Ligue 1>

Ligue 1: Bringt diese Demütigung das Fass zum Überlaufen?

Eine Demütigung sorgt für Empörung

Bei Racing Straßburg brodelt es hinter den Kulissen gewaltig. Der Abgang von Trainer Liam Rosenior verschärft eine Protestwelle im französischen Fußball und wirft große Fragen hinsichtlich Multi-Club-Ownerships auf.
Liam Roseniorist neuer Trainer beim FC Chelsea. Dan Silver vom Chelsea Supporters' Trust bezweifelt jedoch, dass der Noch-Straßburg-Coach das nötige Format für die Blues hat.
Bei Racing Straßburg brodelt es hinter den Kulissen gewaltig. Der Abgang von Trainer Liam Rosenior verschärft eine Protestwelle im französischen Fußball und wirft große Fragen hinsichtlich Multi-Club-Ownerships auf.

Der FC Chelsea verpflichtet einen neuen Trainer und stattet ihn mit einem wahnwitzig langen Vertrag bis 2032 aus. Soweit schien die Verpflichtung Liam Rosenior nach dem Aus von Enzo Maresca keine allzu große Besonderheit zu sein. Doch auf den zweiten Blick offenbaren sich einige Abgründe des modernen Fußballs, die vor allem in Frankreich riesige Wellen schlagen.

Denn die Verpflichtung von Rosenior war alles andere als alltäglich. Innerhalb kürzester Zeit nahmen die Verantwortlichen von Chelsea Kontakt mit Racing Straßburg auf und schnappten den Franzosen mitten in der Saison den Trainer weg.

Rosenior feierte mit Straßburg große Erfolge und führte den Klub in der vergangenen Saison aus dem unteren Mittelfeld bis auf die europäischen Ränge. In der Conference League schloss man die diesjährige Ligaphase als ungeschlagener Tabellenführer ab und steht auch in der Ligue 1 auf Rang sieben.

„Es gibt Vereine, denen man einfach nicht absagen kann“, erklärte der Engländer nun zu seinem Abgang. Auch wenn er eingestand, dass das Timing, gnädig ausgedrückt, „nicht ideal“ sei, dürfte Rosenior wohl wahrhaftig keine Wahl gehabt haben.

„Wir sind nicht der Ausbildungsverein von Chelsea“

Möglich machte dies ein Phänomen, das in Frankreich und besonders in Straßburg schon lange in der Kritik steht - und zwar die Multi-Club-Ownership (MCO). Im Jahr 2023 übernahm das Konsortium BlueCo nahezu die volle Kontrolle über Straßburg. Dieselbe Gruppe, die nach dem Aus von Roman Abramowitsch 2022 auch in Chelsea übernommen hatte.

In diesem Zeitraum zeigte sich die enge Verbindung auch auf dem Transfermarkt. Insgesamt 14 Transfers wurden seither zwischen den beiden Klubs abgewickelt. Allein im aktuellen Kader der Franzosen stehen drei Leihgaben der Blues sowie zwei Spieler, die im Sommer fest aus London verpflichtet wurden. Mit Toptorjäger Emmanuel Emegha steht zudem bereits ein Abgang für den kommenden Sommer fest.

Nachdem der Abgang des Stürmers bekannt wurde, erklärte Präsident Marc Keller im September 2025: „Wir sind nicht der Ausbildungsverein von Chelsea, sondern große und kleine Brüder, die versuchen, zusammenzuarbeiten.“

Der plötzliche Absprung von Rosenior wirkt jedoch eher, als hätte der große Bruder dem kleineren kurzerhand sein Lieblingsspielzeug geklaut, während die Eltern einfach nur zuschauten.

Multi-Club-Ownerships: Fans fürchten um Zukunft des französischen Fußballs

Während Straßburgs Fans schon seit Monaten protestieren, wird jetzt der Druck auf Präsident Keller noch größer. „Der Transfer von Liam Rosenior ist ein weiterer demütigender Schritt in der Unterwürfigkeit von Racing gegenüber Chelsea“, kritisierte die Straßburger Fanvereinigung in einem Statement. Es könnte der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Das Problem gehe „weit über die sportlichen Auswirkungen in der Saisonmitte und die Ambitionen eines jungen Trainers hinaus“, poltern die Fans. Stattdessen stehe „die Zukunft des französischen Vereinsfußballs auf dem Spiel“.

Keller, der seit 2012 im Amt ist, galt einst als Symbolfigur des Wiederaufstiegs des Klubs, wurde inzwischen jedoch zu einer Zielscheibe der Wut. „Jede weitere Verrenkung von Marc Keller, jede zusätzliche Minute, die er an der Spitze des Vereins verbringt, ist eine Beleidigung für die enorme Arbeit, die vor 2023 geleistet wurde“, heißt es in dem Statement der Fans, das explizit den Rücktritt von Keller fordert. Zudem wolle man sich weiter „aktiv gegen Mehrfachbesitz“ von Klubs einsetzen.

Wenn du hier klickst, siehst du X-Inhalte und willigst ein, dass deine Daten zu den in der Datenschutzerklärung von X dargestellten Zwecken verarbeitet werden. SPORT1 hat keinen Einfluss auf diese Datenverarbeitung. Du hast auch die Möglichkeit alle Social Widgets zu aktivieren. Hinweise zum Widerruf findest du hier.
IMMER AKZEPTIEREN
EINMAL AKZEPTIEREN

Auch in der französischen Presse steht das Konstrukt Multi-Club-Ownership - das vermehrt an Wettbewerbsverzerrung grenzt - stark in der Kritik. „Ein Flaggschiff und seine Vasallen – wie Zynismus und Verachtung die Mehrfachbesitz-Struktur in der Ligue 1 prägen“, titelte beispielsweise L‘Équipe.

In der folgenden Kritik bezeichnete die Zeitung Satellitenklubs wie Straßburg als „bloße Stellschrauben im Getriebe größerer Interessen“, wobei die eigenen Ziele stets „dem Willen des Flaggschiffs“ untergeordnet werden müssten.

Ligue 1: Wie eine Krise den MCO-Aufschwung bewirkte

Bei einem genauen Blick auf das Problem merkte L‘Équipe aber auch an, dass zahlreiche französische Klubs mehr oder weniger in die Abhängigkeit gezwungen worden sein. Bedingt durch die Corona-Krise, den Abbruch der Saison 2019/20 und einen verpatzten TV-Deal waren einige Klubs gezwungen, sich Investoren zu öffnen. Darüber hinaus stellte das Blatt auch infrage, ob Straßburg ohne BlueCo jemals europäisch gespielt hätte oder überhaupt den Abstieg hätte verhindern können.

Der Druck auf Keller bleibt aber auch in den französischen Medien immens. So kritisierte auch sein ehemaliger Nationalmannschaftskollege Christophe Dugarry bei RMC das Vorgehen des Präsidenten.

„Was ich Marc Keller vorwerfe? Dass er sich an einem Fußball beteiligt, den ich hasse – an diesem neuen Fußball, der uns seit Jahren aufgedrängt wird“, ärgerte sich der Ex-Profi und meinte: „Ich weiß nicht, ob man nochmal umkehren kann. Dieser Fußball des Business hat unsere Klubs zu zweitklassigen Vereinen gemacht, zu Durchgangsstationen für Elite‑Klubs wie Chelsea. Manche sind zu Fußabtretern geworden – wie Nizza. Schaut euch Bordeaux an, oder fast auch Lyon. Das ist der Fußball von heute.“

Der Journalist Jean‑Louis Tourre erklärte in der Sendung „After Foot“ bei RMC zudem, dass Keller in der Vergangenheit hätte verdeutlichen müssen, dass Straßburg mehr als nur ein „Ersatzteillager“ sei. Heute gelte hingegen: „Entweder er tritt zurück – oder er sagt offen: Ja, wir sind Chelseas Reservemannschaft.“

Fest steht jedoch: Während in der Bundesliga die 50+1-Regel die Kontrolle von Investoren weiter begrenzt, bleiben den Teams in Europas weiteren Topligen wenige Interventionsmöglichkeiten. Auch die UEFA setzt den Multi-Club-Ownerships nicht viel entgegen.

Ein mahnendes Beispiel bleibt Crystal Palace: Der Klub des Ex-Bundesliga-Trainers Oliver Glasner wurde im Sommer von der Europa League ausgeschlossen. Der Grund: Ein Verstoß gegen die MCO-Regeln, die verbieten, dass Palace im gleichen Wettbewerb wie Olympique Lyon teilnimmt.

Abonniere den Fußball-Newsletter und bleib immer am Ball! Alle Tore, Transfers und News aus den internationalen Top-Ligen direkt in dein Postfach