurück. Ich kann nur sagen, was ich auf dem Spielfeld sehe: dass es gegen Serbien nicht überzeugend war und mich das an die Spielweise im Vorjahr bei der WM erinnert hat.

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SPORT1: Auch aus dem Kreis der Spieler kamen kritische Worte: Juri Knorr bemängelte gegen Serbien zu geringe Einsatzzeiten, Lukas Mertens die kaum vorhandene Einbindung der Außenspieler.

Brand: Keiner hat den Anspruch auf Spielzeit. Juri Knorr setzt sicherlich Akzente mit seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten, aber er macht auch Fehler. Auch gegen Spanien waren immer wieder einfache Fehler dabei, die nicht notwendig sind. Im Spiel gegen Serbien auch. Insofern kann man nicht unbedingt Spielzeit beanspruchen. Und zur Spielweise: Die war nun einmal so, dass gegen Serbien keine Bälle nach außen gekommen sind, insbesondere nach Linksaußen. Gegen Spanien war es besser. Vor allem Julian Köster ist da vorweggegangen, ist sehr glaubwürdig marschiert und hat es immer noch geschafft, weiterzuspielen. Er hat sich abgesehen davon auch durchgesetzt und Tore selbst gemacht. Was er da veranstaltet hat, war wirklich beeindruckend.

SPORT1: Kritik kam auch von außen – unter anderem von Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning, der gleichzeitig italienischer Nationaltrainer ist …

Brand: Das ist auch eine Konstellation, die nicht so häufig vorkommt. Alle Handballer wissen, dass Bob jede Möglichkeit nutzt, in die Öffentlichkeit zu kommen - egal wie. Alfred muss mit solchen Dingen leben und auch nicht unbedingt kontern. Das muss er so hinnehmen, das gibt es immer wieder. Ich habe das auch als Bundestrainer erlebt, dass Trainerkollegen aus der Bundesliga meinen, sich äußern zu müssen über die Medien. Es ist nicht unbedingt die Art, die man sich wünscht. Aber damit muss man klarkommen und ich hoffe, dass es nicht dazu kommt, dass da jetzt ein Kleinkrieg ausgetragen wird.

SPORT1: Die Konstellation, dass Hanning während der EM auch noch als Kolumnist tätig ist, verwundert Sie?

Brand: Das habe ich auch noch nicht erlebt, dass der Geschäftsführer eines deutschen Vereins Nationaltrainer wird, auch wenn das Land noch zweit- oder drittklassig ist, und dann auch noch über andere Trainer spricht. Man hat vielleicht mal mit einem Trainerkollegen am Spielfeldrand einen Fight ausgetragen, wenn man gegeneinander gespielt hat, aber nicht auf diese Art und Weise außerhalb davon. Da muss man eben bei Bob einfach besondere Umstände registrieren und zur Kenntnis nehmen, ohne dem eine zu große Bedeutung beizumessen.

Deutsche Trainer-Legende spricht über Gislason-Zukunft

SPORT1: Wie wird es mit Alfred Gislason nach der EM weitergehen?

Brand: Er hat einen Vertrag bis zur Heim-WM und wird diesen auch erfüllen, vor allem wenn die EM erfolgreich abgeschlossen wird. Alfred kommt dann irgendwann auch in ein Alter, in dem er sich selbst Gedanken darüber macht, was am besten für ihn wäre. Die Altersschere zwischen Spielern und Trainer geht immer weiter auseinander. Aber ich mache mir keine Gedanken darüber. Wir haben junge Trainer in Deutschland mit Qualität, die auch schon über eine gewisse Erfahrung verfügen und nachrücken können.

SPORT1: Könnte Lemgos Erfolgstrainer Florian Kehrmann ein Kandidat für die Nachfolge sein?

Brand: Florian Kehrmann macht herausragende Arbeit. Der Job in Lemgo ist nicht leicht. Immer wieder verlassen Spieler die Mannschaft und er muss wieder etwas Neues aufbauen. Was er daraus macht, ist überragend.

SPORT1: Auf dem Weg zum WM-Titel 2007 verloren Sie ebenfalls ein Vorrundenspiel. War diese Niederlage gegen Polen eine Initialzündung und kann ein Vorbild sein für die aktuelle Mannschaft?

Brand: Diese Niederlage hatte uns damals sehr gutgetan, dass wir über alle Dinge gesprochen haben, die in dem Spiel schlecht waren. Davon haben wir profitiert und das kann auch beim aktuellen Team so sein. Eigentlich muss mit dieser Mannschaft eine Medaille zu holen sein. Ich mache mir zum jetzigen Zeitpunkt keine allzu großen Sorgen. Das Selbstvertrauen wurde gesteigert. Man muss immer Respekt vor jedem Gegner haben, aber in dieser Mannschaft stecken sehr große Möglichkeiten.

„Juri Knorr muss sich im Griff haben“

SPORT1: Der Spielplan in der Hauptrunde hat es aus deutscher Sicht in sich?

Brand: Das ist nun einmal bei einem solchen Turnier der Fall, dass schwere Aufgaben auf einen zukommen. Aber ich bin der Meinung, dass unsere Mannschaft jeden schlagen kann. Dänemark ist weiterhin der Topfavorit. Sie haben Ausnahmespieler, aber auch die zeigen hin und wieder Schwächen. Warum soll man nicht mal einen sehr guten Tag erwischen?

SPORT1: Auf wen kommt es bei Deutschland an?

Brand: Ich bin ein großer Fan von Julian Köster, was seine Spielweise, seine Einstellung und sein Verhalten angeht. Juri Knorr muss sich im Griff haben - dass er kein zu großes Risiko eingeht, dass er nicht zu sehr meint, jede Entscheidung muss von ihm abhängen. Dann wird er sicherlich auch ein großer Faktor sein. Auch Uscins wird zentral sein, gegen Spanien hat er mit einem unglaublichen Selbstvertrauen gespielt. Mit Andreas Wolff und der Abwehr haben wir eine sehr gute Grundlage.

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