Lange schwieg Bundestrainer Alfred Gislason zu der Kritik an seiner Person. Mit dem Ende der Handball-EM und der Silber-Medaille im Gepäck adressierte er dann allerdings doch die kritischen Stimmen – insbesondere die der ehemaligen Nationalspieler und heutigen Experten Stefan Kretzschmar, Pascal Hens und Michael Kraus, die er bei der Bild unter anderem als „Selbstdarsteller“ betitelte.
Gislasons Abrechnung: "Man sollte das jetzt nicht eskalieren lassen - von keiner Seite"
Brand reagiert auf Gislason-Kritik
Ex-Bundestrainer Heiner Brand kann den Unmut des Isländers verstehen, findet allerdings auch, dass ein Teil der Experten-Meinungen ihre Berechtigung haben. „Sie haben deutliche Kritik nach einem Spiel angebracht, das sicherlich auch für Kritik Anlass gegeben hat“, erklärt Brand im Gespräch mit SPORT1: „Wenn man bei einem solchen Turnier als Experte arbeitet, muss man auch seine Meinung kundtun.“
Konkret ging es um die überraschende Vorrunden-Niederlage gegen Serbien (27:30), für die das Trio im Dyn-Podcast „Harzblut“ Gislason als Verantwortlichen ausgemacht hatte. „Alfred, scheiße gecoacht. Vercoacht“, hatte das harte Urteil von Kraus gelautet. Kretzschmar und Hens hatten sich dem angeschlossen.
Handball-EM: „Man sollte das jetzt nicht eskalieren lassen“
„Dass das nicht immer gut ankommt, ist klar“, meint Brand, der von 1997 bis 2011 die deutsche Nationalmannschaft trainierte - und später als TV-Experte für Sky auch die andere Rolle kennenlernte. In einem Punkt stimmt er Gislason allerdings zu: „Die drei Genannten sind Handballfachleute, aber Alfred hat auch recht, wenn er sagt, dass sie noch nie haben Entscheidungen treffen müssen. Es ist etwas anderes, das Spiel zu beobachten oder dazustehen und Entscheidungen treffen zu müssen.“
Was dem Weltmeister-Trainer von 2007 nun wichtig ist: „Man sollte das jetzt nicht eskalieren lassen - von keiner Seite - und sich stattdessen über den Erfolg der deutschen Mannschaft freuen. Man sollte jetzt nicht noch ein neues Fass aufmachen und darüber diskutieren, wer schuld an gewissen Dingen war und wer nicht.“
Heiner Brand: „Es ist sicherlich eine gefährliche Situation“
Dass Gislasons Reaktion auf die kritischen Stimmen erst nach dem Turnier kam, findet der 73-Jährige logisch. „Ignoriert hat er das sicher auch im Turnier nicht. Das hat er schon wahrgenommen, aber sich nach außen nicht damit beschäftigt. Dafür hatte er auch einfach keine Zeit“, erklärt Brand, der aus Erfahrung spricht: „Dass das immer wieder vorkommt, habe ich zu meiner Zeit auch erlebt, wenn sich Kollegen aus der Bundesliga bei einem schlechten Spiel über die Medien geäußert haben. Ob das immer passt? Dazu kann jeder seine eigene Meinung haben.“
Als Experte bewege man sich in der Analyse auf einem schmalen Grat. „Es ist die Frage, ob ich eine Entscheidung des Trainers kritisiere oder mich nur auf das Spiel beziehe und sage, was mir nicht gefallen hat. Dass der Trainer dann auch automatisch mit in die Diskussion gerät, ist vielleicht gar nicht immer gewollt“, erläutert Brand.
„Es ist sicherlich eine gefährliche Situation, wenn man als sogenannter Experte gefragt wird und seine Meinung äußert“, sagt der ehemalige Bundestrainer. „Deswegen habe ich in meiner Zeit als Experte immer versucht, mich zurückzuhalten, was die Arbeit des Trainers anbetrifft, und habe versucht, einzig die Leistung der Mannschaft zu bewerten. Dass da aber auch in gewisser Weise der Trainer dazugehört, ist klar.“
Heim-WM 2027: „Das muss erst einmal bestätigt werden“
Mit dem Ergebnis des Turniers zeigte sich der gebürtige Gummersbacher dennoch hochzufrieden. „Wir haben aber Silber gewonnen – damit war zu Beginn des Turniers nicht zu rechnen“, freut sich Brand, der auch die Entwicklung im Verlauf des Turniers lobte: „Wir haben uns vor allem gegen Frankreich und Kroatien gesteigert und waren da auch spielerisch die bessere Mannschaft. Das war vorher nicht unbedingt der Fall.“
Angesichts der überraschenden Silber-Medaille dürfe man jedoch auch nicht übermütig werden. „Man sollte gleichzeitig demütig bleiben und auch die Spiele in der Vorrunde und zu Beginn der Hauptrunde nicht vergessen, in denen uns Andreas Wolff sehr geholfen hat“, merkt Brand an.
Dass die deutsche Nationalmannschaft hinter den dominierenden Dänen nun die klare Nummer zwei in der Handball-Weltordnung sein soll, sieht Brand nicht. „Wir sollten nicht sagen: ‚Wir sind die klare Nummer zwei hinter Dänemark.‘ Das muss erst einmal bestätigt werden“, fordert er.
Optimistisch mit Blick auf die Heim-WM im kommenden Jahr zeigt er sich dennoch: „Die Möglichkeiten sind sicherlich da, wenn man auf die einzelnen deutschen Spieler blickt. Die werden sich sicher noch steigern können und auch steigern müssen. Mit dem Gedanken an die Heim-WM ist sicher vieles möglich.“