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Das unfassbare Comeback bei Deutschlands Gegner

Der X-Faktor, mit dem keiner rechnete

Thomas Arnoldsen feiert bei der Handball-EM ein unfassbares Comeback. Im Finale gegen Deutschland könnte er zum entscheidenden X-Faktor werden – etwas, mit dem wohl niemand gerechnet hat.
Dänemark steht im Finale der Handball-EM 2026 und trifft dort auf Deutschland. Superstar Mathias Gidsel hat gehörigen Respekt vor dem DHB-Team.
Thomas Arnoldsen feiert bei der Handball-EM ein unfassbares Comeback. Im Finale gegen Deutschland könnte er zum entscheidenden X-Faktor werden – etwas, mit dem wohl niemand gerechnet hat.

Viermal in Folge war Dänemark bei Weltmeisterschaften nicht zu stoppen. Bei Europameisterschaften sah dies jedoch gänzlich anders aus. Seit 2012 warten die Dominatoren des Welthandballs auf einen EM-Titel.

Im Finale gegen Deutschland soll es am Sonntag (18 Uhr im LIVETICKER) vor heimischem Publikum endlich so weit sein. Doch die Sorgen innerhalb des Teams haben sich zuletzt stetig vergrößert. Im Turnierverlauf verlor man nach und nach die Kreisläufer Lukas Jörgensen sowie Emil Bergholt und konnte zudem nicht auf die Dienste der ebenfalls verletzten Andreas Magaard und Frederik Ladefoged zurückgreifen.

Als in der zweiten Halbzeit des Halbfinals gegen Island (31:28) plötzlich auch Abwehrchef Simon Hald in die Kabine musste und nach einem Treffer am Kopf sogar im Krankenhaus untersucht wurde, drohte den Dänen endgültig ein Fiasko. Magnus Saugstrup war plötzlich der einzige nominelle Kreisläufer und Innenblockspieler im Kader des Weltmeisters.

Handball-EM: Knorr-Kollege springt in die Bresche

Wie gut, dass beim Ausfall von Hald, der auch für das Finale fraglich ist, plötzlich ein Mann in die Bresche sprang, mit dem eigentlich niemand gerechnet hatte: Rückraum-Star Thomas Arnoldsen.

Der Spielmacher von Aalborg, dem Klub von DHB-Star Juri Knorr, hatte seit Ende November mit einem Schienbeinbruch gefehlt und feierte erst am 22. Januar sein Comeback - in einem Testspiel gegen den Zweitligisten Elitesport Vendsyssel.

Aufgrund der vielen abgestellten Nationalspieler des Champions-League-Teilnehmers gewann Aalborg damals nur knapp mit 31:29. Umso erstaunlicher war jedoch die Leistung von Arnoldsen, der bei seiner Rückkehr satte 14 Treffer erzielte. Eine Leistung, die ihn unmittelbar in den Fokus der verletzungsgeplagten Nationalmannschaft rückte.

Arnoldsen wird nachnominiert – und überzeugt sofort

„Thomas‘ Rehabilitation ist sehr gut verlaufen und er hat in den letzten Wochen große Fortschritte gemacht. Nach dem Spiel am Donnerstag hat sein Körper auch gut reagiert, weshalb wir uns entschieden haben, Thomas zu nominieren“, erklärte Nationaltrainer Nikolaj Jacobsen vor dem letzten Hauptrundenspiel gegen Norwegen. „Er hat einige offensichtliche Qualitäten, und wir müssen sehen, ob wir das im Turnier brauchen können.“

Gebraucht wurden Arnoldsens Qualitäten tatsächlich schnell: Beim deutlichen 38:24 gegen Norwegen, das Dänemark den ersten Platz in der Hauptrunde sicherte, trug sich der Rückraumspieler direkt mit drei Treffern in die Torschützenliste ein.

Zum endgültigen X-Faktor wurde er aber erst im Halbfinale gegen Island. Während er im Angriff zwei Tore beisteuerte, war Arnoldsen in Abwesenheit von Hald plötzlich auch im Innenblock gefragt. Mit einer beachtlichen Leistung in ungewohnter Rolle sorgte der 24-Jährige dafür, dass der knappe 31:28-Sieg ins Ziel gebracht wurde.

Viel Lob für Dänemarks Retter in der Not

„Wir sind stolz, dass wir das trotz großer Herausforderungen am Kreis geschafft haben. Thomas und Hoxer (Mads Hoxer, Anm. d. Red.) haben einen Riesenjob gemacht ohne Training“, lobte Teamkollege Rasmus Lauge nach der Partie.

Auf SPORT1-Nachfrage, wie Arnoldsen der Mannschaft weiterhelfen könne, antwortete er zudem: „Genau mit dem, was er ihr heute gegeben hat. Ein bisschen Druck von Pytlick und Gidsel wegnehmen und das Spiel kontrollieren, was er richtig gut gemacht hat.“

Auch Magnus Landin schwärmte: „Es ist beeindruckend. Er war lange verletzt und hat ein Testspiel gemacht und ein Spiel gegen Norwegen – und jetzt steht er im Mittelblock gegen Island im Halbfinale und macht das überragend.“

„Ich dachte, die EM sei gelaufen“

Derweil gab Arnoldsen selbst zu, dass er an die Rolle nicht gewöhnt gewesen sei. „Ich finde auch, dass wir als Team zeigen, dass wir uns den Herausforderungen stellen und unsere Rollen erfüllen. Das zeichnet ein wirklich gutes Team aus“, wurde er vom dänischen Portal Hbold zitiert.

Weiter offenbarte der Mann der Stunde: „Als ich mich verletzt habe, dachte ich, die EM sei gelaufen. Aber ich habe mir vorgenommen, dass ich, wenn es auch nur die geringste Chance gäbe, dass ich hier stehen könnte, alles dafür tun würde. Jetzt stehen wir hier und wir stehen im EM-Finale gegen Deutschland. Darauf freuen wir uns wahnsinnig.“

Ein gebrochenes Schienbein war allerdings nicht die einzige Hürde, mit der Arnoldsen in den vergangenen Jahren zu kämpfen hatte. Im Sommer 2023 wagte der Nationalspieler den großen Schritt von Skanderborg Aarhus zu Aalborg, wurde aber schon kurz nach seinem Wechsel aufgrund körperlicher und geistiger Erschöpfung krankgeschrieben.

Gesundheitliche Probleme bremsten Arnoldsen aus

Erst zwei Jahre später offenbarte Arnoldsen, warum er immer wieder ausgebremst wurde. „Während der folgenden sechs Monate wurde bei mir ADHS diagnostiziert, und das medizinische Team des Vereins und die damit verbundenen Ressourcen gaben mir eine Reihe von Hilfsmitteln an die Hand, um damit umzugehen“, wurde der Spieler im Mai vom Verein zitiert.

„Obwohl es mir viel besser ging und ich wieder Handball spielen konnte, verschwanden die Symptome nie ganz und wurden in dieser Saison allmählich wieder schlimmer“, schilderte er weiter. „Deshalb habe ich im Frühjahr mit der Einnahme von Medikamenten gegen mein ADHS begonnen, worauf eine Eingewöhnungsphase folgte, in der ich sowohl dem Training als auch den Spielen fernbleiben musste.“

Arnoldsen kündigte deshalb an, „für eine gewisse Zeit den Stecker zu ziehen, damit wir die Situation in den Griff bekommen und ich wieder Teil der Mannschaft werden und auf dem Spielfeld mitwirken kann“.

Aalborg sicherte dem Spieler stets die volle Unterstützung zu und kündigte an, gemeinsam an einer langfristigen Lösung zu arbeiten. Nach rund zweimonatiger Pause kehrte Arnoldsen in Bestform zurück.

„Er gehört zu den besten Spielern der Welt - und das hat er heute gezeigt. Weltklasse pur“, feierte Claus Möller Jakobsen, Handball-Experte bei TV2, nach einem Ligaspiel gegen Nordsjaelland im September. Dabei hatte Arnoldsen Aalborg mit elf Treffern aus zwölf Versuchen zu einem 37:34-Erfolg geführt.

Trumpft er jetzt gegen Deutschland auf?

Nur wenige Monate später folgte der Schienbeinbruch und der nächste heftige Rückschlag für einen Spieler auf Weltklasse-Niveau. Doch zu einem Zeitpunkt, der wohl wichtiger nicht sein könnte, ist Arnoldsen wieder da und könnte sowohl in der Offensive als auch in der Defensive der Dänen zu einem gefürchteten X-Faktor werden - und die deutschen Titelträume durchkreuzen!

Das DHB-Team um Aalborg-Kollege Knorr ist sicherlich gewarnt, zumal auch Arnoldsens Statistik im Nationaldress furchterregend ist: Wie Handball-Experte Rasmus Boysen herausstellte, verlor Dänemark mit Arnoldsen noch nie ein Länderspiel und fuhr 30 Siege und ein Unentschieden ein.

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