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Handball-WM: Ein umstrittener Einschnitt bei der Nationalmannschaft zahlt sich aus

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Handball-WM: Ein umstrittener Einschnitt bei der Nationalmannschaft zahlt sich aus

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Ein Einschnitt zahlt sich aus

Nach den Enttäuschungen der vergangenen Jahre scheint der deutsche Handball bei der WM wieder auf einem guten Weg. Coach Alfred Gislason verkörpert ihn.
Nach dem Spiel gegen Algerien sorgt DHB-Trainer Alfred Gislason für einen Lacher auf der Pressekonferenz. Zudem blickt er auf den nächsten Gegner Argentinien.
Stefan Junold
Stefan Junold

Viele Hoffnungen waren mit ihm verbunden, als er vor drei Jahren als Handball-Bundestrainer engagiert wurde - aber auch einige Diskussionen.

Nach der EM 2020 fällte der DHB eine damals überraschende und auch umstrittene Personalentscheidung: Der junge und lange als Mann der Zukunft vorgesehene Christian Prokop bekam das Vertrauen entzogen, der 19 Jahre ältere Gislason übernahm - ein Signal, das nicht jedem gefiel, trotz Gislasons Meriten.

Mit sieben deutsche Meistertiteln und drei Champions-League-Siege mit dem THW Kiel eilten dem 63 Jahre alten Isländer ein Ruf als Erfolgsgarant voraus. Bislang hat aber auch er es mit der Nationalmannschaft noch nicht geschafft, für ein Top-Resultat zu sorgen - das Corona-Chaos im vergangenen Jahr, Verletzungen oder Absagen wichtiger Spieler erschwerten ihm die Arbeit beträchtlich.

Markiert das heutige Viertelfinal-Duell mit Frankreich (ab 20.30 Uhr LIVETICKER) nun den Wendepunkt? Es gibt in jedem Fall viele positive Signale, dass sich der vieldiskutierte Personal-Coup mit Gislason nun auszahlt. (SERVICE: So sehen Sie Frankreich Deutschland im Free-TV)

Alfred Gislason formierte ein schlagkräftiges Team

Auch wenn bei dem Turnier in Polen und Schweden erst das Minimalziel erreicht ist, kristallisiert sich eindeutig heraus, dass Deutschland unter Gislason auf einem sehr guten Weg ist.

Durch die fünf Siege mit spektakulärem Offensivhandball vom WM-Start weg entfachte das Team bereits eine kleine Euphorie - daran ändert auch die knappe Niederlage gegen Norwegen zum Abschluss der Hauptrunde nichts. (DATEN: Spielplan und Ergebnisse der Handball-WM 2023)

Der DHB-Spieler Rune Dahmke möchte 2023 mit der Nationalmannschaft Weltmeister werden, privat ist er mit der Kapitänin der norwegischen Nationalmannschaft liiert.
01:27
Handball WM: DHB-Spieler Dahmke mit norwegischer Kapitänin Stine Oftedal liiert

Gislason hat aus dem Personal, das ihm zur Verfügung steht, eine harmonierende Einheit geformt, die es nun mit den absoluten Top-Nationen aufnimmt.

Doch wie hat der Bundestrainer das angestellt, sahen doch einige Experten die deutsche Mannschaft nicht in der Lage dazu, die Weltmeisterschaft sonderlich erfolgreich zu gestalten? (NEWS: Alles Wichtige zur Handball-WM)

- Kaum negative Einflüsse

Waren vergangene Turniere noch von Coronainfektionen im Team, reichlich Kritik von außen oder ähnliche Störfaktoren geprägt, kann die Truppe diesmal komplett in Ruhe arbeiten.

Klar, durch die Erfolge und guten Leistungen gibt es keinen Anlass zu Negativismus. Die kleinen Blessuren von Kai Häfner vor Turnierbeginn und Andreas Wolff nach dem Katar-Spiel sowie ein Erkältungsinfekt von Paul Drux und dessen Ausfall gegen Norwegen waren zu verkraften. Christian Schwarzers Kommentare zu Handball-Schiedsrichterinnen waren da noch der größte Aufreger.

„Die Stimmung ist leistungsorientiert, aber auch freudorientiert. Diesbezüglich geht Alfred als unser Chef vorneweg“, erklärte Co-Trainer Erik Wudtke die Tage. Alle Beteiligten heben die positive Atmosphäre und den Zusammenhalt der Truppe hervor.

Kein Spieler erweckt einen unzufriedenen Eindruck. Das ist stets auch auf den Einfluss des Coachs zurückzuführen.

„Er hat jetzt die Mannschaft, die er sich im Vorfeld gewünscht hat, zur Verfügung - vielleicht Fabian Wiede ausgenommen. Sonst hat er ja immer mit einigen Absagen zu kämpfen gehabt“, nannte Jannik Kohlbacher auf SPORT1-Nachfrage einen weiteren Aspekt. (Die Topscorer der Handball-WM)

- Akribie

In Sachen Handballverstand macht Gislason kaum jemand etwas vor.

Der 63-Jährige, der früher selbst als Profi auf dem Feld stand, verfügt über 30 Jahre Erfahrung als Trainer in seinem Heimatland Island und in der deutschen Bundesliga. Von 2008 bis 2019 prägte er beim THW Kiel eine der erfolgreichsten Ären der Geschichte dieses Sports. (DATEN: Gruppen und Tabellen der Handball-WM)

„So sehr viel trainieren können wir gar nicht, aber insgesamt sind alle Abläufe sehr gut strukturiert und wir fühlen uns auf den nächsten Gegner immer sehr gut vorbereitet, weil er uns auf alle Eventualitäten einstellt“, erklärte Steinert.

„So sehr viel trainieren können wir gar nicht, aber insgesamt sind alle Abläufe sehr gut strukturiert und wir fühlen uns auf den nächsten Gegner immer sehr gut vorbereitet, weil er uns auf alle Eventualitäten einstellt“, erklärt Steinert.

Akribische Auseinandersetzung mit anderen Teams hat Gislason schon immer ausgezeichnet.

Zwar ist die Videoauswertung nicht mehr ganz so exzessiv wie früher, Kohlbacher betonte aber: „Wir haben lange Sitzungen, bei denen er uns mit viel Videomaterial auf die Gegner vorbereitet.“ (Die besten Torhüter der Handball-WM)

Bislang hat Gislason dabei nicht viel falsch gemacht.

- Führungsstil

Gislason genießt bei Spielern und im Umfeld des DHB höchsten Respekt und menschlichen Zuspruch - der womöglich nochmal ein Stück größer geworden ist, als er sich nach dem tragischen Krebs-Tod seiner Frau Kara im Jahr 2021 zum Weitermachen entschied.

Aus Sicht praktisch aller Beobachter lebt Gislason dem Team mit seiner Art die genau richtige Einstellung vor. Co-Trainer Wudtke schildert: Gislason sei bei den Spielen immer mit der nötigen Emotionalität und Anspannung bei der Sache, ansonsten „ist er entspannt und in sich ruhend.“ Gislason zeige eine gewisse Lockerheit, weil er sich über die Dinge freut, die der Mannschaft gelingen. Er spiegelt Souveränität und Selbstbewusstsein wider, was sich auch auf sein Team überträgt.“

Bei seiner Menschenführung findet Gislason genau die richtige Balance zwischen Disziplin und Freiheit für die Spieler. „Er ist entspannt genug, uns im Training Fußball spielen zu lassen“, brachte es Wolff grinsend auf den Punkt.

DHB-Torhüter Andreas Wolff musste im Training einen üblen Kopftreffer von Johannes Golla hinnehmen. Wie gewohnt machte das dem 31-Jährigen aber wenig aus.
00:32
DHB-Torwart Andreas Wolff kassiert beim Fußball einen Kopftreffer von Golla

Dass Gislason seinen Jungs vertraut, machte auch die viel zitierte Ansage in einer Auszeit des Argentinien-Spiels deutlich. „Spielt, was ihr wollt!“, lautete seine Aufforderung. (ARTIKEL: Gislasons neue Liebe nach Tod der Frau)

Gislason lässt seine Spieler auf dem Feld zu einem gewissen Maß freies Handeln. Er gibt die Richtung vor und Taktiken an die Hand, den Rest regelt die Kreativität der Akteure, angeführt von Spielmacher Juri Knorr.

Dennoch betonte Christoph Steinert auf SPORT1-Nachfrage: „Er hat eine sehr autoritäre Aura, die schon an sich für Struktur und Ordnung sorgt. Das ist ein riesiger Vorteil.“